Die Demokratie ist tot, und was nun?

Den folgenden Beitrag habe ich schon Anfang April für den Ohrfunk geschrieben, aber vergessen, ihn ins Blog zu stellen. Das hole ich hiermit nach.

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If I say the Words – Meine Hitparaden und ich

Irgendwo unter meinen tausend Kassetten, die in mehreren großen Kisten ihrer Verstaubung entgegenschlummern, befindet sich auch eine, deren B-Seite heute vor 30 Jahren aufgenommen wurde. Zuerst kann man dort ein paar Lieder hören, an die ich mich nicht mehr so genau erinnere, dann plötzlich ist nur die zweite Strophe eines Liedes zu hören, eines weithin unbekannten englischsprachigen Schlagers niederländischer Bauart. Das Lied hieß „If I say the Words“ und stammte von der niederländischen Gruppe BZN. Mit diesem Lied und mit diesem Tag begann meine Liebe zum niederländischen Radio, zur niederländischen Musik, ja meine Begeisterung für Popmusik überhaupt, und natürlich meine Liebe zu Hitparaden.

Als ich 13 war, kaufte meine Familie in den Niederlanden ein kleines Ferienhaus. Nicht am Meer, wo es alle hinzieht, sondern kurz hinter der Grenze in der Provinz Limburg, nahe bei der Stadt Roermond, die vielen Westdeutschen heute wegen des dort ansässigen Designer Outlets bekannt ist. Von da an lebte ich in einem Wunderland. Am Wochenende waren wir immer dort, und ich liebte die Stille, den Wald, den Sand unter meinen Füßen, den See hinterm Haus, die Enten im See, die meinen Freunden und mir die Brotstücke aus den Fingern nahmen, die Vögel in den Bäumen, die jedes Erwachen zu einem Fest machten, die Eichhörnchen, die morgens übers Dach liefen, um nach Nüssen zu jagen, das Hämmern und Sägen der Menschen, die fröhlich an ihren Häuschen arbeiteten, ihrem privaten Lebensglück, unterstützt von Nachbarn und Freunden, die einander fröhlich über die niedrigen Zäune und Hecken hinweg Klatsch, Infos und Freundlichkeiten mitteilten. Ich liebte den Gesang an den Abenden vor so manchem Haus, den Duft nach Rauch und Feuer, nach Grillgut und Dünger, nach Wald und Feld. Ich liebte das Knallen der Vogelscheuchen, das Planschen der Kinder im See, den Bass der Musik, die bei Festveranstaltungen aus dem Festsaal und der Kantine drangen. Ich liebte das Radio, das mir von ferne fremdartige Worte und Töne ins Haus brachte. Ich liebte das Frühstück draußen auf der Terrasse, während sich ein älterer Nachbar über unseren Zaun beugte und stundenlang mit uns schwatzte. Wir nannten ihn den Zaunkönig. – Und so könnte ich noch Stunden schwärmen von dem Paradies meiner Kindheit und Jugend. Mit zwei Freunden erkundete ich die Gegend und erlebte allerlei Abenteuer, wer mir wichtig war, dem wollte ich dieses wundervolle Kleinod zeigen, das noch heute tief in meinem Herzen lebt.

Ich darf sagen, dass wir bei unseren Nachbarn schnell beliebt waren und Freunde fanden. Deutsche und Niederländer gleichermaßen verstanden sich mit uns, und so mancher Samstag wurde in den kommenden Jahren zum Grill- und Feiertag. Aber unsere niederländischen Freunde sprachen deutsch mit uns, und wenn ich Radio hörte, schaltete ich meistens WDR 2 ein, der kurz hinter der Grenze gut zu empfangen war. Wenn ich damals Musiksendungen hörte, dann war es die Schlagerrallye auf WDR 2, die mir Mitte 1983 aufgefallen war. Mein erster Hit aus der Popmusik war „Moonlight Shadow“ von Mike Oldfield, und an der neuen deutschen Welle begeisterte mich fast ausschließlich Peter Schilling mit seinen Weltraum- und Science-Fiction-Songs.

Am liebsten hätte ich immer meine gesamten Schulferien auf Heelderpeel verbracht, so hieß der Campingplatz, auf dem unser Häuschen stand. Aber meine Eltern mussten oft arbeiten, und so war meistens nicht länger als eine Woche möglich. In den Osterferien 1984 hatten wir uns auf die erste Woche geeinigt. Meine Freunde Helmut und Mark waren auch da, und wir verlebten eine schöne Zeit. Eine Katze war uns zugelaufen, auf dem Platz gab es viele Katzen ohne Besitzer. Wir fütterten sie und versuchten, sie an uns zu gewöhnen, allerdings vergebens. Helmut hatte seine Vorliebe für die neue Musikrichtung Breakdance entdeckt, aber ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Trotzdem probierte ich an den strengen Rhythmen meine Schneidekünste aus, und wir produzierten ein Medley. Leider war die Woche viel zu schnell vorbei, und am 15. April hätten wir Heelderpeel verlassen müssen. Doch es gab eine Überraschung: Meine Schwester, 11 Jahre älter als ich und schon Mutter zweier Kinder, wollte eine Woche mit mir und meinem Freund Helmut auf Heelderpeel Urlaub machen. Es war eine der schönsten Wochen dieses Jahres. Meine Schwester war fröhlich und gut drauf, wir spielten einander Streiche, meine Freunde und ich waren viel unterwegs, wir kochten auch mal zusammen. Im Hintergrund lief Radio, meine Schwester hörte gern Musik. Aber sie war nicht auf WDR 2 festgelegt, sondern drehte am Senderwahlknopf und blieb, wo es ihr gefiel. So kam es, dass erstmals das Radio auf Hilversum 3, dem Pop-Sender der Niederlande, eingestellt war. Schnelle, spritzige Moderatoren waren dort zu hören, die ich nicht verstand, und überhaupt machte das Ganze für mich einen hektischen Eindruck. Aber meine Schwester war zufrieden, sie konnte oft ihr damaliges Lieblingslied hören: „Hello“ von Lionel Richie. Und sie erzählte mir, dass auf dem Video eine blinde Frau mit Langstock zu sehen sei, die durch die Straßen einer Stadt ginge.

Heute vor 30 Jahren, am Donnerstag, dem 19. April 1984, wurde meine Schwester von meinem Schwager abgeholt, und ein paar Stunden war ich allein in unserem Häuschen, bevor meine Eltern kamen und mit mir das Wochenende dort verbrachten. Ich weiß noch genau, wie das Häuschen aussah, der langgestreckte Wohnraum, der früher ein eigenes, kleines Zelthaus gewesen war. Hinten eine Küche und ein Bad angebaut, über den sandigen Hang hinweg und unterkellert, daran arbeitete mein Vater noch. Und wie ein L angebaut zwei Schlafzimmer: Eins für meine Eltern, eins für mich. Ich kniete an diesem Mittag vor meinem Bett und vor dem Radiogerät, das immer noch auf Hilversum 3 eingestellt war. Fasziniert hörte ich, dass offenbar eine Hitparade lief, obwohl ich kaum etwas verstand. Ich spitzte also die Ohren. Niederländische Zahlen kannte ich schon, also konnte ich die Plätze der einzelnen Lieder ermitteln. Leicht zu hören war auch, ob es sich um einen Aufsteiger oder absteiger handelte, und ich konnte auch ermitteln, wieviele Wochen das Lied bereits in der Hitparade vertreten war. Mit den Hitparaden auf Hilversum 3 begann ich, niederländisch zu lernen. Nicht alles war gut, was ich da an Musik hörte, längst nicht alles gefiel mir, aber ich lauschte fasziniert der Hitparade und bedauerte, dass es Donnerstag war. Donnerstags würde ich künftig selten Hitparaden hören können. Ich ahnte damals noch nicht, dass fast jeden Tag auf dem Sender eine Hitparade zu hören war. Der Sender wurde nämlich von verschiedenen öffentlich-rechtlichen Veranstaltern benutzt. Es gab einen katholischen Radiosender, der Sonntags sendete, einen sozialistischen, er war Dienstags dran, einen evangelischen, den hörte man Mittwochs, einen überkonfessionell christlichen, der Samstags seine Sendungen ausstrahlte, und drei reine Unterhaltungsstationen, die Montags, Donnerstags und Freitags sendeten. Freitags war es das berühmte „Radio Veronica“, der ehemalige Seesender, den man auch fälschlicherweise einen Piratensender genannt hatte. Donnerstags sendete die TROS, auch ein POP- und Unterhaltungssender. So war ich also mitten in die TROS Top 50 hineingeraten.

Was dann geschah, ist für sich genommen vollkommen unspektakulär. Ich döste ein. Wir hatten in den letzten Tagen oft die Nacht zum Tag gemacht, zusammen gesessen, auch mal ein Gläschen Wein getrunken, was für mich eine neue Erfahrung war. Ich war einfach platt, auch weil ich morgens noch mit meinen Freunden gewandert war. Jedenfalls döste ich während der Hitparade ein, vor dem Bett kniend, den Kopf auf dem Bett liegend, vor mir das Radiogerät, das leise lief. Gegen viertel nach fünf kamen meine Eltern zur Tür herein, und dabei wurde ich wach. Das erste, was ich hörte, war ein Lied. Eine Männerstimme sang: „If I say the words I want you, will you smile or let me down? Will you hold my hand or turn around?“ Dann ein kurzes Instrumental, und dann ein mehrstimmiger Gesang unter Führung einer Frau: „If you say the words I want you, I would never let you down. Love is golden like the morning sun, say the word and I’ll be yours.“ Aber da hatte ich längst den Aufnahmeknopf gedrückt und stand auf, um meine Eltern zu begrüßen.

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Ich weiß nicht, warum „If I say the Words“ von BZN, das an diesem Tag Platz 6 der TROS top 50 war, einen so großen Eindruck auf mich gemacht hat. Vielleicht, weil ich an einer der schönsten Stellen des Liedes aufgewacht war. Es klang überirdisch schön für mich, obwohl es ein einfaches Schlagerliedchen ist, sagt mein Kopf. Aber es hat seinen Zauber nie verloren. Ich musste es unbedingt in voller Länge aufnehmen, und so verbrachte ich jede freie Minute am Radio, bis ich es endlich ergatterte. Anfangs ärgerte ich mich noch darüber, dass die niederländischen Moderatoren in die Liedanfänge sprachen, dass kaum ein Lied ausgespielt wurde, aber das verging schnell. Als ich dieses Lied suchte, in den Osterferien 1984, lernte ich die Hitparaden der niederländischen Sender kennen, die berühmten Moderatoren, die Vielfalt der neueren und älteren Popmusik, eine Hitparade, in der klassische Stückchen, experimentelle, teils elektronische Musik, Pop- und Rockröhren und kaum erträgliche niederländische und deutsche Schlager nebeneinander zu hören waren. Ich verliebte mich endgültig in Land und Leute, und in das Radio.

Heute mag ich es gemächlicher. Wenn ich selbst eine Sendung moderiere, muss ich nicht überall hineinquatschen, ich kann meine Infos auch nach dem Lied in aller Ruhe an die Hörerschaft bringen. Aber wenn ich bei einer Veranstaltung den DJ gebe, oder wenn ich unsere Partysendung beim Ohrfunk moderiere, dann sind mir die niederländischen Moderatoren mit ihrer spritzigen Fröhlichkeit oft noch immer ein Vorbild. Und wenn ich die alten Hitparaden noch einmal alle hören könnte: Wie gern würde ich das tun.

Und BZN? Die Gruppe wurde für lange Zeit meine Lieblingsband. Ich mochte nicht alles, aber vieles. Beim 25jährigen Jubiläum der Band im Jahre 1991 war ich live dabei. In den Niederlanden sind sie eine Legende, als sie sich 2007 nach 41 Jahren auflösten, wurde eine 13teilige Dokumentation über sie gedreht, und das Abschiedskonzert wurde live im Fernsehen und Radio übertragen. Ich habe inzwischen viele viele Dinge gehört, die künstlerisch anspruchsvoller und interessanter sind als die Lieder von BZN, aber diese Band wird für mich immer etwas besonderes bleiben, weil sie mit meinem Leben so eng verwoben ist. Und „If I say the words“ wird für immer das Lied bleiben, das ich mit meiner Liebe für die Niederlande, ihre Hitparaden und ihre Musik verbinde, und für die unbeschwerten und paradiesischen Teile meiner Kindheit und Jugend.

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Von der „Ehre“, bei Wikimannia genannt zu werden

Im folgenden Beitrag gibt es ganz bewusst so gut wie keine Verlinkung. Ich will ihn weder für themenfremde, noch für themennahe Werbung nutzen.

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Ein paar Worte zur Homophobie-Debatte

Manchmal gibt es gesellschaftliche Debatten, bei denen man denkt, man habe sie seit vielen Jahren hinter sich. Eine grün-rote Schulinitiative hat in den Feuilletons der großen Tageszeitungen eine wahre Flut von Beiträgen über Homophobie ausgelöst. Und ich muss an die Menschen denken, die das lesen müssen.

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Kleinkarierte Kleinstaaterei

Am vergangenen Wochenende tauchte eine bedenkenswerte Meldung in den Schlagzeilen auf. Bei einem inoffiziellen Internetreferendum in Venetien hätten sich 89 % der Bevölkerung für die Loslösung von Italien und die Gründung der „Republik Venetien“ ausgesprochen, mit der Lagunenstadt Venedig als Hauptstadt. Die mittelalterliche „Republik Venedig“, damals ein bekanntes internationales Zentrum von Handel und Verkehr, war für die Initiatoren das Vorbild für ihre gebietsvorstellungen im Bezug auf den neuen Staat. Nun fordern sie ein offizielles und bindendes Referendum.

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Ich schreibe, warum ich nichts schreibe – meine politische Lethargie

In den letzten Wochen habe ich auf Twitter fast nur noch gelesen, aber nichts mehr geschrieben und keine Stellung mehr bezogen. Das mag die Nation im Allgemeinen nicht interessieren, für mich ergab sich aber nach dieser längeren Abstinenz der Wunsch, mal wieder einen richtig guten politischen Kommentar zu schreiben. Also setzte ich mich an meinen Computer, und da sitze ich noch. Das Problem: Ich habe keine wirkliche Inspiration und sehe keinen Sinn in einem weiteren Kommentar meinerseits. Also mache ich aus der Not eine Tugend und erzähle Ihnen, warum das so ist.

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Russische Intervention auf der Krim – Krieg oder Frieden in Europa

Der folgende Beitrag wurde von mir am 03.03.2014 für Ohrfunk.de geschrieben. Leider habe ich vergessen, ihn in mein Blog zu stellen, was ich jetzt nachhole, obwohl die Geschichte längst über diesen Beitrag hinweggegangen ist.

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Karnevalsparty des Karnevalsmuffels

Es gibt so Augenblicke, da erkenne ich mich selbst nicht wieder. – Hier: Weihnachten ist so ein fall… – Da sitz ich dann und mache für den Ohrfunk eine Bescherungssendung mit Glocken und guten Wünschen und Kirchenliedern, und das, obwohl ich mit dem Gott und dem dazugehörigen heiligen Geist nicht so viel am Hut hab. Gut, in der Kindheit, da schon, normal, aber heutzutage?

Oder Karneval. Als Kind ging ich als Cowboy oder Indianer, wechselte also quasi wahlweise die Seiten und genoss die Kindheit. Aber als ich erwachsen wurde, ging mir das gewissermaßen verordnete Komasaufen einer ganzen Generation, voll mit heimlicher Untreue und aufgesetzter Fröhlichkeit auf den Keks, Massen im Schunkelbierzelt hätte ich auch auf dem Oktoberfest haben können, aber das mag und mochte ich auch nicht. – Also kein Karneval.

Und dann saß ich am Mittwoch bei Franz-Josef Hanke im Wohnzimmer. Im Gegensatz zu mir liebt er den kölner Karneval und bedauert, in diesem Jahr nicht dort sein zu können. Und dieses Bedauern rührte eine Seite oder auch Saite in mir an. Plötzlich hörte ich mich mit den Bläck Fööss singen: „drink doch eine met!“ Es ist zum Großteil auch ihm zu verdanken, wenn ich in einer Stunde auf ohrfunk.de eine Karnevalsparty beginne. Das hätte ich mir nie träumen lassen, aber es wird geschehen. Ganz alte Erinnerungen stiegen in mir auf, als ich mich einmal dazu entschlossen hatte. Ich selbst lese eine Büttenrede vor, damals, in der Aula unserer Schule. Die Sitzungspräsidentin, die immer „Stimmts oder hab ich recht?“ fragt, und wir alle klatschen. Der Lehrer, der immer sagt: „Herr Kapellmeister, Klatschmarsch!“ Wir und unsere Eltern bei der Karnevalssitzung der Schule mit einer tollen Schulband und durchaus auch intelligenten Büttenreden. Ein freier Nachmittag, an dem ich mit Cowboy- oder Indianergewand durch die Schule ziehe, einfach nur ein fröhliches Kind. Und auch ich lief mit dem kleinen Zug mit, der durch unser Schulgelände zog.

Also gut, denke ich mir, feiern wir Karneval noch mal so, wie vor … – nun, nicht 40 Jahren, wie es die Bläck Fööss besingen, aber wie vor 30 oder 35. Und wenn nicht ganz so, dann doch so, wie es in meiner Erinnerung lebt.

Na? Feiert ihr auch Karneval? Vielleicht kommt ihr ja zu meiner Party? Es gibt auch ganz alte Musik, und neue natürlich auch.

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Gerade gelesen: Todesengel – das neueste Buch von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach ist einer der größten lebenden deutschen Schriftsteller. Zu unrecht wird er als Science-Fiction-Autor bezeichnet, nur weil er auch ein paar Ausflüge in dieses Genre unternommen hat. Eigentlich beschäftigt er sich mit der Gegenwart und den Möglichkeiten, die sich daraus für die Zukunft ergeben. Dabei greift er immer wieder aktuelle gesellschaftliche Fragen auf. Die endlichkeit der fossilen Ressourcen in „Ausgebrannt“, die Problematik der Wahlcomputer und einer echten Demokratie in „Ein König für Deutschland“, gesellschaftliche Folgen und Risiken bei einer Weiterentwicklung und Beherrschbarkeit der Nanotechnologie in „Herr aller Dinge“, um nur einige seiner jüngsten Veröffentlichungen zu nennen.

In seinem 2013 erschienenen Roman „Todesengel“ wendet sich Andreas Eschbach einem aktuellen gesellschaftlichen Problem zu: Der Jugendgewalt. Als ein Rentner in einer U-Bahn-Station zwei Jugendliche auffordert, die Sitzbänke nicht mutwillig zu zerstören, schlagen sie ihn brutal zusammen und hätten ihn vermutlich einfach ermordet, wenn nicht plötzlich eine weiß strahlende Gestalt mit wehendem Haar erschienen wäre und sie ohne Zögern erschossen hätte. Auf diesen Fall, und auf drei weitere, die sich binnen einer Woche ereignen, wird ein erfolgloser junger Journalist aufmerksam. Er hätte gern schon oft den Opfern brutaler Gewalt auf den Straßen eine Stimme gegeben, doch sein Chefredakteur beschied ihm, es passe nicht ins gesellschaftliche Klima, man wolle viel lieber etwas über den Hintergrund der Täter erfahren. Nun erhält er eine Chance, eine eigene Fernsehsendung zu moderieren, die „Anwalt der Opfer“ heißt und scheinbar genau seinen Idealen entspricht.

Wie immer ist Eschbachs Roman voll von interessanten, realistisch gezeichneten Figuren. Da ist der Journalist, mit dem man angesichts seiner allgemeinen Erfolglosigkeit und seines unbestreitbaren Engagements Sympathisiert, auch noch, als man langsam begreift, dass er zu Selbstjustiz aufruft und populistisches Gedankengut vertritt, nach härteren Strafen ruft und dem „Todesengel“ ein Forum bietet. Da ist der Soziologieprofessor, ein Frauenheld und unsympathischer, hochmütiger Karrierist, der unbeirrbar an der These festhält, dass man sich für die Motive und Hintergründe der Täter interessieren muss, um wirksam gegen Jugendkriminalität vorzugehen. Da ist der Staatsanwalt, der voller Arroganz und mit dem Auftreten eines überlegenen Medienprofis auf das Gewaltmonopol des Staates pocht und versucht, die Geschichte des modernen Robin Hood, zu dem der Journalist den Todesengel stilisiert, unter dem Teppich zu halten. Und dann haben wir noch einen redlich arbeitenden Polizeikommissar, dessen Ziel es ist, seine Arbeit zu tun und sich nicht durch den Medienhype einerseits und den politischen Druck andererseits einschüchtern und einnehmen zu lassen. Die Liste der Hauptfiguren ist damit natürlich nicht abgeschlossen, aber mehr soll hier nicht verraten werden.

Beim Lesen habe ich mich dabei ertappt, dass ich eine ganze Weile lang den Ansichten meines Sympathieträgers den Vorrang vor den Ansichten der anderen Seite gab. Wie gehen wir mit der gefühlt ständig zunehmenden Jugendkriminalität um? Sicher ist es keine Lösung, die Täter einfach in flagranti zu erschießen. Aber muss man die kriminellen und gewaltbereiten Jugendlichen immer mit ihrem schlechten Elternhaus, ihrer sozialen Stellung und ihrer Perspektivlosigkeit entschuldigen? Hat nicht jeder eine Wahl? Kann sich nicht jeder aus eigenem Antrieb entscheiden, nicht gewalttätig zu werden? Muss man den Jugendlichen nicht mit klaren Konsequenzen entgegentreten, und muss man diese Konsequenzen nicht nur androhen, sondern auch bereit sein, sie eben konsequent durchzusetzen? Und müssen es nicht Konsequenzen sein, die abschrecken, über die die Täter nicht nur lachen? Auch ich habe mich, wie einige im Buch, auf eine gewisse Weise für eine Weile erleichtert gefühlt, dass jemand diese Meinung einmal öffentlich vertritt, ein Mensch, der nicht im Verdacht steht, rechtsradikal und menschenverachtend zu sein. – oder? – Auch ich habe gefühlt, dass eine solche Meinung unpopulär ist, dass sie von den herrschenden Meinungsmonopolen vielleicht nicht unterdrückt, aber diskreditiert wird. – oder? –

Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis sich mein Inneres wieder geraderückte. Natürlich wird der Ruf nach härteren Strafen nicht unterdrückt oder diskreditiert, es ist der einfache Ruf, der von einer beachtlichen politischen Strömung bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein vertreten wird, mit dem Bestsellerautoren ihr Geld machen. Aber Andreas Eschbach spielt gekonnt mit Sympathie, Eloquenz und Engagement seiner Figuren. Neben allem anderen, was in diesem Buch zur Sprache kommt, zeigt er auch auf, wie sehr politische Überzeugungen auch an die Menschen gebunden sind, die sie vermitteln. Es dauert eine Weile, bis man begreift, dass der Journalist sich verrennt, weil auch er eine Geschichte hat, die man berücksichtigen muss. Er verliert danach nicht die Sympathie, aber man hofft, dass er die Kurve kriegt. Und es dauert auch, bis man sich eingesteht, dass die Thesen von der Prägung eines Menschen durch sein soziales und familiäres Umfeld nicht weniger wahr sind, nur weil sie von einem unsympathischen, egoistischen, erfolgsverwöhnten, testosterongesteuerten Soziologieprofessor vertreten werden. Und natürlich muss das Gewaltmonopol in den Händen des Staates liegen, will man, dass eine Gesellschaft funktioniert. Selbstjustiz ist keine Lösung, sie zu verhindern ist keine Unterdrückung.

„Todesengel“ ist sicher eins der dunkelsten Bücher Andreas Eschbachs. Nicht nur, weil man dort viele Menschen trifft, die Gewalt erfahren oder erfahren haben und dadurch für ihr restliches Leben gezeichnet sind, sondern auch, weil es keine Lösungen gibt, keine jedenfalls, die schnell spürbar funktionieren. Die Verrohung, die wir alle immer wieder zu spüren glauben, tritt auch in dem Roman deutlich zum Vorschein. Dass diese gefühlte allgemeine Verrohung im Gegensatz zu den Kriminalstatistiken steht, was im Buch auch angedeutet wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang der Medien mit Gewalt.

Natürlich gibt es neben den tiefschürfenden gesellschaftlichen Problemen auch noch die persönlichen Geschichten der Beteiligten. Man kann dem Journalisten Beim Aufblühen zuschauen, ohne dass er seinen Charakter verändert. Eschbach zeichnet seine Figuren differenziert und interessant, wenn er auch mit der Darstellung von Liebesgeschichten meiner Meinung nach ein ernsthaftes Problem hat. Seine Beschreibungen der Polizeiarbeit, des Medienrummels und der Arbeit eines Selbstverteidigungslehrers werden, wie immer bei Eschbach, gut recherchiert und anschaulich vermittelt.

Populismus, so weiß ich nach der Lektüre dieses Buches wieder, ist nichts weit entferntes, was immer nur ein Problem anderer Leute ist. Populismus geht alle etwas an, auch mich, denn er ist gefährlich und kann im Gewand scheinbar vernünftiger und einleuchtender Argumente auftauchen.

Ich kann dieses Buch nur wirklich jedem empfehlen. Es macht nachdenklich, es verfolgt einen, und es findet Schmerz und Trauer.

Andreas Eschbach: Todesengel
Erschienen im Bastei-Lübbe-Verlag, auch als E-Book und Hörbuch ISBN 978-3-8387-4509-1

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Die Affäre edathy

Seit mehr als einer Woche wird die Republik mehr und mehr vom „Fall Edathy“ und von der „Affäre Edathy“ heimgesucht. Zum einen handelt es sich dabei um die Frage, ob ein bekannter Bundestagsabgeordneter Kinderpornografie besaß, was nach deutschem Recht strafbar ist, zum Anderen geht es darum, ob er vor Ermittlungen gewarnt wurde, ob Regierungsmitglieder Geheimnisverrat und andere Politiker Strafvereitelung begangen haben. Und die über allem stehende Frage lautet: Wird die große Koalition es überleben? Dieser Fall ist so komplex, dass ich mich ihm in mehreren Beiträgen widme. Im ersten Beitrag behandelte ich den rechtlichen „Fall Edathy“, im zweiten wird es um die politische „Affäre Edathy“ gehen.

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