Normalerweise erinnere ich mich morgens nicht an meine Träume, aber diesmal schon. Keine leichte Kost.
Ich hatte einen Traum:
Sie kamen im Morgengrauen. Ich stand am Kühlschrank, um für meine Liebste und mich ein schönes Frühstück zuzubereiten, als sie die Tür aufbrachen.
Sie kamen nicht völlig unerwartet, aber wir hatten bis zuletzt gehofft.
Sie sagten, wir hätten fünf Minuten, um ein paar Sachen zu packen.
Ihre Stimmen klangen hart und ungeduldig, aber mit einem Rest von Freundlichkeit, der uns Hoffnung gab.
Sie rissen die Stromkabel der Computer ab, sie warfen ein altes Radio auf den Boden, sie durchsuchten die Briefe, die auf dem Tisch lagen.
Und wir? Wir packten, von Angst und Verzweiflung getrieben, Tränen überströmt und schon den Abschiedsschmerz fühlend, ein paar wenige Sachen.
Ich hatte einen Traum:
Sie schoben uns grob und ungeduldig aus der Tür, die Treppe hinunter und aus dem Haus, während hinter uns unsere Wohnung, unser Leben von 32 Jahren, lautstark und mit Lachen demoliert wurde.
Sie warfen unsere tapfere, immer wieder austreibende Palme um.
Sie wühlten in der Kiste mit unseren Hochzeitserinnerungen und warfen unsere Kostbarkeiten auf den Boden und zertraten sie.
Ich hörte noch, wie sie Kassetten und CDs in Müllsäcke warfen, in unsere Müllsäcke, und wie sie Punktschriftbücher zerrissen und dabei lachten.
Und wir? Wir ließen uns in ein Auto treiben, nur froh, dass wir noch nicht voneinander getrennt wurden.
Ich hatte einen Traum:
Im Auto saßen zwei Männer, die ruhig klangen und sagten, wir hätten Glück gehabt.
Sie sagten, das Rollkommando würde gleich anrücken, sie würden uns harmlose Politische vorher wegbringen. Denn die, die kommen würden, wären wütend und kompromisslos.
Sie sagten, sie seien froh, dass nun endlich mit den Linken und den Grünen, den Spinnern und den Intellektuellen aufgeräumt werde, die Deutschland beinahe vernichtet hätten. Da würde es eben auch Leute wie uns treffen, obwohl sie sich nicht vorstellen konnten, was wir getan hätten, außer uns durchfüttern zu lassen. Sie sagten, es sei aber auch nicht ihre Sache. Sie würden uns nur zum Sammelplatz bringen. Immerhin hätten wir Dinge mitnehmen dürfen.
Und wir? Wir hielten uns an den Händen und weinten. An einem anderen Tag hätten wir jetzt gefrühstückt und Musik gehört, keines Menschen Feind.
Ich hatte einen Traum:
Ich saß im Freien an einem Tisch, viele Andere saßen dort, meine Liebste nicht. Hinter uns wurden Türen aufgebrochen und Wohnungen ausgeräumt und vernichtet.
Einige beschwerten sich, es sei nicht ordnungsgemäß, die Türen stünden offen, ihr Hab und Gut sei bei einer Verhaftung nicht geschützt.
Die Anderen lachten nur und schlugen den Menschen, die sich beschwerten, ins Gesicht.
Ich weiß noch, dass ich sagte, während ich mein Handy, dass ich in meiner Tasche gehabt hatte, in der Hand hielt: „Wir haben keine Rechte mehr und keine Zukunft. Sie werden uns auch das Letzte nehmen. Glaubt ihren höhnischen Versprechungen nicht.“
Und einer kam auf mich zu und sagte: „Du hast ja noch ein Handy, du rote Sau! Her damit!“
Und ich? Ich riss meinen Arm hoch und warf es in die Luft, so dass es am Boden zerschellte.
Auf dem Handy waren ein paar Dateien gewesen, in denen die Stimme meiner Liebsten zu hören war.
Und dann, bevor man mich quälen und schlagen konnte, bin ich aufgewacht.
Irgendwann, wenn das alles vorbei sein wird, wenn ihr guten Deutschen wirklich gelitten haben werdet unter Terror und Krieg, dann werdet ihr euch wieder fragen, wie so etwas hatte möglich sein können. „Es ging uns doch vorher gut“, werdet ihr erstaunt feststellen. Aber heute glaubt ihr, dass es euch nicht gut geht, und ihr sucht nach den Schuldigen. Linke und Grüne, die euch euer Auto wegnehmen, den Kommunismus einführen und die Gesellschaft verweichlichen und verschwulen wollen; Faule Arbeitslose, die sich auf eure Kosten satt essen wollen, während ihr im Schweiße eures Angesichts diese Drecksäcke durchfüttert; Behinderte, die nichts für die Gesellschaft tun, aber von ihr reichlich Geld und Gerätschaften bekommen; Ausländer natürlich, die eure Frauen vergewaltigen, euch die Wohnungen und die Termine beim Zahnarzt wegnehmen, die eure Arbeitsplätze klauen und vom Staat alles in den Arsch gestopft kriegen; Die da oben, die doch immer machen, was sie wollen, und denen ihr scheißegal seid, die sich nur um die Genderdebatten und Frauenpolitik kümmern. All die sind schuld, dass Deutschland am Abgrund steht, glaubt ihr.
Und ich? Ich rede und schreibe und hoffe immer noch, und fühle mich doch so hilflos.
Heute Nacht hatte ich einen Traum, den ich nur so noch beschreiben kann, wie ich es eben getan habe, weil viele der schrecklichen Details, der Worte, der Geräusche schon verblasst sind. Er war nicht erschreckend, nicht traurig, er war weltumstürzend. Und ich weiß, dass er möglich sein wird, ich ahne, dass er wahrscheinlich werden könnte.
Mit dieser Angst lebe ich schon jetzt, wenn ich sie nicht, wie meistens, verdrängen kann. Ich lebe mit ihr schon jetzt, wo es uns doch noch so gut geht.
Bitte warte einen Augenblick.