Als sei alles normal

Den folgenden kleinen Beitrag habe ich für den Ohrfunk geschrieben.

„Es ist Krieg im Libanon, in Afghanistan. Es ist Krieg in Chile, im Iran.“
So beginnt das Lied „Als sei alles normal“ der Band Ape, Beck und Brinkmann aus Dortmund, die in der Zeit der Friedensbewegung zu einem gewissen Ruhm gekommen ist. Das Stück ist genau 40 Jahre alt, stammt also aus dem Jahr 1986, und hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Nicht nur viele Orte stimmen noch, an denen immer noch oder wieder Krieg herrscht, sondern leider auch das, was Fred Ape, der den Text geschrieben hat, über die Art sagt, wie wir mit diesen Kriegen umgehen: „Erfolg ist Krieg, egal wofür, auch wenn ein Land zerfällt. Dann trifft man sich und schwatzt ein wenig, wie’s so weitergeht, und welche Freiheit dafür geradesteht.“ Und etwas später: „Irgend etwas bohrt in mir, das sei alles normal, und hält mich gerade noch im Gleichgewicht. – Und bin doch Teil des Planes auf dem Weg zum großen Knall. Doch treff ich mich und schwatz ein wenig, wie’s so weitergeht, und freue mich dabei noch, dass ich leb.“
Das beschreibt die Idiotie ziemlich gut, mit der wir alle leben, gerade wir hier in den Wohlstandsländern, für die der Krieg langsam zur fernen, aber ständigen Normalität wird.

Jetzt haben die USA den Iran angegriffen. Ziel ist, wie in Venezuela, der sogenannte „Regime Change“. Natürlich gibt es dagegen Proteste, weil damit mal wieder gegen das Völkerrecht verstoßen und die Souveränität eines Landes übergangen und mit Füßen getreten wird. Dass dabei einfach auch Menschen sterben, ganz einfache Menschen, fällt, wie immer in diesen Fällen, bei der Berichterstattung oft unter den Tisch. Und dass die USA unter Trump in die gefährlichste Kriseneiterblase unserer Welt gestochen haben, kann man zwar allenthalben hören, es ist aber den konzeptlosen Strategen in Washington und Tel Aviv völlig egal. Drehen wir den Satz aus dem Lied um: „Krieg ist Erfolg!“ Das „Danach“ interessiert uns nicht.

Wenn ich gegen diesen Angriff bin, bin ich nicht für das iranische Regime, das galt auch schon für Venezuela, aber für derlei Differenzierungen ist in der medialen Aufregung natürlich kein Platz mehr. Auch dafür nicht, dass dieselben Leute, die Freiheit für den Iran und Gaza fordern, oft Israel gern für den Weltbösewicht halten und von der Landkarte verschwinden lassen würden, sich also über die Souveränität Israels recht bedenkenlos hinwegsetzen.

Was bleibt uns außer unserer Ratlosigkeit?
Diese Ratlosigkeit fördert die Freiheit der dreisten Verbrechermachos, zumal sie kurzfristig sogar Erfolge feiern können, die besonnenere Politik in 50 Jahren nicht erreicht hat. Ich weiß, dass Gaza zerstört ist, aber viele mögen glauben, dort herrscht jetzt Frieden. Dieser rücksichtslose Durchmarsch der übelsten Machtpolitik macht uns eines klar: Wir sind nicht beim letzten Aufbäumen des Patriarchats, wir erleben seine Restauration, und die meisten Menschen seufzen erleichtert auf dabei.

Was können wir noch tun in einer Zeit, in der das Völkerrecht nicht mal mehr eine Farce ist? Was können wir tun, wenn wir die Machtlosigkeit allenthalben bis in die tiefsten Tiefen unserer Seele fühlen? Wir werden tun, was wir immer taten, auch vor 40 Jahren schon: „Wie kommt es, dass ich lebe, als sei alles normal? Entrüste mich vielleicht ein wenig mehr. Und bin doch Teil des Planes auf dem Weg zum großen Knall. Doch treff ich mich und schwatz ein wenig, wie’s so weitergeht, und freue mich dabei noch, dass ich leb.“

Wir mögen uns selbst dafür hassen, mögen es verwerflich nennen, mögen uns selbst gefühllose Imperialisten nennen. Aber wie anders wäre das Leben auszuhalten?

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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