10 Stunden Live Aid – Wie eine spontane Idee zur großen Ohrfunk-Sondersendung wurde

Am Samstag, dem 12. Juli 2025, sendet der Ohrfunk zehn Stunden lang Highlights des Live-Aid-Konzerts von 1985. Von 18 Uhr bis vier Uhr morgens können unsere Hörerinnen und Hörer noch einmal eintauchen in die besondere Atmosphäre jenes weltumspannenden Musikereignisses, das am kommenden Sonntag vor genau vierzig Jahren stattfand. Diese Sendung entstand nicht durch lange Vorbereitung, sondern aus einer spontanen Idee. Und sie wurde zu einem Projekt, das uns viel Zeit, Energie – und Herzblut gekostet hat. – Ich habe geschuftet wie ein Hauself.

Die Idee, die auf einmal wieder da war

Am Montagabend, fünf Tage vor dem Sendetermin, erinnerte ich mich plötzlich daran, dass sich das legendäre Konzert von Live Aid in dieser Woche zum 40. Mal jährt. Ich schrieb eine kurze Mail ans Ohrfunk-Team und fragte, ob wir dazu etwas machen wollten. Die Reaktion kam schnell: Markus Bruch erinnerte daran, dass wir tatsächlich vor längerer Zeit einmal vorhatten, zum Jubiläum etwas zu senden – aber wie so vieles war dieser Plan im Lauf des Jahres untergegangen. Nun war der Samstagabend im Sendeschema frei. Warum also nicht jetzt?
Je länger wir darüber sprachen, desto klarer wurde: Wenn wir es machen, dann richtig. Nicht ein kurzer Rückblick, kein Musik-Mix mit ein paar O-Tönen, sondern eine große Sendung. So lang wie möglich. Und so nah wie möglich am Gefühl von damals.

Ein Plan aus dem Stand

Schon am nächsten Abend trafen wir uns online über TeamTalk: Konny Faber, Rainer Damerius, Markus Bruch und ich. Es wurde ein intensives Gespräch über Erinnerungen. Jede und jeder von uns hatte das Konzert damals an einem anderen Ort erlebt. Ich saß auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens in Heelderpeel in den Niederlanden. Konny war in Duisburg, Markus in Korntal, Rainer auf einer Party an der Mosel. Wir sprachen darüber, wie heiß es an diesem Tag war, wie viele Menschen vor dem Radio oder Fernseher saßen, und wie stark das Gefühl von Zusammenhalt war, das uns damals erreicht hatte.
Es war die Idee eines Benefizkonzerts, nicht die einer Rockparty. Und doch war es auch eine große musikalische Feier. Manche Künstler sagten später, sie würden das gern jedes Jahr machen. Bob Geldof antwortete sinngemäß: Wenn wir das jedes Jahr machen wollten, müssten wir ein halbes Jahr dafür arbeiten. Live Aid war einmalig – und das sollte es auch bleiben.

Der Schnitt durch die Zeit

Was uns zur Verfügung stand, war ein nahezu vollständiger Mitschnitt des Konzerts – zusammengestellt aus verschiedenen Radioquellen, vor allem von der BBC und von ABC. Insgesamt mehr als 18 Stunden Material: Musik, Moderationen, Interviews, O-Töne. Teilweise falsch beschriftet, in schwankender Tonqualität, mit Überschneidungen und Pausen. Markus übernahm die erste Sichtung, warf einen groben Teil der Beiträge raus und hoffte, so bei etwa zehn Stunden zu landen. Ich sah mir seine Auswahl an, rechnete nach – und stellte fest, dass es immer noch über 14 Stunden waren.
Kürzen war also unvermeidlich. Und es war schwer. Wirklich schwer. Denn kaum etwas davon wollte man weglassen. Dennoch war uns klar: Eine gerechte Auswahl war wichtiger als die bloße Popularität einzelner Acts. Wir wollten alle Regionen der Welt berücksichtigen, große Namen genauso wie selten gehörte Beiträge. Der sowjetische Beitrag sollte dabei sein, ebenso Jugoslawien, Österreich, Japan, Norwegen – und natürlich der deutsche Titel „Nackt im Wind“. Das bedeutete zwangsläufig: Auch bei den ganz Großen musste gekürzt werden. Ja, sogar Queen.
Ich begleitete den Produktionsprozess auf Mastodon, wo viele Reaktionen kamen – einige belustigt, einige entrüstet. Eine Freundin kündigte scherzhaft an, gegen die Kürzung von Queen zu protestieren – sie wohne schließlich in meiner Nähe. Ich antwortete mit „Rotstiftpolitik“, und dass Gerechtigkeit eben manchmal wehtue. Aber genau darum ging es: um Gerechtigkeit.

Das Konzept der Sendung

Unser Ziel war es, den damaligen Konzertverlauf möglichst authentisch nachzuvollziehen. Deshalb haben wir die Chronologie vollständig beibehalten. Es wurde nichts umgestellt, nichts neu sortiert. Wer damals um 13 Uhr an jenem Samstag mit Status Quo begann, tut das auch in unserer Sendung. Die Musik wird – wann immer möglich – mit den Original-Stage-Introductions eingespielt. Die Übergänge zwischen den Bühnen, von London nach Philadelphia, nach Tokio oder Moskau, sind erhalten geblieben. Wir haben nichts glattgebügelt. Das Konzert darf so atmen, wie es war.
Auch unsere eigenen Moderationen sind bewusst auf wenige, klar abgegrenzte Stellen beschränkt geblieben. Am Anfang der Sendung gibt es ein gemeinsames Gespräch zwischen Markus, Rainer, Konny und mir über unsere Erinnerungen. Vor dem deutschen Beitrag folgt eine Diskussion über Stärken und Schwächen von „Nackt im Wind“, sowie über die politischen und unpolitischen Aspekte des damaligen Ereignisses. Und am Schluss kommen wir noch einmal zusammen. Darüber hinaus gibt es zwei oder drei Stellen, an denen Markus noch zusätzliche Informationen beigesteuert hat – etwa zu „Dancing in the Street“ oder zum transatlantischen Auftritt von Phil Collins. Das alles war notwendig und sinnvoll, aber wir wollten uns als Radiomacher nicht in den Vordergrund stellen. Die Sendung gehört dem Konzert – und dem Publikum von damals und heute.

Arbeit am Limit

Insgesamt habe ich über 21 Stunden an dieser Sendung produziert – verteilt auf zwei Tage. Ich schnitt Übergänge, passte Pegel an, suchte passende Stellen für Einspielungen, entfernte überflüssige Pausen und rekonstruierte Moderationen, bei denen wir nicht alle Titel spielen wollten. Ich habe Radiomoderationen so gekürzt, dass sie trotzdem stimmig klangen, habe aus Band-Absagen die Namen nicht gespielter Songs herausgeschnitten, ohne dass man den Schnitt hört – oder es jedenfalls hoffentlich kaum bemerkt.
In der Nacht schrieb ich Mails, die klangen wie nach einem Marathonlauf. „Ich bin fertig. Fertig und weg“, stand da. Oder: „Mein Gehirn ist Brei.“ In Wirklichkeit war ich erschöpft – aber auch glücklich und nicht müde, sondern aufgekratzt. Denn obwohl ich zwischendurch wirklich nicht wusste, wie ich es rechtzeitig schaffen sollte, wuchs die Sendung von Stunde zu Stunde. Irgendwann stand der Rohschnitt. Dann kamen die letzten beiden Stunden. Und am Ende sogar ein kleines Zeitfenster, in dem ich einige schon gestrichene Songs als Zugabe wieder einsetzen konnte. Ich finde es toll, was daraus geworden ist.

Ein Konzert für die Gegenwart

Am Samstagabend um 18 Uhr geht es los. Zehn Stunden Musik, Gespräche, Erinnerungen – ohne übermäßige Kommentierung, ohne rückblickende Einordnung. Wer zuhört, soll das Gefühl von 1985 wieder spüren können. Damals, als sich die Welt für einen Moment einig schien im Wunsch, Gutes zu tun. Es war keine heile Welt, nicht einmal ein heiles Konzert. Aber es war ein Aufbruch, eine Bewegung, ein Versprechen. Etwas, das man nicht so leicht vergisst.
Ich wünsche mir, dass viele einschalten. Nicht nur, weil sie Queen oder Bowie oder Dylan noch einmal hören wollen. Sondern weil es gut tut, sich zu erinnern – an die Musik, an die Kraft der Solidarität, an das Gefühl, dass wir gemeinsam etwas bewirken können. Und vielleicht auch daran, dass es manchmal möglich ist, über Grenzen hinweg zu feiern, zu helfen und sich als Mensch unter Menschen zu verstehen.
Wenn euch die Sendung gefällt, schreibt uns. Teilt eure Erinnerungen. Gebt uns Rückmeldung. Denn was uns antreibt, ist nicht Ruhm oder Quote. Es ist der Moment, wenn jemand sagt: „Das hat mich berührt.“ Dafür machen wir Radio.

Live Aid – 40 Jahre später
Samstag, 12. Juli 2025, 18 Uhr bis Sonntag, 13.07.2025, 4 Uhr
Zehn Stunden Musik, Geschichte und Gefühl – auf www.ohrfunk.de

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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