Abgesang auf die Nachkriegsordnung

Für den Ohrfunk habe ich vor einer Woche folgenden Kommentar geschrieben.

Am 3. Januar 2026 schrieb ich auf Mastodon:
„Heute verstarb im seligen Alter von 80 Jahren, 2 Monaten und 10 Tagen, versehen mit allen heiligen Sakramenten, von der Menschheit betrauert die internationale Nachkriegsordnung nach langem, schweren Siechtum. Ihre Eltern, die Anti-Hitler-Koalition und der internationale Friedenswille, sind längst dahingegangen. Wir, die wir zurückgeblieben sind, trauern um Souveränität, Respekt, Anstand, Vertragstreue, Verlässlichkeit, Frieden und Zukunftshoffnung, die mit der Weltordnung verschieden sind.
Jene Macht, die immer auf die innere Souveränität rechter Regierungen gepocht hat, hat nun endgültig jede internationale Absprache ad absurdum geführt, jede Verlässlichkeit aufgegeben und alles Vertrauen verspielt. Ein ausländisches Staatsoberhaupt zu entführen, nebst seiner Ehefrau, macht jedes Völkerrecht zunichte. Alle Staaten müssten sich vehement zur Wehr setzen, wenn sie nicht fürchten wollen, ähnliches zu erleben. Doch in Europa wird geschwiegen und das Völkerrecht verraten.
Damit ist ein langes Ringen um eine mögliche zivilisatorische Weiterentwicklung der menschlichen Staatengemeinschaft vorläufig an ihr Ende gelangt. Es hat uns Pflänzchen der Hoffnung, aber auch bittere Niederlagen gebracht. Der Frieden der Welt ist am Ende … Ihr wisst schon. … Es tritt eine Funkstille von 300 Jahren ein.“

Zugegeben: Die Formulierung klingt dramatisch, aber die Entwicklung ist auch zum Fürchten. Denn die Entführung eines Staatsoberhauptes aus seinem Land, um dieses Staatsoberhaupt dann in einem anderen Land offiziell wegen Drogenschmuggels vor Gericht zu stellen, widerspricht allen mühsam nach dem zweiten Weltkrieg errungenen Mechanismen des Völkerrechts. Die USA haben einen potenziellen Verhandlungspartner entführt, und sie haben damit eine Reihe von Regierungen gewarnt: „Wenn ihr nicht tut, was wir wollen, fallen wir mit Soldaten bei euch ein und nehmen uns, was wir wollen.“
In Venezuela soll eine rechte, den USA und insbesondere Trump selbst ergebene Regierung an die Macht, die den USA das Öl überlässt. auch wenn selbst die großen Ölfirmen wegen der Qualität des venezuelanischen Öls abwinken. Zu Grönland, das die USA aus geo- und militärstrategischen Gründen haben wollen, sagte der US-Präsident: „Grönland wird amerikanisch, ob sie wollen oder nicht.“ Er erwägt große Militäroperationen gegen den Iran, Kolumbien, Mexico und Kanada. In diesem Wahnsinn, in dem sich niemand mehr darauf verlassen kann, nicht der Nächste zu sein, nennt Bundeskanzler Merz die Völkerrechtsfrage „kompliziert“. Und Armin Laschet sagt: „Wir dürfen es uns mit den USA nicht verscherzen. Wir haben keine Chance gegen sie.“
Die Weltordnung der Vereinten Nationen, in der ein Mindestmaß an Respekt sogar gegenüber Kriegsgegnern herrschte, ist Geschichte. Sicherheit gibt es nicht mehr. Und wie es so ist: Die Amerikanischen Soldaten, die gegen das Völkerrecht verstoßen, machen alles mit, genau wie die Wehrmachtsoldaten im zweiten Weltkrieg, obwohl sie in ihrer Ausbildung gelernt haben, das Völkerrecht zu respektieren. Und alle Staaten kriechen Donald Trump in den Arsch. Wenn der seine Freunde anweist, die Computer in Europa, die großen Serverfarmen und die international vernetzte Software lahmzulegen, ist die Zivilisation, wie wir sie kennen, die am seidenen Faden des funktionierenden Internets hängt, zerstört. Es geht dabei nicht mehr um die Frage, ob Trump diese Druckmittel gegen die demokratischen Staaten einsetzt, sondern darum, dass er es jederzeit könnte, wenn er es wollte, und dass er es tun wird, sobald ihm danach ist. Es gibt schlicht keine Macht, die ihm in dieser Hinsicht widerstehen kann. Die Frage ist also nicht, ob er es tun wird, sondern wann. – Und wenn wir diesen verrückten, gestörten, unberechenbaren Präsidenten überleben, dann wird sein Nachfolger vermutlich J. D. Vance. Denn in den USA wird die Demokratie Schritt für Schritt im Hintergrund abgebaut. Das wollte Jahre lang niemand hören, es ist aber die Wahrheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen so weit ist, dass Vance oder noch mal Trump den Sieg schon im Vorhinein sicher hat, ist real hoch. Und eines kann man jetzt schon sagen: J. D. Vance ist ein Mastermind, ein kühl kalkulierender, religiöser Eiferer und Machtstratege, der Mann hinter Trump. Mit ihm wird es Europa nicht leichter haben. Die einzige Chance, die wir noch haben, ist die, dass bei den kommenden Wahlen trotz aller Manipulation jemand von den Demokraten so haushoch gewinnt, dass man es nicht ignorieren kann, und dass das US-Militär Trump dazu zwingt, das Ergebnis anzuerkennen. Und das ist die allerletzte Chance, 4 Jahre, in denen sich Europa von den USA in technischer und politischer Hinsicht lösen und sich zusammenschließen muss. Das wird nicht geschehen.

Wir erleben den Untergang der Welt, wie wir sie kannten, jetzt im Stundentakt mit. Seit 2016 spätestens rutschen wir immer mehr in diese Richtung. Wir müssen uns auf ein neues, dunkles Zeitalter einstellen. Sicher werden einige Menschen dieses Zeitalter überleben, selbst mit Atomkrieg und Klimawandel. – Doch der zivilisatorische Versuch, mit Demokratie und Wohlstand auch Mitmenschlichkeit und sonstige zivilisatorische Werte zu fördern, ist vorerst gescheitert. Und von den heute Lebenden wird niemand den Wiederaufstieg dieser Werte erleben, wenn kein Wunder geschieht.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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