Orwell spinnt nicht mehr – Zur NSA-Affäre

Den folgenden Beitrag habe ich heute als gelesenen Kommentar beim Ohrfunk veröffentlicht.

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Von Mikronationen, Hitparaden, Weltstaaten und Freundeskreisen

Es ist 17:20 Uhr, heute ist der 23. Mai 2013. In dieser Minute stehe ich mit meiner Liebsten vermutlich auf einem kleinen, vielleicht noch zu erahnenden Sandhügel in den Wäldern nahe unseres derzeitigen Ferienortes Heelderpeel, während auf diesem Blog mein bereits zuvor geschriebener Text veröffentlicht wird. In diesen Minuten vor 30 Jahren habe ich mit zwei Freunden auf jenem unbedeutenden Sandhügel in den Niederlanden ein Kinderspiel begonnen, das mich bis heute prägt, Grundlage meines sozialen Umfeldes und meiner politischen Anschauung geworden ist, ohne dass es so geplant gewesen wäre.

Es war ein ganz gewöhnlicher Pfingsmontag, jener 23. Mai 1983. Eichhörnchen, die über das Dach unseres Häuschens liefen, weckten mich. Meine Eltern deckten den Frühstückstisch auf der Terrasse, unsere Nachbarn unterhielten sich mit ihnen über jene niedrige Hecke aus Lebensbäumen hinweg, die mehr verband als trennte. Die Sonne ging auf und schickte ihre wärmenden Strahlen durch mein Zimmerfenster. Da hielt es mich nicht mehr im Bett. Ich stand auf und ging zu meinen Eltern nach draußen, wo ein Frühstück mit Kaffee und warmen Brötchen auf mich wartete. Ich war 14 Jahre alt, und die Welt war ein vielseitiger und größtenteils schöner Ort.

Ich weiß nicht mehr, ob es an diesem Morgen warme Brötchen gab, aber die gab es oft, und über den Rest bin ich mir ziemlich sicher. Denn nachdem wir unser Frühstück beendet hatten, und nachdem der Tisch abgeräumt war, kam Helmut zu mir, mein Freund, der Sohn unserer Nachbarn und langjähriger Freunde, der 2 Jahre jünger war als ich. Er setzte sich zu mir an den Tisch, meine Mutter goss uns beiden ein Glas Cola ein, und wir begannen Schach zu spielen. Ich muss heute leider sagen, dass ich zwar die Regeln kannte, mir aber damals über Strategie keine Gedanken machte und einfach drauflos spielte, immer im direkten Angriff auf den gegnerischen König, ungestüm und ohne nachzudenken. Helmut hatte nichts anderes zu tun, als meine Angriffe abzuwehren, und das gelang ihm recht gut.

Und dann kam Mark. Er war der älteste von uns, ich kannte ihn erst wenige Monate. Aber in dieser Zeit hatten wir einige Streifzüge durch die nahen Wälder unternommen, hatten dabei eine Polizeihundschule beobachtet und waren zu Freunden geworden. Mark unterbrach unser Spiel und erzählte, dass einige Jungen in den Sandhügeln in der Nähe Gänge und kleine Höhlen gegraben und diese danach aufgegeben hatten. Er meinte, wir könnten diese Höhlen übernehmen und ausbauen. Damals waren wir immer für irgendwelche abenteuerlichen Aktionen bereit, also besorgten wir uns Schaufeln und Eimer und machten uns auf den Weg in die von uns so genannten „Sandberge“.

Der Weg führte zunächst durch das Gelände des Campingplatzes, vorbei an Häusern mit Menschen vor ihrem Radio oder beim gemütlichen Plausch. Dann gingen wir über den Asphaltierten Hauptweg und durch den Schlagbaum hinaus. Wir wandten uns nach rechts und liefen wenige Sekunden später zwischen Feldern hindurch, auf denen später im Jahr vermutlich der Mais stand. Da, wo vor uns aus dem Stall beim Bauern die Melkmaschine erklang, wandten wir uns wieder nach Rechts und kamen in den Wald, bis links von uns das kleine Sportfeld, der Bolzplatz, auftauchte. Er war leer. Wir überquerten ihn, stiegen einen kleinen Hügel aus Sand hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Dann kam ein zweiter Hügel, und auf dessen Kuppe blieben wir stehen, wir hatten unser Ziel erreicht. Vor uns waren niedrige Gänge in den Sand gegraben, die kleine Höhlen miteinander verbanden. In den Höhlen konnte jeweils ein kleineres Kind sitzen, sie waren mit Plane und ein paar Holzstücken abgedeckt. Für uns waren sie zu klein. Also machten wir uns daran, sie zu verbreitern. Das heißt: Mark und Helmut arbeiteten, ich saß daneben und sah und hörte ihnen zu, bis eine Höhle groß genug für mich war. Dann kletterte ich durch den engen Gang und saß bald darauf in einer praktisch unterirdischen Höhle, von deren Wänden und Decke der Sand rieselte.

Als ich auf die Uhr schaute, war es ungefähr 5 Uhr Nachmittags. An diesem Tag mussten wir nach hause fahren, die Schule fing ja am nächsten Tag wieder an. Es war also höchste Zeit, die Arbeit einzustellen und uns auf den Rückweg zu machen. Verschwitzt und verdreckt suchten wir unsere Sachen zusammen und machten uns daran, den Hügel wieder hinabzusteigen. Und dabei sagte einer meiner beiden Freunde: „Der Bau ist noch nicht fertig, wir können am Wochenende weiter machen. Aber dann müssten wir das irgendwie absperren, vielleicht hat ja jemand noch so ein bisschen Absperrband für Baustellen?“
Wir hatten drei Höhlen gegraben und einen Gang, der sie alle verband. Die Abdeckung machte uns noch einige Sorgen. Mit dem Baustellenabsperrband würden wir diesen Bereich als unsere Baustelle markieren, stellte ich fest. „Genau, so ein Band wäre prima“, sagte ich und fügte hinzu, „das ist dann unser bereich, in dem unsere Regeln gelten, und ich werde mal ein paar solcher Regeln aufschreiben, über die wir dann abstimmen können.“ Wieder ein Blick zur Uhr: Es war 17:20 Uhr am 23. Mai 1983, einem strahlend schönen Pfingstmontag. Meine beiden Freunde stimmten mir zu, und die Idee eines eigenen Gebietes für uns, das wir einfach „Die Hütte“ nannten, mit eigenen Regeln, die wir selbst erarbeiteten, war geboren.

Das ist der Anfang der Geschichte. Am nächsten Tag setzte ich mich an meine Schreibmaschine und schrieb auf ein leeres Blatt Papier die Worte: „Verfassung für die Hütte vom 23. Mai 1983, inkraft seit dem 24. Mai 1983 0 Uhr.“ In 9 Artikeln legte ich fest, dass wir alle die gleichen Rechte hatten, dass der Älteste der Präsident der „Hüttenbesatzung“ war, dass jeder einen Raum der Hütte eigenverantwortlich verwalten sollte, dass aber die Gesamte Besatzung für alle Angelegenheiten verantwortlich war, die „die Hütte als Ganzes“ betrafen. Wer den Raum eines Anderen zerstörte, wurde mit Ausschluss bestraft. Und ein paar Grundrechte gab es auch noch.

Wenige Monate zuvor hatte ich endlich das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gelesen, im Zusammenhang mit den Fragen um das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt und die absichtlich verlorene Vertrauensfrage Helmut Kohls, mit der er die Wahlen vom 6. März 1983 herbeiführte. Das Grundgesetz hatte mich über die Maßen fasziniert, und in meinem Kopf sprudelten die Ideen über den Aufbau einer Verfassung und einer Staatsorganisation nur so aus meinem Gehirn. Freilich ähnlich wie beim Schachspiel: Ungeordnet, ungestüm, hauptsache selbst erdacht und möglichst ungewöhnlich. Doch meine Freunde fanden mein ihnen kurz darauf vorgelegtes Schriftstück gut, und Mark wurde, wie es die „Verfassung“ vorsah, ohne Abstimmung zum Präsidenten ernannt. Was ein Präsident zu tun hatte, außer die gemeinsamen Sitzungen leiten, stand nicht in der „Hüttenverfassung“.

Zwei Monate später hieß die Hüttenverfassung „Verfassung des Staates Deutsch-Niederlande“, wir hatten eine Flagge, eine Hymne, hatten uns auf Pappe eigene Ausweise geschrieben und die Verfassung verfügte inzwischen über 18 Artikel. Dass der Älteste Präsident sein sollte, wurde abgeschafft, denn der Präsident sollte gewählt werden. Wen wundert es, dass ich selbst nun dieses Amt übernahm. Während meine beiden Freunde Mark und Helmut das Ganze als einen großen Spaß betrachteten, interessierte mich immer mehr, wie Politik funktionierte, welche Wechselwirkungen zwischen Personen und Gruppen entstand, was ein Politiker tun und lassen durfte und musste, woran er gebunden war. In mir mischten sich kindliche Abenteuerlust und der Wunsch, Politik und Diplomatie zu verstehen und zu erforschen. So kam es, dass wir eine Armee gründeten und sie mit den modernsten Waffen jener Zeit ausstatteten, einem selbstgebastelten Bogen mit einem Pfeil, der nicht abgefeuert werden konnte, oder dass wir, als der Oktoberregen die „Hütte“ beseitigte, kurzerhand die Grundstücke unserer Eltern annektierten und das kleine Holzhäuschen, dass seine Eltern meinem Freund Helmut gebaut hatten und in dem wir meist zu dritt übernachteten, zu unserer Regierungszentrale machten. Andererseits machten wir uns aber auch über Gesetzgebungsverfahren, Geschäftsordnungen von Parlamenten, über repräsentative oder Basisdemokratie Gedanken. Wie viel Macht hatte der Präsident? Eine immer wieder gern gestelte Frage. Wer befehligte die Armee? Der Präsident oder der Verteidigungsminister? Nach und nach entstanden neben der Verfassung weitere Gesetze, das Volk, das waren die, die nicht Präsident waren, erhielt gewisse Mitspracherechte, solange es dem Präsidenten passte. …

In den nächsten Jahren haben wir alles ausprobiert. Wir waren präsidiale Republik, repräsentative Demokratie mit zwei-Kammer-Parlament und für ein Jahr auch Königreich. Mark und Helmut waren nicht mehr dabei, dafür aber Freunde, die ich gefunden hatte, nachdem ich 1984 nach Marburg zur Schule gegangen war. So entstand auch das zwei-Kammer-parlament. In Marburg saßen die Neuen Mitglieder mit mir im sogenannten Volkstag, auf Heelderpeel Mark, Helmut und ich im Rat der Gründer, den ich hochtrabend Repräsentativkongress nannte. Das Erfinden von Namen, Titeln und Aufgaben machte mir eine Weile lang großen Spaß. Aber als ich 17 geworden war, holten mich auch andere Themen ein. Einer unserer Reitbetreuer in Marburg, wir hatten ein Jahr lang Reiten als zusätzliches Sportangebot, war bei Greenpeace und nahm an einer allerdings gescheiterten Antarktis-Expedition der Umweltschutzorganisation als Biologe teil. Meine „Mitbürger“ und ich wollten uns für Umweltschutz einsetzen, eine eigene Schülerzeitung mit diesem Schwerpunkt herausgeben, und wir beschlossen, unseren Staat, der inzwischen „Demokratische Republik Deutsch-Niederlande“ hieß, auf Eis zu legen. Also wandelten wir ihn in ein Königreich um, wählten ein engagiertes Mitglied, das nicht Jens Bertrams hieß, zum König und wollten mit dem Staatsspiel ernsthaft aufhören. – Aber die Sache mit der Umweltzeitung schlug fehl, und darum machten wir auch mit unserem Staat weiter, ein Jahr lang als Königreich.

Am 24. August 1985 erhielt unser kleiner Staat auch seine eigene Hitparade. Für uns alle, die wir uns für Musik begeisterten, war das sehr wichtig. Die Hitparade wurde zur Keimzelle jener Gruppe von Menschen, die ich noch heute als meine engsten Freunde bezeichnen darf. In den besten Zeiten hatten Staat und Hitparade bis zu 12 Mitglieder, und einige davon sind bis heute und schon sehr lange dabei. Denn die Hitparade, die gibt es heute noch.

1988, zum 5-jährigen Bestehen der „Deutsch-Niederlande“, gingen wir ein neues Projekt an. Wir schrieben eine „Verfassung für die Republik Terrania“. Unsere Utopie war es, dass die Menschen letztlich alle vor denselben großen Aufgaben stünden, dass es daher unbedingt notwendig sei, gemeinsame Aufgaben auch gemeinsam zu lösen, also einen Weltbundesstaat zu errichten, der auch für die Beseitigung von Krieg, Armut und Hunger zu sorgen hätte. Wer das liest, mag glauben, dass ich an diese Sache naiv herangegangen wäre. Dem ist aber nicht so. Natürlich glaubte ich keine Sekunde, dass jetzt und hier eine solche Weltunion möglich sei. Wir waren nur der Überzeugung, dass diese Gedanken zumindest gedacht werden müssten, dass man sie ausformulieren und letztlich veröffentlichen sollte. Allerdings ließen wir es uns nicht nehmen, auszutesten, welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, wenn wir heutzutage nach dieser Verfassung handeln müssten, wie man mit welchen Staaten der Erde umgehen müsste. So haben wir uns in den kommenden Jahren eine Menge Wissen über viele Staaten erworben.

Interessant war, dass ich Ende 1991 in einer Fernsehsendung auf ein anderes Projekt wie das Unsere stieß. Die „World Service Authority“ und die „World Government of World Citizens“ waren 1948 von dem Amerikaner Garry Davis gegründet worden. Er stellte Weltbürgerpässe aus, die bis heute von 5 Staaten der Erde offiziell, und von über 100 Staaten inoffiziell als Legitimationsdokumente anerkannt werden. Davis hat damit vielen Flüchtlingen zur Einreise in sichere Staaten verholfen, wurde aber selbst, da er seine amerikanische Staatsbürgerschaft abgelegt hatte und als staatenlos galt, mehrfach festgenommen und in Abschiebehaft gehalten. Seine Bewegung fand zu Beginn der fünfziger Jahre gerade in Deutschland großen Zulauf. So groß, dass sich die Stadt Königswinter zur ersten Weltbürgerstadt der Erde erklärte. Ich setzte mich nach der Fernsehsendung mit Davis in Verbindung, und für zwei oder drei Jahre hatte ich mit ihm, vor allem aber mit dem damaligen Assistenten der Weltregierungspräsidentin, Joe N., einen sporadischen telefonischen und brieflichen Kontakt. Allerdings war ich enttäuscht von den Verfassungsgrundsätzen von Garry Davis und seinen Leuten. Sie taten in ihrem Entwurf so, als gäbe es keine ethnischen Unterschiede zwischen den Völkern der Erde. Dasselbe habe ich auch bei einem weiteren, voll ausgefertigten Entwurf erlebt, dem Entwurf der „World constitution and parliament association“, die sogar über Ableger in nahezu allen Staaten der Erde verfügte, inzwischen aber abgestorben zu sein scheint. Die Verfassungen beider Gruppen bauen sowohl die Verwaltungsstruktur der Erde als Ganzes, als auch die politische Repräsentation nach Kontinenten auf. Alte Nationen, Regionen und Siedlungsgebiete der Völker, Kulturelle Einheiten und historisch gewachsene Gruppen und deren Grenzen und Abgrenzungen zu Anderen spielen in diesen utopischen Entwürfen keine Rolle. Das war bei uns von Anfang an anders, und darum mag ich unseren Entwurf bis heute. Er ist zugegeben recht kompliziert, aber er besitzt zum Beispiel auf der obersten Ebene ein drei-Kammern-Parlament: Ein frei gewähltes Parlament nach Wahlkreisen, eines mit Vertretern der alten Nationalstaaten, die als Gliedstaaten des Weltbundesstaates fungieren, und eines, das aus Vertretern der verschiedenen Völker zusammengesetzt ist. Völker sind hier jene kulturellen und sprachlichen Einheiten, die sich als zusammengehörig empfinden, ganz gleich in wie vielen Staaten sie leben. Dort wären beispielsweise die Kurden und die Basken vertreten, obwohl sie keinen eigenen Staat haben, aber auch die Macedonen, die in Griechenland, Bulgarien und Macedonien leben. Um Gemeinsamkeit zu erreichen, ist Respekt vor dem Anderen, seinen Traditionen, seiner Geschichte und seiner Kultur notwendig, bei selbstverständlicher Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Menschenrechte zum Beispiel, oder das Prinzip der Demokratie. Ein Teil des Verfassungsentwurfes befasst sich mit den Rechten von Naturvölkern, mit dem Recht auf eigene Sprache, Sitten, Kultur, solange und so weit damit die Rechte einzelner Personen nicht in unzumutbarer Weise eingeschränkt werden. Wie gesagt, ein kompliziertes Werk, dass wir im September 1992 endgültig fertigstellten.

Seit nunmehr gut 15 Jahren gibt es keine Aktivität mehr in unserem Weltstaatsforum, aber auch nicht in den „Deutsch-Niederlanden“. Offiziell aufgelöst haben wir dieses Staatsspiel meiner Kindheit erst am 23. Mai 2007, nachdem wir unser Haus auf dem Campingplatz Heelderpeel hatten abreißen lassen müssen. Es war das Ende dieser kleinen Mikronation, einem politischen Übungsspielplatz, der mir sehr viel Spaß gemacht und mir meinen heutigen engsten Freundeskreis beschert hat. Im Internet kann man heute viele Mikronationen finden, in denen man sich durchaus ernsthaft, aber virtuell mit dem Thema Politik auseinandersetzen kann. Meine Freunde und ich galten so manchen Klassen- und Internatskameraden damals als Spinner, aber auch so manchem Pädagogen. Ich habe allerdings sehr viel über Politik gelernt, denn unsere Geschichte war überhaupt nicht arm an politischen Intrigen, geheimen Abkommen, Hinterzimmerdiplomatie, Putschversuchen, legalen und illegalen Vorstößen zu Umwälzungen und Veränderungen. Meist hatten diese Entwicklungen einen wahren, ernsthaften Hintergrund, und genau deshalb war es so lehrreich, wenn ich auch Jahre brauchte, um diese Erfahrungen richtig auszuwerten.

Heute stehe ich vermutlich wieder auf dem Sandhügel, dort, wo vor einigen Jahren noch eine Mulde im Boden zurückgeblieben war, wo früher einmal drei Höhlen und ein langer Gang in den Sand gegraben waren. Ich denke an meine Freunde und daran, dass wir uns immer noch verstehen, dass wir immer noch gemeinsam Musik hören, über unseren Alltag sprechen, gemeinsam Veranstaltungen besuchen, uns voneinander erzählen, miteinander scherzen und lachen, aber auch miteinander weinen und trauern können. Auf der persönlichen Ebene ist es diese kleine Gruppe von Menschen, die übrig geblieben ist von dem, was heute vor 30 Jahren als Mikronation seinen Anfang nahm. Und dafür bin ich dankbar.

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„… und es war Sommer …“

Der folgende Text stammt von gestern, und ein freundlich gewährter WLan-Zugang ermöglicht es mir, ihn heute aus unserem ansonsten internetlosen Urlaub heraus zu veröffentlichen. – Und er behandelt ein Thema, das ich sonst selten zum Inhalt meiner Beiträge mache.

Der bislang einzig wirklich warme Tag unseres diesjährigen Urlaubs in Holland geht langsam zu Ende. Ich sitze auf der Terrasse unseres kleinen Hauses, die Vögel singen ihr Abendlied, und es kühlt merklich ab. Aber den ganzen Tag über brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Deshalb sitze ich hier und schreibe, während der Kuckuck hinter mir ruft. Im Haus läuft eine alte Candlelight-Sendung, die uns mit Musik aus dem Jahre 1976 unterhält, und kurz zuvor habe ich das Lied von Peter Maffay gehört, das er 1976 herausgebracht hat: „… und es war Sommer…“

Ich mag dieses Lied vom ersten wahren Sommer des Lebens. Ich mochte es immer schon, wusste aber als Jugendlicher lange nicht warum. Aber heute weiß ich es. Es ist die sinnliche, leise Erotik, die ich wieder in diesem Lied spüre, nachdem sie mir viele Jahre nicht mehr recht aufgefallen ist. Heute, in der warmen Sonne eines Tages mitte Mai kann ich diesen ersten Sommer der Liebe fühlen. Für mich etwas, was man all zu leicht vergisst, wenn man älter wird. Irgendwann am älteren Ende der Pubertät sind solche Lieder dann doof, schmalzig oder schlagermäßig. Aber ganz hat es mich nie losgelassen. Die Geschichte von dem Jugendlichen, der eines heißen Nachmittages von einer wesentlich älteren Frau verführt wird, kenne ich in drei Versionen: Im englischen Original von Bobby Goldsborrough, in deutsch von Peter Maffay und in niederländisch von Rob de Nijs. Mir gefallen sie alle drei, und sie lösen gleichermaßen Freude, Melancholie und Sinnlichkeit in mir aus.

Dass ich das Lied immer schon mochte, hat einen ganz einfachen Grund. Mich ziehen sexuell aktive und selbstbewusste Frauen an. Ich finde es wunderbar, wenn sie ihre Erotik und Sinnlichkeit nicht verstecken, wenn sie sie deutlich zeigen und keine Scheu haben, sie auszuleben. Die nackte Frau, die sich in dem Lied dem jungen Mann zeigt und ihn auffordert, den Abend und die Nacht mit ihr zu verbringen, ist eine solche Frau. Mir war es damals nicht bewusst, aber in kaum einem anderen Lied habe ich solche Frauen beschrieben gefunden: natürlich, freundlich, sinnlich. Genau eine solche Frau, wie ich sie mir als schüchterner, eher passiver Mann oft gewünscht und vorgestellt habe. Als ich mich der härteren Popmusik zuwandte, suchte ich auch nach Liedern, die eine solche Art von Erotik direkter, fordernder, aggressiver beschrieben. Für mich stellten sie ein Sinnbild für größere sexuelle Freiheit dar. Ich habe sie nicht gefunden, fast ausschließlich begegneten mir Lieder, in denen Frauen ihre aktive Sexualität und Sinnlichkeit zur Schau stellten, kaum aber welche, in denen sie sie selbstbewusst lebten.

Und deshalb traf mich heute das Lied von Peter Maffay mit seiner einfachen, sinnlichen Schönheit voll ins Herz. Es hat nichts aufgesetztes, nichts provokant laszives, nichts aggressiv sexuelles an sich. Nur Freundlichkeit, Lust und Begehren sprechen aus den drei fast gleichlautenden Texten der unterschiedlichen Versionen. Aus der modernen Musik sind wir heftige Anmache oder schablonenhafte sexuelle Ergebenheit gewohnt, nicht aber diese einfache, unverschleierte Klarheit. Das schönste aber ist die Freundlichkeit der erfahrenen, lustvollen Frau gegenüber dem unerfahrenen, begehrenden jungen Mann. In diesem Lied darf ein Mann schüchtern und unerfahren sein, und eine Frau darf ihn begehren und ihn in die Liebe einführen. Für mich damals wie heute ein echtes Juwel.

Vor ein paar Wochen habe ich mich mit meiner Liebsten darüber unterhalten, was die nach der sogenannten sexuellen Revolution aufgeblühte Pornoindustrie auf die Menschen für Auswirkungen hatte. Wir kamen zu dem Schluss, dass u. A. Wünsche geweckt wurden, die vorher so nicht vorhanden waren, künstliche Wünsche, die weit über daß Maß dessen hinaus gingen, was eine reine sexuelle Befreiung und Entmoralisierung ausgelöst hätte. Wer viele pornographische Darstellungen und Schriften konsumiert, kann vielleicht die Erotik in den kleinen Dingen nicht mehr so erkennen, kann sich nicht mehr mit ihr zufrieden geben. Für den mögen lieder wie „und es war Sommer“ reiner Schmalz sein, in dem die Erotik aus der Andeutung einer nackten Frau mit langen Haaren besteht, und aus der Ahnung von Lust, Leidenschaft, Erstaunen, Freude und Glück in einer warmen Sommernacht. Ein Lied, in dem das Geheimnis, das heute für kaum noch einen Menschen ein Geheimnis ist, nur andeutungsweise gelüftet wird, in dem die Vorstellungskraft des Hörers angeregt, nicht seine Gier und Lust nach möglichst detaillierten Darstellungen sexueller Akte befriedigt wird.

Und heute, in dieser sommerlichen, warmen Stimmung konnte ich dieses Geheimnis wieder als etwas schönes, erregendes, erfüllendes wahrnehmen. Aber es gab auch Melancholie in mir. Melancholie darüber, dass wir uns manchmal so sehr mit Sex und Pornographie zubaggern, es als Freiheit begreifen und darüber die wahre, nicht schablonisierte, schöne, vielseitige, durch eigene Phantasie angefachte Sexualität vergessen. Das Geheimnis, die Andeutung, die Hoffnung auf kommende Leidenschaft, das alles kann ungemein erregend sein. Solche Schätze sollten wir hüten.

Es ist kühl geworden, die Candlelight-Sendung klingt aus, ich ziehe mich ins Haus zurück. Heute Nacht wird es bitter kalt, aber es bleiben warme Gedanken. Gedanken wie die Erinnerung an einen ersten Sommer im Leben, einen Sommer der Liebe, der Lust und des Begehrens, den man im hektischen Leben oft irgendwann vergisst.

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Pause

Liebe Leserinnen und Leser,

Bis zum 04.06.2013 macht dieses Blog urlaubsbedingt Pause. Es wird ein oder zwei Artikel in meinem Privatblog geben. Ansonsten wünsche ich Ihnen eine schöne Zeit und hoffe, Sie lesen wieder rein, wenn nach dem 4. Juni hier wieder Artikel auftauchen.

Beste Grüße

Jens Bertrams

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Heimkehr für 21 Tage

Als ich damals als Kind in Düren in der Internatsschule war, haben wir viel über die Eifel gelernt. Im sogenannten Heimatkundeunterricht ging es um das Hohe Venn, die Sumpf- und Moorlandschaft in der westlichen Eifel, um die Rur ohne H, die bei Sourbrodt in Belgien entspringt, durch Deutschland an den Städten Düren und Jülich vorbei in die Niederlande fließt und dort bei Roermond in die Maas mündet. Ich fand das interessant, aber meine Heimat war das nicht. Meine Heimat war immer Solingen im bergischen Land. Wenn ich heute daran zurückdenke, dass ich mit dem Heimatkundeunterricht nichts anfangen konnte, muss ich lächeln. Meine Wahlheimat liegt nämlich nur wenige, sehr wenige Kilometer weiter nördlich, ganz dicht bei Roermond in Mittellimburg, auf der westlichen Maasseite, im Bereich der
südostniederländischen Seenplatte und eines der größten Vogelschutzgebiete Mittel- und Westeuropas. Seit 31 Jahren fühle ich mich dort beheimatet, und morgen fahre ich wieder hin, wenn auch nur für 21 Tage.

Wenn das Auto langsamer fährt, weil wir die Autobahn verlassen haben, weiß ich, fühle ich schon in meinem Bauch, in meiner Brust, in meinem Herzen, wie es weiter gehen wird. Ich spüre den Straßenbelag der Schnellstraße mit dem Namen „Napoleonsweg“, noch bevor wir richtig Fahrt aufgenommen haben. Ich fühle schon die Bewegung, wenn der Wagen nach knapp 2 Kilometern rechts abbiegt und sofort wieder links. Es ist, als würde mit diesem Augenblick die Stille Einzug halten in mein hektisches Leben, und ich fühle die Freude in meinem Herzen, noch während wir über die Schnellstraße fahren. Es ist ein Sehnen, das ich nicht verstecken kann und will. Ich komme in meinem Gefühl nicht als Gast zurück, ich komme nach hause. Ich kann genau fühlen, wie es sein wird, wenn der Wagen langsamer wird, weil zur
Geschwindigkeitsverringerung ein sogenannter Drempel auf der Straße ist, eine plötzliche, recht starke Erhebung, vor der man langsamer fahren muss. Die Vögel hören sich anders an, die Luft riecht frisch und würzig, noch bevor der Motor des Wagens zum Stillstand kommt. Ein kurzer Schlenker nach Links auf den Parkplatz direkt gegenüber der Eingangstür zur Rezeption des heute so genannten Ferienparks, der für mich immer ein Campingplatz bleiben wird. Noch während ich fahre, male ich mir aus, wie es sein wird, wenn ich endlich wieder ausgestiegen bin, wenn ich endlich wieder die vertrauten Geräusche höre, das Rauschen in den Bäumen, das nirgendwo schöner klingt, das fröhliche Gespräch zwischen Menschen, die sich begegnen, einen Hund, eine Ente oder einen Frosch in der Ferne, den Knall einer Vogelscheuche im Feld, das Geräusch der langsam fahrenden Autos, die sich ihre Parkplätze suchen. Ich fühle schon jetzt, wie ich den Weg mit wenigen Schritten überqueren werde, wie ich vier kleine Stufen hinaufsteige, unter dem Vordach hindurch gehe und die Tür zur Rezeption öffne, oder sie steht bereits offen, weil das Wetter es zulässt. Zwei Schritte, und ich stehe vor dem hohen Desk und werde von der Rezeptionistin begrüßt. Wir kennen uns schon, viele Jahre sind ins Land gegangen, seit sie hier angefangen hat. Sie überreicht mir einen Schlüssel, mehr muss sie nicht sagen. Sie muss mich nicht einweisen, muss niemandem einen Weg erklären, ich komme ja nach hause. Früher war der Schlüssel nicht nötig, wir hatten ein eigenes Haus hier. 24 Jahre lang. Aber nach dem Tod meiner Eltern und der Zersplitterung meiner Familie verfiel es, und schweren Herzens haben wir es aufgeben müssen. Jetzt fahren meine Liebste und ich mindestens einmal im Jahr her, um unsere Seelen aufzutanken. Viel zu wenig, viel zu kurz. Nur eine „sentimental journey“.

Ich schwelge in der Vorfreude, jetzt, wo ich an diesem Schreibtisch sitze und diesen Text schreibe. Ich fühle genau die Schritte, wie es sein wird, wenn ich das Büro verlasse, mich nach links wende, ein paar Meter gehe, dann wieder nach links durch einen Schlagbaum, ein paar Meter geradeaus, bis von rechts ein Weg einmündet. Aber genau da wende ich mich nach links, gehe ein paar Meter über Gras und stehe vor der Eingangstür des Häuschens, das wir seit einigen Jahren für mindestens drei Wochen pro Jahr mieten. Es ist wie eine Heimkehr, auch wenn das Häuschen nicht uns gehört. Eine Holzbank mit Holztisch steht draußen, und wir werden während dieser drei Wochen oft dort vor der Türe sitzen. Schon bald werden unsere Freunde kommen, die das ganze Jahr über hier wohnen und bestimmt sehen, wie wir ankommen. Und wir werden unsere Sachen ins Haus bringen, noch einmal in die nächste Ortschaft fahren und ein paar Dinge einkaufen, und dann sind wir endlich da. Wenn morgen ein schöner Tag ist, was ich allerdings bezweifle, werde ich mehrere Stunden draußen auf der Holzbank sitzen, ohne irgendetwas zu tun oder zu sagen, ich werde einfach nur ankommen und mich mit den Geräuschen und Gerüchen füllen, überwältigt von der Vertrautheit und der Schönheit dieses Ortes. Ein Ort, an dem ich Frieden finde, ein Ort, an dem die Kindheit und die Geborgenheit noch nicht ganz verschwunden sind.

Irgendwann in den nächsten Tagen werden wir den Weg machen, den ich immer bald nach unserer Ankunft machen will, den Weg hin zum Standplatz unseres alten Häuschens. Ich werde durch den Schlagbaum hinaus gehen, den Platz überqueren, auf der anderen Seite wieder durch einen Schlagbaum auf einen anderen Teil des Geländes. Ich werde dem asphaltierten Weg folgen, auch wenn er irgendwann eine Biegung nach links macht. Rechts und links stehen Häuser, hört man Menschen geschäftig irgendwelche Dinge tun, vielleicht spülen, Essen Kochen oder ähnliches, mal läuft ein Radio oder ein Fernseher, mal bellt ein Hund. Ein Hund, der auch letztes und vorletztes Jahr schon an derselben Stelle bellte. Dann, fast am Ende der asphaltierten Straße vor dem Tor zum Reiterhof, biege ich nach rechts auf den Sandweg ab. Ich rieche den Sand in der Nase, ich spüre ihn unter meinen Füßen, noch stiller wird es. Ich spüre, wenn ich mich in ein Auto versetze, das diesen Weg entlang fährt, jeden Hubbel, jedes Schlagloch, dass diesem Weg bei meinem Vater einst den unschönen Namen „Schwangerschaftsunterbrechungsstrecke“ einbrachte. Ich weiß genau, wann wir leicht nach links und dann wieder geradeaus fahren müssen, um dem Weg zu folgen, der plötzlich im Nichts endet, eine Sackgasse ist. Und genau dort, wo der Weg endet, genau vor mir, wenn ich ihn entlang gehe, genau vor dem Kühler des Autos, wenn ich ihn entlang fahre, stand einst unser Haus, begann unsere Terrasse. Ein großes, schönes weißes Haus, gebaut wie ein L, mit einem großen Wohnraum, einem Bad, zwei Schlafzimmern und einem winzigen Flur, der die Räume miteinander verband. Ich kann das Holz an den Wänden fühlen, brauche nur hier an meinem Schreibtisch die Hand nach rechts auszustrecken, um über ein paar Teile der ehemaligen Außenverkleidung des Hauses zu streichen, die mir als Erinnerung geblieben sind. Auf meinem Balkon hier in Marburg kann ich mich in den Stuhl fallen lassen, der mehr als 15 Jahre in Heelderpeel auf der Terrasse stand. Dort, wo unser Haus stand, bilde ich mir ein, ist der schönste Fleck, den die Natur hervorbringen kann. Ich höre die Enten im See hinter unserem Haus, das Planschen der Kinder im Sommer, auch meine Nichten waren dabei. Ich höre die Musik von der Kantine und dem Festsaal her, der nur wenige Meter entfernt ist. Und doch herrschen die Vögel in den Bäumen, die Eichhörnchen, die mit Nüssen spielen. Ich höre noch, wie sie aufs Dach fallen, wie die Eichhörnchen hinterher springen, über das Dach laufen und die Nüsse holen, während ich im Bett liege und ihnen lausche, oder dem Regen, die auf die Zeltplane fällt, die unser Dach war. Es ist das tiefste und schönste Glück für mich, mich daran zu erinnern und zu wissen, dass ich diese Zeit hatte und genossen habe.

Dort wo das Haus stand werde ich in ein paar Tagen wieder stehen, die Natur begrüßen wie den Freund, der mit mir diesen Platz teilt. Ich werde eins sein mit der Welt, meinem Leben, meiner Liebe zu diesem Platz und mit der Schöpfung insgesamt. Dort werde ich stehen und in meinen Ohren die Schritte hören, die meine Eltern machten, wenn sie durch den Raum gingen, das knarren des Bodens, das Geräusch des Heißlüfters, des Gasboilers, wenn man warmes Wasser aufdrehte, des Kühlschrankes, wenn Glasflaschen in der Tür standen und man ihn heftig schloss, der Abzugshaube über dem Gasherd. Das Geräusch, das entstand, wenn meine Mutter mit dem elektrischen Gasanzünder die Kochplatte einschaltete, das Geräusch der sogenannten Ffliegentür, die uns im Sommer vor lästigen Insekten schützen sollte, es aber nie vermochte. Das Geräusch, das die Heizung machte, wenn mein Vater sie zu Beginn des Winters erstmals anzündete und der Funke das Gas einfach nicht entzünden wollte. Ich höre, wie die Stühle auf der Terrasse zurechtgeschoben wurden, wie der Fernseher klang, der nach und nach seinen Geist aufgab. Ich höre in meinem Geiste das Brummen des Kühlschranks und die Würfel, wenn sie beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, Kniffel oder 21.000 auf den Tisch knallten und dort ihre Purzelbäume schlugen. Ich weiß noch, wie die Türen des Schrankes klangen, den meine Eltern selbst gebaut hatten und den wir nicht retten konnten. Ich kenne den unverwechselbaren Geruch des Hauses immer noch, ich erinnere mich, wie schwer die Schiebefenster nach einigen Jahren zu öffnen waren, und ich fühle noch die Polster auf dem Sofa, auf dem ich saß, die Tischdecke, die so rauh war und hauptsächlich dekorativen Charakter hatte. Ich sehe mich noch am allerersten 1. Mai, den ich dort verbrachte, auf einem anderen, alten Sofa dort sitzen, rechts neben mir das Radio und darin auf Mittelwelle die Stimme von Ernst Breitt. Und die Sonne schien durch die offene Haustür, und brachte sowohl ihre wärmenden Strahlen als auch den kühlen Wind mit. Und natürlich den Sand, der immer und überall war.

Das alles werde ich fühlen, wenn ich dort stehe, zum Gruß und zur Erinnerung. Dort, wo ich nie, nie wieder weggehen möchte. Und doch werden es nur 21 Tage sein. Dann werde ich wieder warten müssen. Warten und hoffen, dass beim nächsten mal noch alles so ähnlich sein wird wie jetzt.

Doch ich gehe nicht nur dorthin, um Altes zu bewahren. Wir haben dort neue Freunde gefunden, Katzen, Hunde und Menschen, ein tolles Restaurant, in dem wir essen werden, einen langen Weg durch den Wald, den wir gehen werden, und den altvertrauten Weg um die Felder und an den Bauernhöfen vorbei. Und wir werden am See sitzen und dem Gequake der Frösche lauschen. Wenn die Nacht angebrochen ist, die Vögel schweigen und die Menschen schlafen, dann gehört ihnen der Wald, dann ist ihr Quaken wie das Singen des Lebens in einer unermesslichen Kathedrale. Auf all das freue ich mich, ich werde es in den nächsten drei Wochen genießen und wünsche euch, dass auch ihr eine schöne Zeit haben werdet.

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Eine Radiopanne der besonderen Art

Soeben ist mir die heftigste Radiopanne meiner Laufbahn widerfahren.

Es sind die heftigen und arbeitsreichen Tage vor dem Urlaub. Ein historischer Text muss noch geschrieben werden, drei Sendungen wollen noch bis morgen Abend fertiggestellt sein, ein wenig wird auch noch gepackt, bevor es dann Montag Morgen nach Heelderpeel in den Niederlanden geht. Bis zur letzten Sekunde arbeiten wir für den Sender. So übernahm ich heute das Audiogramm für unseren Chef Eberhard Dietrich, der ein paar Tage nicht im Studio weilt. Die Sendung mit der Zusammenfassung der wichtigsten Beiträge der Woche läuft Samstags um 10 Uhr, wird Sonntagsnachmittags wiederholt und läuft einige Stunden vorher auf 88,4 auf UKW in Berlin. Deshalb hatte ich mich dazu entschlossen, die Sendung live auszustrahlen.

Gesagt, getan. Um 10:05 Uhr begann die Sendung, ich war guter Dinge. Mit der Zeit kam ich zurecht, alles passte zusammen.

Und dann war es 11:30 Uhr. Normalerweise überprüfe ich während der Sendung die Internetverbindung nicht. Einmal in 24 Stunden wird die Verbindung getrennt, und zwar in der Nacht zwischen 3 und 4 Uhr. Das Problem ist, dass immer ein Backup-Server im Internet läuft. Wenn ich die Verbindung trenne, schaltet sich der Backup-Server ein und spielt Musik. Als ich gegen halb zwölf auf die Anzeige sah, musste ich feststellen, dass ich ins Leere sendete und gar nicht mehr mit dem Streamserver verbunden war. Ich prüfte die Aufnahme und stellte fest, dass die Sendung bereits nach 10 Minuten von mir völlig unbemerkt abgebrochen war. Von den Hörerinnen und Hörern hatte niemand eine Mail geschrieben, keiner der Kollegen hatte angerufen und mitgeteilt, dass ich vom Stream gefallen war.

Und jetzt? Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sendung ein zweites mal zu produzieren, auf dem sogenannten Teststream, die eigentlich für jetzt geplante Produktion der Sendung Candlelight, die morgen Abend laufen soll, auf später zu vertagen und zu hoffen, dass ich morgen noch genug Zeit für den historischen Text finde, denn auch die Sendung Klangfarben will noch produziert werden.

Sehr sehr peinlich und sehr sehr ärgerlich ist das. Und sehr sehr unprofessionell, wenn es auch eine technische Panne war, die nicht bemerkt werden konnte, zumindest kaum von mir selbst. Aber ich möchte mir schon in den Bauch beißen. Und Hektik gibts jetzt auch!!!

Mein politisches Blog:
http://wahrenhaus.jens-bertrams.de
Mein Radiosender:
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Aus meinem Privatblog: Eine Radiopanne der besonderen Art

„Soeben ist mir die heftigste Radiopanne meiner Laufbahn widerfahren.“

So beginnt im Privatblog mein Bericht über den Streamabbruch beim Audiogramm zur ungünstigsten Zeit. Ob es wirklich die heftigste Panne meiner Laufbahn ist, weiß ich nicht, aber es ist sicher die, die am meisten Hektik und Probleme macht.

via Eine Radiopanne der besonderen Art | Kleinigkeiten.

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Behutsam, würdevoll und nachhaltig – 9. Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte an Hilde Rektorschek verliehen

Seit 2005 vergeben die Stadt Marburg und der Regionalverband der humanistischen Union Marburg jährlich einen undotierten Preis an Menschen, die sich für soziale Bürgerrechte engagieren. Gestern war es mal wieder so weit: Diesmal wurde die Gründerin der Kulturlogen ausgezeichnet.

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Prozessauftakt, – Und sonst?

„Wie kann heute ein normaler Tag sein? Warum schämt sich ganz Deutschland angesichts des NSU-Prozessbeginns und der unbeschreiblichen Pannen- und Schlampereiserie, der Hilfe des Verfassungsschutzes für die Verbrecher unter dem Mäntelchen der Bespitzelung und der absolut mangelhaften Aufklärung nicht in Grund und Boden? Mein Mitgefühl, meine Solidarität, mein Bedauern, meine Scham: Sie gelten den Opfern und den oft lange zu unrecht verfolgten und verdächtigten Hinterbliebenen. Meine Verachtung gilt den Verbrechern und einer Politik und Regierung, die Sonntagsreden hält und nichts unternimmt und sich damit zu Mittätern und Mitverbrechern macht.“

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Leve de Koning – Amtseinführung von König Willem-Alexander in den Niederlanden

Heute wird der neue König in den Niederlanden in sein Amt eingeführt. Königin Beatrix tritt nach 33 Jahren ab, das Wa(h)renhaus folgt dieser Entwicklung mit persönlichen Beobachtungen und Hintergrundinformationen. Dieser Artikel wird über Tag ständig aktualisiert.

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