Wenn ich mich knapp alle vier bis fünf Monate mal hinsetze und ein paar eigene Zeilen in den Computer tippe, dann merke ich, wie mir die Puste ausgeht. Gerade in Zeiten, wo ich mehr schreiben sollte, verstumme ich. Ich stehe geschlagen und fassungslos vor der Wirklichkeit, die im Stundentakt das Haus einreißt, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Wenn ich dann tatsächlich etwas schreibe, ist es kein geschliffener Text mehr, sondern eine Fragmentsammlung wie die Folgende.
Kaum etwas in diesem Beitrag, außer dem Mimimi, dem Jammern über die Zustände, ist von mir. Dafür schäme ich mich, aber es ist so. Gott sei Dank gibt es viele Menschen, die scharfsinnig und mutig genug sind, mehr und besseres zu sagen als ich.
Der Grund, warum ich diesmal wieder zur Computertastatur griff, ist der Skandal um das Verbot eines Liedes im deutschen Fernsehen. Danger Dan und sein Lied „Keine Angst“. Noch bevor ich es wirklich hörte, hörte ich die Anstalt, fand dort ein anderes, wirklich beeindruckendes Lied und schrieb folgendes auf Mastodon:
Mein Gott, was für eine Sendung! Ich habe gerade die AntifAnstalt gehört. Was für eine grandiose Sendung. Und dieses gemeinsame Lied am Schluss. Es wäre so aufrüttelnd, wenn es irgendwen im Land kümmern würde, wenn wir nicht einfach weiter so machten, als würde nichts geschehen. Es ist traurig, diese aufrechten Menschen gegen den Zeitgeist der Niedertracht singen und spielen zu hören und zu wissen, dass es nichts gibt, keine Argumente und Wahrheiten, die Faschismus aufhalten können. Wir haben nur noch diesen einen Schuss, so singen sie, und sie haben recht. Die CDU und die SPD zerstören unsere Demokratie, weil sie nicht mehr den Mut haben, gegen das Volksbegehren des Hasses aufzustehen. – Wir werden es alle noch erleben. In 46 Tagen sind die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Und es ist egal, wie viele Millionen man in diesen Wahlkampf steckt: Die Mehrheit dort will den Wechsel, vielleicht ohne die Konsequenzen zu bedenken. – Aber nur vielleicht. Die AntifAnstalt – Der letzte Schuss
Vor Jahren hätte man reagieren müssen. Das Grundgesetz stellt alles bereit, was wir brauchen. – Den Begriff „militante Demokratie“, der von Karl Loewenstein geprägt wurde, hatte ich schon gehört, aber jetzt werde ich den zugehörigen Aufsatz lesen, und ich werde wieder einmal Grund haben, mich als Deutscher dafür zu schämen, dass er nie auf deutsch erschien. Vielen Dank für den Kampf für unser aller Freiheit auf den Straßen der sog. national befreiten Zonen. Vor euch verbeuge ich mich, wenn ich nicht selbst kämpfen kann. Wir hier, die wir intellektuell und voller Empörung unsere Rechthaberei konservieren, wir profitieren davon, dass andere aus existenzieller Not die Fähigkeit lernen mussten und müssen, den Nazis entgegenzutreten. „Keine Angst“ singt Danger Dan und liefert in dem Song ein Minihandbuch zur Antifa-Organisation. Igor Levit ist dabei, das ist ein Gütesiegel. Ich als blinder Hobbyjournalist kann vieles von dem nicht tun, aber ich kann reden und schreiben und verdammt dankbar sein!!
Die AntifAnstalt hat mich aus mehreren Gründen beeindruckt und beschwert gleichermaßen. Die Künstler*innen, die mit echtem Engagement und echter Verzweiflung für die Demokratie eintreten, die sehen, dass Optimismus fehl am Platze ist, dass man aber trotzdem weiterkämpfen muss. Die Unglaublichkeit, dass man ein Lied deshalb nicht ausstrahlt, weil es zur antifaschistischen Organisation aufruft. Dann setzt man sich in einer Extra-Sendung mit dem Lied auseinander und lässt die Leute nicht zu Wort kommen, um die es geht und denen das Lied Mut machen will: Die Leute, die sich jeden Tag gegen den erstarkenden Faschismus engagieren und ständig an Leib und Leben bedroht sind. Und das hier in Deutschland, in dem Land, das sich geschworen hat, nie wieder Faschismus zuzulassen.
Faschismus, so habe ich in der AntifAnstalt gelernt, ist keine Ideologie, sondern eine Methode zur Machtergreifung. Gesagt hat das Karl Löwenstein in seinem Aufsatz „Militant Democracy“. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, was er sagt, er schrieb in einer anderen Zeit und aus einer anderen Situation heraus, aber lesen möchte ich diesen Aufsatz schon. Erinnert wurde ich auch an Robert Lehr, den Bundesinnenminister, der 1951/52 das Verbot der Sozialistischen Reichspartei anstieß, die eine Art NSDAP-Nachfolgepartei war. Bemerkenswert ist dabei, dass Lehr vor dem 2. Weltkrieg Mitglied der DNVP gewesen war, also der Partei, die mit der NSDAP gemeinsam die Regierung nach dem 30.01.1933 stellte. Auch konservative Politiker konnten Eier in der Hose haben in den fünfziger Jahren.
Ein paar Tage später erfuhr ich von der „Keine Angstalt“, der Veranstaltung, die Danger Dan und Igor Levit planten, als das Verbot, im ZDF aufzutreten, bekannt wurde. Ich schrieb wieder auf Mastodon:
Ich habe soeben die #KeineAngstalt gehört, die Veranstaltung, die Danger Dan und Igor Levit nach der Ausladung aus der ZDF-Sendung Die Anstalt durchgeführt haben. Die Wortbeiträge von Heike Kleffner und insbesondere Kristin Pietrzyk sind so eindringlich, so wortgewaltig und einfach zugleich, dass sie in die Geschichtsbücher gehören, wenn es nach dem Kommenden noch Geschichtsbücher gibt. Noch könnt ihr es hören, das freie Wort Die #KeineAngstalt mit Danger Dan und Igor Levit
Ich habe vor ein paar Tagen schon gesagt, dass mich die #AntifAnstalt sehr beeindruckt hat. Ziemlich zu Beginn begrüßte Max Uthoff die Zuschauer*innen zur „letzten Anstalt“ und beschrieb später, wenn eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt den Rundfunkstaatsvertrag kündige, werde die #Anstalt mit als erstes eingespart werden. Auch diese Sendung kann ich nur nachdrücklich noch einmal zum Hören empfehlen. Wer weiß, wie lange es noch geht. Die AntifAnstalt
Mich erinnert die Spannung dieser Zeit, dieses bleierne Gefühl und eben diese Anstalt an die Beschreibung eines Kongresses, der am 19. Februar 1933 in Berlin unter dem Titel „Das freie Wort“ stattfand. Der Gelegenheitsdiplomat, Kunstmäzen und Globetrotter Harry Graf Kessler hat uns in seinem Tagebuch eine Beschreibung dieses Kongresses hinterlassen, kurz und schnörkellos, die Eingang in einige Bücher gefunden hat, die diesen Übergang zur Diktatur beschreiben.
Harry Graf Kessler schreibt über den Kongress „Das freie Wort“ am 19.02.1933 in seinem Tagebuch u. a.: „Die Versammlung verlief zunächst ruhig. … Dann verlas Grimme eine Botschaft, die Thomas Mann für die Kulturbund-Kundgebung bestimmt hatte und die mit starkem Gefühl für die deutsche Republik eintrat, ihr dabei aber nicht den Vorwurf ersparte, durch ihre Gutmütigkeit den jetzigen Zustand herbeigeführt zu haben. Dieser Passus wurde von der Versammlung am stärksten beklatscht. … Als Heine davon sprach, daß die neuerliche Bekehrung der Nazis zum Christentum vielleicht darauf zurückzuführen sei, daß in Palästina in einem zweitausend Jahre alten Grab kürzlich ein Hakenkreuz gefunden worden sei, trat der Polizeioffizier an Lange heran und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Laute Rufe: »Weiterreden, weiterreden!« ertönten, aber Lange löste trotzdem unter großem Lärm auf. Dann wurde allerseits ›Freiheit‹ und von einigen ›Rot Front!‹ gerufen, und ein großer Teil der Versammlung sang die ›Internationale‹ und ›Brüder, zur Freiheit‹.
Während des Gesanges leerte sich allmählich der Saal. Es lag in der Situation ein starkes, mitreißendes Pathos. Viele hatten sicher ebenso wie ich das Gefühl, daß dieses für lange Zeit das letzte Mal sei, wo Intellektuelle in Berlin öffentlich für die Freiheit eintreten könnten.“ Er sollte recht behalten.
Nun mögen die AntifAnstalt und die KeineAngstalt nicht das letzte freie Wort in Deutschland vor einer neuen faschistischen Diktatur gewesen sein, noch nicht. Aber, wie Danger Dan in seinem Lied „Keine Angst“ deutlich sagt, gibt es nur noch eine kleine Chance, noch etwas ändern zu können. Vielleicht liegt es noch an uns, oder an denjenigen, die sich wehren können, und die es für uns alle schon so lange tun. Noch einmal Danke!!! Danger Dan – Keine Angst
Ich habe oft gesagt, wir hätten starke Parallelen zu 1933 oder 1932. In einigen Punkten stimmt das auch, aber es gibt einen gewaltigen Unterschied. So sehr die Parteien der Linken nach der Machtübernahme versagten, so sehr haben sie vorher an ihrem Widerstand und auch ihrem Wählerstamm festgehalten. Heute werden alle Parteien nach und nach marginalisiert, beziehungsweise marginalisieren sie sich selbst mit hingebungsvoller Lust. Kurt Tucholsky hat das in seinem Gedicht „Rosen auf den Weg gestreut“ aus dem Jahre 1931 gut beschrieben, war also damals derselben Meinung wie ich heute. Nur glaube ich tatsächlich, dass mit der Abwanderung der SPD ins rechte Lager nicht mehr viel vom Widerstand übrig ist, weniger als damals. Danger Dan hat das Gedicht von Tucholsky vertont und in der Keine Angstalt gesungen. Kurt Tucholsky schrieb seinerzeit:
„Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Fascisten, wo ihr sie trefft!
Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: „Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!“
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Fascisten, wo ihr sie trefft!
Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …
Und verspürt ihr auch
in eurem Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Fascisten, küßt die Fascisten,
küßt die Fascisten, wo ihr sie trefft –!“
Wie schon gesagt kam der beeindruckendste Beitrag in der Keine Angstalt von Kristin Pietrzyk. In dem Lied „Keine Angst“ hatte Danger Dan unter anderem gesungen: „Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lass‘ ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag‘ nix mehr dazu
Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“. Diese 4 gehören zu einer Gruppe von Menschen, die in mehreren Prozessen gegen mutmaßliche linksextreme Gewalttäter vor Gericht stehen oder bereits verurteilt wurden. Lina E. wurde am 31. Mai 2023 vom Oberlandesgericht Dresden zu fünf Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah ihre Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie ihre Beteiligung an mehreren gefährlichen Körperverletzungen, außerdem Sachbeschädigung, Urkundenfälschung, Diebstahl und Nötigung als erwiesen an. Von zwei weiteren Körperverletzungsvorwürfen wurde sie freigesprochen. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil am 19. März 2025; damit ist es rechtskräftig. Rechtskräftig festgestellt wurde unter anderem:
Beim Überfall auf einen Kanalarbeiter in Leipzig-Connewitz im Januar 2019 soll Lina E. dessen Kollegen mit einem großen Pfefferspray auf Abstand gehalten haben, während mindestens vier andere Angreifer den Kanalarbeiter bewusstlos schlugen. Das Opfer erlitt schwere Gesichtsverletzungen. Besonders verstörend ist: Der Mann war offenbar wegen einer Mütze angegriffen worden, die in der rechten Szene beliebt ist. Eine tatsächliche rechtsextreme Betätigung des Opfers war nicht festgestellt worden. Johann G., genannt „Gucci“, wurde im November 2024 nach mehrjähriger Fahndung festgenommen. Seit November 2025 steht er vor dem Oberlandesgericht Dresden. Angeklagt ist er unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Urkundenfälschung. In einzelnen Tatkomplexen wirft die Bundesanwaltschaft ihm und weiteren Angeklagten versuchten Mord vor. Der Prozess läuft im Juli 2026 noch; Johann G. ist in diesem Verfahren noch nicht verurteilt. Maja T. wurde im Dezember 2023 in Berlin festgenommen und im Juni 2024 nach Ungarn ausgeliefert. Gegenstand des Verfahrens sind Angriffe während des rechtsextremen sogenannten „Tags der Ehre“ in Budapest im Februar 2023. Damals wurden an mehreren Orten mutmaßliche Teilnehmer der Veranstaltung oder dafür gehaltene Personen überfallen; neun Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Maja T. wurde die Beteiligung an zwei Angriffen vorgeworfen. Am 4. Februar 2026 verurteilte das Budapester Gericht Maja T. zu acht Jahren Haft. Nach der deutschen Berichterstattung nahm das Gericht in zwei Fällen Mittäterschaft und in zwei weiteren Fällen Beihilfe zu versuchten gefährlichen Körperverletzungen innerhalb einer kriminellen Vereinigung an. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung legten Rechtsmittel ein. Das Urteil ist daher nicht rechtskräftig. Gerade bei Maja ist die Beweislage kompliziert. Nach übereinstimmenden Berichten gab es weder eine DNA-Spur noch einen Zeugen, der Maja als angreifende Person identifiziert hätte. Das Bundesverfassungsgericht stellte später fest, dass Majas Auslieferung nach Ungarn rechtswidrig gewesen war. Die deutschen Gerichte hatten die Gefahr menschenrechtswidriger Haftbedingungen, insbesondere für eine nonbinäre Person, nicht hinreichend geprüft. Thomas J., genannt „Nanuk“, ist ebenfalls Angeklagter im laufenden Dresdner Verfahren. Ihm wird keine führende Mitgliedschaft vorgeworfen, sondern die Unterstützung der mutmaßlichen Vereinigung. Er soll unter anderem Kampfsporttrainings organisiert oder durchgeführt und sich an dem Angriff auf den Eisenacher Rechtsextremisten Leon Ringl im Oktober 2019 beteiligt haben. Bei ihm trat im April 2026 eine wesentliche Wendung ein: Das Oberlandesgericht hob seinen Haftbefehl auf und entließ ihn nach ungefähr eineinhalb Jahren Untersuchungshaft. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin bestand hinsichtlich seiner Beteiligung an dem Eisenacher Angriff kein dringender Tatverdacht mehr. Ein wichtiger Belastungszeuge hatte eingeräumt, dass seine Angaben zu Thomas J. teilweise lediglich auf eigenen Vermutungen und nicht auf unmittelbarer Kenntnis beruhten. Diese 4 Menschen grüßte Danger Dan also in seinem Song am Schluss, und darüber regt man sich seither in allen Medien auf. In ihrer zwölfminütigen Rede erklärte die Rechtsanwältin Kristin Pietrzyk in diesem Zusammenhang: „In der vergangenen Woche haben fünf Angeklagte aus dem sogenannten Budapest-Komplex im Gerichtssaal in Düsseldorf ihr Schweigen gebrochen. Angeklagte, die andere Namen tragen als die im Lied genannten, die aber ebenso genannt, gegrüßt sein könnten. Diese Angeklagten wollten nicht mehr hinnehmen, Objekte in einem Prozess zu sein, der sie und ihre Mitangeklagten als brutale linke Schläger hinstellt. Die Erklärungen dieser Angeklagten enthalten eine Zustandsbeschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Nöte und der Hoffnungslosigkeit, die nichtrechte Menschen heute erdulden. … Eine … Angeklagte sprach von ihrer Familie – ihre Mutter stammt aus Ungarn -, dass sie regelmäßig bei Verwandten in Budapest war und sich schon früh fragte, warum diese ungarische Familie so viel kleiner ist als die deutsche. Die Antwort ist brutal einfach. Ihre Vorfahren waren Juden und viele von ihnen wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Nele schildert im Gericht, wie ihr Großvater 1944 als Zwangsarbeiter durch eine Bombe starb, wie dessen Vater auf dem Weg nach Auschwitz zu Tode geprügelt wurde, wie andere Verwandte in Lagern umkamen oder als Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden. Sie erzählt von dem Bruder ihres Großvaters, der als Widerständler gehängt wurde, in heller Hose und Lackschuhen und von weiteren Verwandten, die 1944 aus dem Ghetto deportiert wurden und nie zurückkehrten. Diese Menschen waren Musiker, Anwälte, Zahnärzte, Journalistinnen, Arbeiter, Kinder. Heute sind ihre Namen in Yad Vashem zu finden. Und sie sagt auch, jedes Jahr marschieren in Budapest wieder Neonazis, um [die] zu feiern, die ihre Familie und Hunderttausende anderer ermordet haben. Das wollte ich nicht hinnehmen müssen, sagt sie. Das ist keine abstrakte politische Pose. Es ist eine Reaktion auf eine zutiefst persönliche jüdische Familiengeschichte, in der Faschismus nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart ist. Eine Geschichte, die es zu Tausenden gibt, in Millionen Versionen. Die Geschichte ihrer Familie zeigt, dass Faschismus nicht nur ein Kapitel im Geschichtsbuch ist, sondern eine Kontinuität, die bis heute spürbar ist. Eine Kontinuität, in der Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, körperlich und geistig Beeinträchtigte, Nicht-Weiße erleben, dass Täter glorifiziert werden, dass ihre Mörder gefeiert werden, dass die Ideologie, die ihre Familien ausgelöscht hat, wieder auf den Straßen sichtbar ist. … … Faschismus ist keine Meinung, sondern eine Gefahr für die Menschenwürde und den öffentlichen Frieden. Wenn Nele über ihre Familie spricht, dann erinnert sie uns daran, warum das so ist. Sie erinnert uns daran, dass hinter jeder Zahl der Shoah konkrete Menschen stehen, konkrete Familien, konkrete Geschichten. Und dass Faschismus immer bedeutet, konkrete Körper, konkrete Namen, konkrete Leben werden zerstört. Und lasst mich an dieser Stelle sehr deutlich sein, gerade als Strafverteidigerin, Körperverletzungen auch gegen Nazis, auch gegen Neonazis sind strafbar. … Wer einen Menschen schlägt, verletzt, angreift, macht sich grundsätzlich strafbar. Egal, welche Gesinnung dieser Mensch hat. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Der Rechtsstaat beansprucht das Gewaltmonopol, damit Konflikte nicht durch individuelle Gewalt ausgetragen werden. Wenn wir also darüber sprechen, warum Menschen Nazis nicht allein lassen, warum sie sich ihnen in den Weg stellen, warum sie aus ihrer Sicht nicht mehr nur auf staatliches Handeln warten wollten, dann reden wir nicht darüber, ob das Strafrecht abgeschafft werden soll. Wir reden darüber, wie Menschen reagieren, wenn sie erleben, dass der Staat zwar Gesetze gegen Volksverhetzung, NS-Verherrlichung und rechte Symbole hat, diese aber oft zu spät, zu zögerlich oder gar nicht durchsetzt. Die zentrale Spannung ist also nicht, ist Körperverletzung erlaubt, wenn das Opfer ein Nazi ist? Nein, ist sie nicht, sie ist strafbar, Punkt. Die zentrale Spannung ist, was machen zum Beispiel Menschen, deren Familiengeschichte vom Nationalsozialismus geprägt ist? Die erleben, dass Neonazis wieder marschieren, dass sie den Mördern ihrer Verwandten huldigen, dass antisemitische und rassistische Gewalt wieder Alltag ist. Wenn sie erleben, dass Menschen sterben, angegriffen und ausgegrenzt werden. Nele hat im Gericht genau diese Spannung beschrieben. Sie hat erklärt, dass sie in einer Stadt aufgewachsen ist, in der sich eine rechtsterroristische Struktur gebildet hat, die Menschen ermordete, während Behörden wegschauten. Sie hat erklärt, dass sie nicht hinnehmen wollte, dass Neonazis ungestört ihre Ideologie verbreiten, ihre Aufmärsche abhalten, ihre Gewalt planen, während diejenigen, die das nicht hinnehmen, kriminalisiert werden. … Deswegen schauen wir genau hin, wer in diesem Land tatsächlich alleingelassen wird. Es sind Menschen, deren Wohnhäuser von Nazis markiert werden, deren Namen auf Feindeslisten auftauchen, die nachts die Route nach Hause ändern, weil die Bedrohung so real ist, dass sie ihren Körper verändert. Es sind die, die beim Staat Anzeige erstatten und erleben, dass Akten verschwinden, Verfahren eingestellt werden, rechte Motive verharmlost werden. Es sind jene, die nach Anschlägen erklären müssen, warum sie noch hier sind, statt dass die Gesellschaft fragt, warum diese Anschläge überhaupt möglich waren. Wenn wir also über linke Gewalt reden, sogenannte linke Gewalt, dann müssen wir auch darüber reden, was dahinter steht. In dem bisher gesprochenen Urteil im Antifa-Ost-Komplex wird davon gesprochen, dass der Staat diese Art von Selbstjustiz nicht hinnehmen kann. Ja, kann er nicht, soll er nicht und hat auch ehrlicherweise niemand erwartet. Aber es ist an der Zeit, eine Gegenfrage zu stellen. Wie viel müssen wir denn noch hinnehmen? Müssen wir es hinnehmen, dass Lieder veröffentlicht werden, in denen beschrieben wird, wie unsere Freunde und unsere Wahlfamilie ermordet werden soll? Müssen wir es hinnehmen, dass wir beim Essen mit unseren jüdischen Freundinnen darüber philosophieren, welches Land denn noch sicher ist für sie? … Nun, man kann mir als Juristin ja erwidern, und das sollte man auch, dafür hat das Recht doch einen Schutz geschaffen. Ja, theoretisch, und das Wort theoretisch wird immer größer. Wie viel Recht ist da, wenn ein Mensch entgegen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nach Ungarn ausgeliefert wird? … Wie viel Recht ist da, wenn Minderheiten und Personen, die von rechten Parteien als unerwünscht deklariert werden, diejenigen, die einen Eid auf die Verfassung geschworen haben, fast schon anflehen, sie vor einer rechten Regierung zu schützen und als Antwort bekommen, ein Verbotsverfahren gegen die AfD, das sei zu gefährlich, zu riskant und sie würden die AfD eher politisch bekämpfen. Auf die Fragen ja wann denn und wie denn, bekommen wir keine Antwort. Und wieder geht es um konkrete Körper, konkrete Namen, konkrete Leben, die wieder in Gefahr sind. … Wenn da nur Unrecht ist und keine Empörung, dann ist da Verzweiflung. Das Lied „keine Angst“ ist ein Lied gegen diese Verzweiflung, gegen das Aushalten, Durchhalten, Wegducken, Durchkommen, Wegtauchen, Aufgeben. … Danger Dan übernimmt Verantwortung, indem er Namen nennt, indem er Partei ergreift. Indem er nicht so tut, als wäre es neutral, in Zeiten erstarkender faschistischer Bewegungen einfach nur Künstler zu sein. Darin liegt keine Verachtung für den Rechtsstaat, sondern eine Ernstnahme seiner Versprechen, dass Gerechtigkeit mehr ist als die Vollstreckung von Strafandrohungen, dass Menschenrechte unteilbar sind, dass sich Freiheit immer auch daran messen lassen muss, wer sie sich leisten kann. Wenn also heute oder morgen Abend über einen Gruß in diesem Lied gestritten wird, dann geht es nicht wirklich um ein paar Worte in einem Lied. Es geht darum, ob wir akzeptieren, dass antifaschistisches Engagement zur Hauptgefahr erklärt wird, während faschistische Bedrohung als unausweichlich, als auszuhalten, als unabwendbar, ja als schicksalshaft behandelt wird. Es geht darum, ob diese Gesellschaft Menschen, die in Verfahren wie dem Antifa-Ost-Verfahren angeklagt oder verurteilt sind, restlos zu Feinden erklären darf. Oder ob wir anerkennen, dass sie in einer Gesellschaft handeln, in der faschistische Gewalt in Wort und Tat wieder salonfähig geworden ist. Es geht darum, ob wir bereit sind, die, die sich dem entgegenstellen, öffentlich zu stigmatisieren oder ob wir ihnen zumindest zugestehen, nicht allein zu sein und Mensch zu sein. Deshalb sage ich, der Gruß in diesem Lied ist kein Skandal. Der Skandal ist, dass so viele Menschen, die von Faschismus bedroht sind, auf sich gestellt bleiben und dass diejenigen, die sich an ihre Seite stellen, sich rechtfertigen müssen.“
(Kristin Pietrzyk, Wortbeitrag bei der Veranstaltung „Die Keine Angstalt“ mit Danger Dan und Igor Levit, Columbia-Theater Berlin, 21. Juli 2026, ab etwa 49:40 Minuten; Aufzeichnung auf YouTube.)
Warum war diese Veranstaltung nur im Stream und nicht in den öffentlich-rechtlichen Medien zu sehen, die unsere Demokratie schützen und ihre Werte verteidigen sollen? Das ZDF hat bei der Ausladung von Danger Dan und Igor Levit sinngemäß erklärt, eine journalistisch gebotene Einordnung des Liedtextes sei nach der Vorführung in der verfügbaren Zeit nicht mehr möglich gewesen. Dann bitte: Sendet diese Veranstaltung, in der eine Rechtsanwältin und eine Journalistin einordnen, worum es tatsächlich geht. Bis zur Fertigstellung dieses Artikels war eine Videofassung der Sendung Aspekte nicht verfügbar, in der sich das ZDF mit dem Lied auseinandergesetzt hat und – nach Aussagen von Danger Dan selbst – zwar rechte Journalisten wie Jan Fleischhauer, aber keine von Nazi-Gewalt betroffenen Personen ausführlich zu Wort kommen ließ.
Die Kontroverse zeigt: Die öffentlich-rechtlichen Medien räumen den aufmarschierenden Faschisten sämtliche Stolpersteine aus dem Weg. Das ist nicht neu. Seit Jahren werden AfD-Größen in Talkshows hofiert, von rechtsextremer Gewalt betroffene Gruppen aber nicht gehört oder in einem Nebensatz abgetan. Staat und Medien tragen zunehmend rechtsautoritäre Züge. Das sage ich nicht zum ersten Mal, aber für jemanden wie mich, der in der Kanzlerschaft Helmut Schmidts und Helmut Kohls aufgewachsen ist, ist dieser Zustand widerlich, erschreckend und beängstigend. Auch Helmut Kohl war kein Kanzler mit sauberer Weste, aber ich wünsche mir seine geistig-moralische Wende zurück und seinen Spendenskandal, wenn ich dafür die AfD und die immer rechtsextremer werdenden Parteien der Mitte loswerden könnte.
Dazu passt ein Artikel auf der Plattform Perspective Daily, in dem der Frag-den-Staat-Gründer Arne Semsrott erklärt, dass die größte Gefahr für unsere Demokratie aus der sogenannten Mitte kommt, von den etablierten Parteien, die – um die Faschisten zu schwächen – faschistische Politik machen. Semsrott erklärte es genauer und intelligenter, ihr könnt das selbst lesen. Ich finde es erschreckend.
Zum Schluss ein anderes Thema, das aber genau an diesen Platz gehört. Eine der besten, engagiertesten und glaubwürdigsten Aktivistinnen und Publizistinnen ist Marina Weisband, eine großartige Verteidigerin unserer Demokratie, der man wirklich zuhören sollte, weil sie sehr kluge Dinge so sagt, dass sie gut und für jeden Menschen verständlich sind. Im Juni sprach sie in einer Kolumne im Deutschlandfunk über ein mögliches Jugendwort 2026. Viele Jugendliche hatten sich zusammengetan, um das Wort „Mehrzweckeier“ vorzuschlagen, eine Verballhornung, eine Verharmlosung des Spruchs „Merz leck Eier“, der auf einem Demoplakat in den letzten Jahren zu sehen war. Sie sagte unter anderem: „Nun tut sich die Jugend, die so oft für politische Unkenntnis und Passivität gescholten wurde, zusammen und protestiert. Auf die harmloseste, zahmste, demokratischste Weise. Hier ist ja keine Beleidigung, kein rauer Ton, nicht mal ein Schimpfwort. … Das hohe Ziel der Kampagne ist einfach nur, Tagesschausprecherin Susanne Daubner das Wort Mehrzweckeier-Sagen zu hören. Und wenn der Langenscheidt-Verlag und die Tagesschau clever sind, dann spielen sie da auch mit. Nicht zuletzt, weil sie selbst die Regeln dieses Spiels gemacht haben. Ich kann mir aber auch einen alternativen Ausgang vorstellen. … Wenn der Kanzler zu empfindlich ist oder der Langenscheidt-Verlag oder die Tagesschau zu ängstlich sind, dann könnten sie die Kette der Ereignisse auch unterbrechen. Zum Beispiel könnte der Verlag den Eintrag aus vorauseilendem Gehorsam ausschließen. Dann würde irgendwas wie Clockit zum Jugendwort des Jahres und die Jugendlichen würden eine sehr klare Botschaft erhalten. Egal wie harmlos, wie humorvoll eure Meinungsbekundungen sind, sie sind, wo sie sich gegen die Obrigkeit richten, nicht willkommen. Dies ist kein Land freier Rede. Seid still und hofft, dass KI euch nicht die Jobs wegnimmt, in denen ihr demnächst länger arbeiten sollt, wenn ihr mal mit dem Wehrdienst durch seid.“ Und genau das ist passiert: Der Verlag hat das Wort nicht zugelassen. Der Begriff würde gegen die Regeln verstoßen, weil er auf einer Kampagne beruhe und eine persönliche Beleidigung beinhalte. Auf Mastodon schrieb ein User daraufhin: „OHA! Marina Weisband hat hellseherische Fähigkeiten.“ Ihre Antwort: „ich hab einfach schon mal in einem autoritären Land gelebt. Ich habe gelernt, wie sich sowas entwickelt.“
Wir leben in einem Land, in dem das Autoritäre durch alle Ritzen kriecht. Viele glauben es immer noch nicht, weil es doch die demokratischen Parteien sind, die die Politik machen, und die natürlich nie unsere Verfassung verraten werden. – Doch! Tun sie! Auch die SPD, meine Partei, die alte Tante mit Otto Wels und Willy Brandt. Wenn die Mehrheit die Demokratie nicht mehr will, dann wird sie abgeschafft. Allerdings ist da Arne Semsrott, der behauptet, es sei noch lange nicht die Mehrheit, die die Demokratie nicht mehr wolle, nur eine sichtbare Mehrheit, die Mehrheit der sichtbaren, der Vertretenen. Kinder, Migranten, Wähler kleinerer Parteien und Nichtwähler blieben draußen.
Und da stehe ich jetzt: Ein Lied und der Umgang damit brachte mich noch einmal zum Schreiben. Vor allem gab ich euch Links zu Menschen, die kräftiger und weiser sind als ich. Als ich spätestens vor 11 Jahren begann, vor der AfD zu warnen, nannten mich meine Freunde einen Schwarzseher. Jetzt sind wir alle am Abgrund, und zum Teil sind die Grundrechte schon ausgehöhlt in diesem Land mit den vollen Regalen, der ablenkenden und verblödenden Unterhaltung, den feigen Medien und der verkommenen Politik.
Als Letztes möchte ich noch allen danken, ganz tief aus meinem Herzen, die immer noch Kraft haben und schöpfen, Mut machen und Hoffnung verbreiten. Viele treffe ich auf Mastodon, Marina Weisband ist eines der besten Beispiele. Ohne euch alle, auch die Moderator*innen der Anstalt, Igor Levit, Danger Dan, Heike Kleffner und Kristin Pietrzyk nicht zuletzt, ohne euch wäre alles schon zum Teufel. In 39 Tagen sind die ersten Landtagswahlen. Danach sehen wir weiter. Denn so lange ich schreiben kann, und sobald mir etwas einfällt, schreibe ich, auch wenn es nur Fragmente sind.
Bitte warte einen Augenblick.