Pause

Liebe Leserinnen und Leser,

Bis zum 04.06.2013 macht dieses Blog urlaubsbedingt Pause. Es wird ein oder zwei Artikel in meinem Privatblog geben. Ansonsten wünsche ich Ihnen eine schöne Zeit und hoffe, Sie lesen wieder rein, wenn nach dem 4. Juni hier wieder Artikel auftauchen.

Beste Grüße

Jens Bertrams

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Heimkehr für 21 Tage

Als ich damals als Kind in Düren in der Internatsschule war, haben wir viel über die Eifel gelernt. Im sogenannten Heimatkundeunterricht ging es um das Hohe Venn, die Sumpf- und Moorlandschaft in der westlichen Eifel, um die Rur ohne H, die bei Sourbrodt in Belgien entspringt, durch Deutschland an den Städten Düren und Jülich vorbei in die Niederlande fließt und dort bei Roermond in die Maas mündet. Ich fand das interessant, aber meine Heimat war das nicht. Meine Heimat war immer Solingen im bergischen Land. Wenn ich heute daran zurückdenke, dass ich mit dem Heimatkundeunterricht nichts anfangen konnte, muss ich lächeln. Meine Wahlheimat liegt nämlich nur wenige, sehr wenige Kilometer weiter nördlich, ganz dicht bei Roermond in Mittellimburg, auf der westlichen Maasseite, im Bereich der
südostniederländischen Seenplatte und eines der größten Vogelschutzgebiete Mittel- und Westeuropas. Seit 31 Jahren fühle ich mich dort beheimatet, und morgen fahre ich wieder hin, wenn auch nur für 21 Tage.

Wenn das Auto langsamer fährt, weil wir die Autobahn verlassen haben, weiß ich, fühle ich schon in meinem Bauch, in meiner Brust, in meinem Herzen, wie es weiter gehen wird. Ich spüre den Straßenbelag der Schnellstraße mit dem Namen „Napoleonsweg“, noch bevor wir richtig Fahrt aufgenommen haben. Ich fühle schon die Bewegung, wenn der Wagen nach knapp 2 Kilometern rechts abbiegt und sofort wieder links. Es ist, als würde mit diesem Augenblick die Stille Einzug halten in mein hektisches Leben, und ich fühle die Freude in meinem Herzen, noch während wir über die Schnellstraße fahren. Es ist ein Sehnen, das ich nicht verstecken kann und will. Ich komme in meinem Gefühl nicht als Gast zurück, ich komme nach hause. Ich kann genau fühlen, wie es sein wird, wenn der Wagen langsamer wird, weil zur
Geschwindigkeitsverringerung ein sogenannter Drempel auf der Straße ist, eine plötzliche, recht starke Erhebung, vor der man langsamer fahren muss. Die Vögel hören sich anders an, die Luft riecht frisch und würzig, noch bevor der Motor des Wagens zum Stillstand kommt. Ein kurzer Schlenker nach Links auf den Parkplatz direkt gegenüber der Eingangstür zur Rezeption des heute so genannten Ferienparks, der für mich immer ein Campingplatz bleiben wird. Noch während ich fahre, male ich mir aus, wie es sein wird, wenn ich endlich wieder ausgestiegen bin, wenn ich endlich wieder die vertrauten Geräusche höre, das Rauschen in den Bäumen, das nirgendwo schöner klingt, das fröhliche Gespräch zwischen Menschen, die sich begegnen, einen Hund, eine Ente oder einen Frosch in der Ferne, den Knall einer Vogelscheuche im Feld, das Geräusch der langsam fahrenden Autos, die sich ihre Parkplätze suchen. Ich fühle schon jetzt, wie ich den Weg mit wenigen Schritten überqueren werde, wie ich vier kleine Stufen hinaufsteige, unter dem Vordach hindurch gehe und die Tür zur Rezeption öffne, oder sie steht bereits offen, weil das Wetter es zulässt. Zwei Schritte, und ich stehe vor dem hohen Desk und werde von der Rezeptionistin begrüßt. Wir kennen uns schon, viele Jahre sind ins Land gegangen, seit sie hier angefangen hat. Sie überreicht mir einen Schlüssel, mehr muss sie nicht sagen. Sie muss mich nicht einweisen, muss niemandem einen Weg erklären, ich komme ja nach hause. Früher war der Schlüssel nicht nötig, wir hatten ein eigenes Haus hier. 24 Jahre lang. Aber nach dem Tod meiner Eltern und der Zersplitterung meiner Familie verfiel es, und schweren Herzens haben wir es aufgeben müssen. Jetzt fahren meine Liebste und ich mindestens einmal im Jahr her, um unsere Seelen aufzutanken. Viel zu wenig, viel zu kurz. Nur eine „sentimental journey“.

Ich schwelge in der Vorfreude, jetzt, wo ich an diesem Schreibtisch sitze und diesen Text schreibe. Ich fühle genau die Schritte, wie es sein wird, wenn ich das Büro verlasse, mich nach links wende, ein paar Meter gehe, dann wieder nach links durch einen Schlagbaum, ein paar Meter geradeaus, bis von rechts ein Weg einmündet. Aber genau da wende ich mich nach links, gehe ein paar Meter über Gras und stehe vor der Eingangstür des Häuschens, das wir seit einigen Jahren für mindestens drei Wochen pro Jahr mieten. Es ist wie eine Heimkehr, auch wenn das Häuschen nicht uns gehört. Eine Holzbank mit Holztisch steht draußen, und wir werden während dieser drei Wochen oft dort vor der Türe sitzen. Schon bald werden unsere Freunde kommen, die das ganze Jahr über hier wohnen und bestimmt sehen, wie wir ankommen. Und wir werden unsere Sachen ins Haus bringen, noch einmal in die nächste Ortschaft fahren und ein paar Dinge einkaufen, und dann sind wir endlich da. Wenn morgen ein schöner Tag ist, was ich allerdings bezweifle, werde ich mehrere Stunden draußen auf der Holzbank sitzen, ohne irgendetwas zu tun oder zu sagen, ich werde einfach nur ankommen und mich mit den Geräuschen und Gerüchen füllen, überwältigt von der Vertrautheit und der Schönheit dieses Ortes. Ein Ort, an dem ich Frieden finde, ein Ort, an dem die Kindheit und die Geborgenheit noch nicht ganz verschwunden sind.

Irgendwann in den nächsten Tagen werden wir den Weg machen, den ich immer bald nach unserer Ankunft machen will, den Weg hin zum Standplatz unseres alten Häuschens. Ich werde durch den Schlagbaum hinaus gehen, den Platz überqueren, auf der anderen Seite wieder durch einen Schlagbaum auf einen anderen Teil des Geländes. Ich werde dem asphaltierten Weg folgen, auch wenn er irgendwann eine Biegung nach links macht. Rechts und links stehen Häuser, hört man Menschen geschäftig irgendwelche Dinge tun, vielleicht spülen, Essen Kochen oder ähnliches, mal läuft ein Radio oder ein Fernseher, mal bellt ein Hund. Ein Hund, der auch letztes und vorletztes Jahr schon an derselben Stelle bellte. Dann, fast am Ende der asphaltierten Straße vor dem Tor zum Reiterhof, biege ich nach rechts auf den Sandweg ab. Ich rieche den Sand in der Nase, ich spüre ihn unter meinen Füßen, noch stiller wird es. Ich spüre, wenn ich mich in ein Auto versetze, das diesen Weg entlang fährt, jeden Hubbel, jedes Schlagloch, dass diesem Weg bei meinem Vater einst den unschönen Namen „Schwangerschaftsunterbrechungsstrecke“ einbrachte. Ich weiß genau, wann wir leicht nach links und dann wieder geradeaus fahren müssen, um dem Weg zu folgen, der plötzlich im Nichts endet, eine Sackgasse ist. Und genau dort, wo der Weg endet, genau vor mir, wenn ich ihn entlang gehe, genau vor dem Kühler des Autos, wenn ich ihn entlang fahre, stand einst unser Haus, begann unsere Terrasse. Ein großes, schönes weißes Haus, gebaut wie ein L, mit einem großen Wohnraum, einem Bad, zwei Schlafzimmern und einem winzigen Flur, der die Räume miteinander verband. Ich kann das Holz an den Wänden fühlen, brauche nur hier an meinem Schreibtisch die Hand nach rechts auszustrecken, um über ein paar Teile der ehemaligen Außenverkleidung des Hauses zu streichen, die mir als Erinnerung geblieben sind. Auf meinem Balkon hier in Marburg kann ich mich in den Stuhl fallen lassen, der mehr als 15 Jahre in Heelderpeel auf der Terrasse stand. Dort, wo unser Haus stand, bilde ich mir ein, ist der schönste Fleck, den die Natur hervorbringen kann. Ich höre die Enten im See hinter unserem Haus, das Planschen der Kinder im Sommer, auch meine Nichten waren dabei. Ich höre die Musik von der Kantine und dem Festsaal her, der nur wenige Meter entfernt ist. Und doch herrschen die Vögel in den Bäumen, die Eichhörnchen, die mit Nüssen spielen. Ich höre noch, wie sie aufs Dach fallen, wie die Eichhörnchen hinterher springen, über das Dach laufen und die Nüsse holen, während ich im Bett liege und ihnen lausche, oder dem Regen, die auf die Zeltplane fällt, die unser Dach war. Es ist das tiefste und schönste Glück für mich, mich daran zu erinnern und zu wissen, dass ich diese Zeit hatte und genossen habe.

Dort wo das Haus stand werde ich in ein paar Tagen wieder stehen, die Natur begrüßen wie den Freund, der mit mir diesen Platz teilt. Ich werde eins sein mit der Welt, meinem Leben, meiner Liebe zu diesem Platz und mit der Schöpfung insgesamt. Dort werde ich stehen und in meinen Ohren die Schritte hören, die meine Eltern machten, wenn sie durch den Raum gingen, das knarren des Bodens, das Geräusch des Heißlüfters, des Gasboilers, wenn man warmes Wasser aufdrehte, des Kühlschrankes, wenn Glasflaschen in der Tür standen und man ihn heftig schloss, der Abzugshaube über dem Gasherd. Das Geräusch, das entstand, wenn meine Mutter mit dem elektrischen Gasanzünder die Kochplatte einschaltete, das Geräusch der sogenannten Ffliegentür, die uns im Sommer vor lästigen Insekten schützen sollte, es aber nie vermochte. Das Geräusch, das die Heizung machte, wenn mein Vater sie zu Beginn des Winters erstmals anzündete und der Funke das Gas einfach nicht entzünden wollte. Ich höre, wie die Stühle auf der Terrasse zurechtgeschoben wurden, wie der Fernseher klang, der nach und nach seinen Geist aufgab. Ich höre in meinem Geiste das Brummen des Kühlschranks und die Würfel, wenn sie beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, Kniffel oder 21.000 auf den Tisch knallten und dort ihre Purzelbäume schlugen. Ich weiß noch, wie die Türen des Schrankes klangen, den meine Eltern selbst gebaut hatten und den wir nicht retten konnten. Ich kenne den unverwechselbaren Geruch des Hauses immer noch, ich erinnere mich, wie schwer die Schiebefenster nach einigen Jahren zu öffnen waren, und ich fühle noch die Polster auf dem Sofa, auf dem ich saß, die Tischdecke, die so rauh war und hauptsächlich dekorativen Charakter hatte. Ich sehe mich noch am allerersten 1. Mai, den ich dort verbrachte, auf einem anderen, alten Sofa dort sitzen, rechts neben mir das Radio und darin auf Mittelwelle die Stimme von Ernst Breitt. Und die Sonne schien durch die offene Haustür, und brachte sowohl ihre wärmenden Strahlen als auch den kühlen Wind mit. Und natürlich den Sand, der immer und überall war.

Das alles werde ich fühlen, wenn ich dort stehe, zum Gruß und zur Erinnerung. Dort, wo ich nie, nie wieder weggehen möchte. Und doch werden es nur 21 Tage sein. Dann werde ich wieder warten müssen. Warten und hoffen, dass beim nächsten mal noch alles so ähnlich sein wird wie jetzt.

Doch ich gehe nicht nur dorthin, um Altes zu bewahren. Wir haben dort neue Freunde gefunden, Katzen, Hunde und Menschen, ein tolles Restaurant, in dem wir essen werden, einen langen Weg durch den Wald, den wir gehen werden, und den altvertrauten Weg um die Felder und an den Bauernhöfen vorbei. Und wir werden am See sitzen und dem Gequake der Frösche lauschen. Wenn die Nacht angebrochen ist, die Vögel schweigen und die Menschen schlafen, dann gehört ihnen der Wald, dann ist ihr Quaken wie das Singen des Lebens in einer unermesslichen Kathedrale. Auf all das freue ich mich, ich werde es in den nächsten drei Wochen genießen und wünsche euch, dass auch ihr eine schöne Zeit haben werdet.

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Eine Radiopanne der besonderen Art

Soeben ist mir die heftigste Radiopanne meiner Laufbahn widerfahren.

Es sind die heftigen und arbeitsreichen Tage vor dem Urlaub. Ein historischer Text muss noch geschrieben werden, drei Sendungen wollen noch bis morgen Abend fertiggestellt sein, ein wenig wird auch noch gepackt, bevor es dann Montag Morgen nach Heelderpeel in den Niederlanden geht. Bis zur letzten Sekunde arbeiten wir für den Sender. So übernahm ich heute das Audiogramm für unseren Chef Eberhard Dietrich, der ein paar Tage nicht im Studio weilt. Die Sendung mit der Zusammenfassung der wichtigsten Beiträge der Woche läuft Samstags um 10 Uhr, wird Sonntagsnachmittags wiederholt und läuft einige Stunden vorher auf 88,4 auf UKW in Berlin. Deshalb hatte ich mich dazu entschlossen, die Sendung live auszustrahlen.

Gesagt, getan. Um 10:05 Uhr begann die Sendung, ich war guter Dinge. Mit der Zeit kam ich zurecht, alles passte zusammen.

Und dann war es 11:30 Uhr. Normalerweise überprüfe ich während der Sendung die Internetverbindung nicht. Einmal in 24 Stunden wird die Verbindung getrennt, und zwar in der Nacht zwischen 3 und 4 Uhr. Das Problem ist, dass immer ein Backup-Server im Internet läuft. Wenn ich die Verbindung trenne, schaltet sich der Backup-Server ein und spielt Musik. Als ich gegen halb zwölf auf die Anzeige sah, musste ich feststellen, dass ich ins Leere sendete und gar nicht mehr mit dem Streamserver verbunden war. Ich prüfte die Aufnahme und stellte fest, dass die Sendung bereits nach 10 Minuten von mir völlig unbemerkt abgebrochen war. Von den Hörerinnen und Hörern hatte niemand eine Mail geschrieben, keiner der Kollegen hatte angerufen und mitgeteilt, dass ich vom Stream gefallen war.

Und jetzt? Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sendung ein zweites mal zu produzieren, auf dem sogenannten Teststream, die eigentlich für jetzt geplante Produktion der Sendung Candlelight, die morgen Abend laufen soll, auf später zu vertagen und zu hoffen, dass ich morgen noch genug Zeit für den historischen Text finde, denn auch die Sendung Klangfarben will noch produziert werden.

Sehr sehr peinlich und sehr sehr ärgerlich ist das. Und sehr sehr unprofessionell, wenn es auch eine technische Panne war, die nicht bemerkt werden konnte, zumindest kaum von mir selbst. Aber ich möchte mir schon in den Bauch beißen. Und Hektik gibts jetzt auch!!!

Mein politisches Blog:
http://wahrenhaus.jens-bertrams.de
Mein Radiosender:
http://www.ohrfunk.de

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Aus meinem Privatblog: Eine Radiopanne der besonderen Art

„Soeben ist mir die heftigste Radiopanne meiner Laufbahn widerfahren.“

So beginnt im Privatblog mein Bericht über den Streamabbruch beim Audiogramm zur ungünstigsten Zeit. Ob es wirklich die heftigste Panne meiner Laufbahn ist, weiß ich nicht, aber es ist sicher die, die am meisten Hektik und Probleme macht.

via Eine Radiopanne der besonderen Art | Kleinigkeiten.

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Behutsam, würdevoll und nachhaltig – 9. Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte an Hilde Rektorschek verliehen

Seit 2005 vergeben die Stadt Marburg und der Regionalverband der humanistischen Union Marburg jährlich einen undotierten Preis an Menschen, die sich für soziale Bürgerrechte engagieren. Gestern war es mal wieder so weit: Diesmal wurde die Gründerin der Kulturlogen ausgezeichnet.

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Prozessauftakt, – Und sonst?

„Wie kann heute ein normaler Tag sein? Warum schämt sich ganz Deutschland angesichts des NSU-Prozessbeginns und der unbeschreiblichen Pannen- und Schlampereiserie, der Hilfe des Verfassungsschutzes für die Verbrecher unter dem Mäntelchen der Bespitzelung und der absolut mangelhaften Aufklärung nicht in Grund und Boden? Mein Mitgefühl, meine Solidarität, mein Bedauern, meine Scham: Sie gelten den Opfern und den oft lange zu unrecht verfolgten und verdächtigten Hinterbliebenen. Meine Verachtung gilt den Verbrechern und einer Politik und Regierung, die Sonntagsreden hält und nichts unternimmt und sich damit zu Mittätern und Mitverbrechern macht.“

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Leve de Koning – Amtseinführung von König Willem-Alexander in den Niederlanden

Heute wird der neue König in den Niederlanden in sein Amt eingeführt. Königin Beatrix tritt nach 33 Jahren ab, das Wa(h)renhaus folgt dieser Entwicklung mit persönlichen Beobachtungen und Hintergrundinformationen. Dieser Artikel wird über Tag ständig aktualisiert.

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Die faszination historischer Momente

Seit knapp 2 Wochen verfolge ich die Vorbereitung und Durchführung der Krönung in den Niederlanden. Als meine Liebste einige der Berichte las, die ich in meinem Hauptblog geschrieben habe, meinte sie, ich würde Klatsch und Tratsch schreiben, und musste lachen. Ein anderer Bekannter meinte, ich sei einer der wenigen Royalisten hierzulande, vermutlich auch, weil ich eine 27stündige Sondersendung im niederländischen Radio verfolgen werde.

Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Für Deutschland bin ich kein Royalist, ich will ganz sicher nicht unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben. Aber mich faszinieren historische Ereignisse, nach denen vieles nicht mehr so ist wie zuvor. Das hat schon in meinem persönlichen Umfeld angefangen. Ich war acht Jahre alt, als meine über alles geliebte Schwester eines Morgens nach einem langen Fest am Vorabend weg ging, und als sie eine gute Stunde später wieder auftauchte, hieß sie nicht mehr Bertrams. Nie wieder. Das hat mich geschockt und fasziniert zugleich. Also habe ich angefangen, nach solchen Ereignissen zu suchen, die alles verändern.

Da waren diese Tage im Oktober desselben Jahres. Ich erinnere mich an eine Tagesschau, die ich manchmal in den Ferien zuhause sah, wenn ich mit meinem Vater in unserem Wohnzimmer saß. „Über die Notrutsche wird die Leiche des Flugkapitäns Jürgen Schumann heruntergelassen“, hieß es da. Ich weiß noch heute, welcher Sprecher das sagte, und ich weiß noch, dass ich dachte, dass dieser Mann nie wieder aufstehen und mit seiner Familie leben würde. Wieder so ein Ereignis, nach dem sich vieles verändert hatte. Ein paar Tage später gab es noch mehr Tote: Hanns-Martin Schleyer, Andreas Bader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Mit einigen dieser Namen war ich aufgewachsen, und ich wusste, dass es böse Menschen gewesen waren. Irgendwie zumindest. Es war der Zeitpunkt, zu dem ich begann, mich für Politik und Weltgeschehen zu interessieren, und für Geschichte. Auf Schallplatten und Kassetten hörte ich Aufnahmen von historischen Momenten: Die Bekanntgabe der deutschen Kapitulation im zweiten Weltkrieg, die Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, die Landung von Apollo XI. auf dem Mond. Momente, die so kurz waren und doch alles veränderten. Der berühmte Satz von Neil Armstrong über den kleinen Schritt für einen Menschen und den großen Schritt für die Menschheit stand und steht für mich bis heute als das beste Symbol für einen historischen Augenblick. „Von heute an“, so lässt der Schauspieler Tom Hanks den Astronauten James Lovell am Abend der ersten Mondlandung im Film Apollo XIII. sagen, „leben wir in einer Welt, in der der Mensch den Mond betreten hat. – Und es ist kein Wunder, wir haben uns einfach dazu entschlossen.“

Mich ergriff die Faszination für die Momente der Weltgeschichte. Natürlich auch für die Ereignisse, die länger in Anspruch nahmen, aber die Zäsuren und die besonderen Dinge haben mich immer beeindruckt. Der Entschluss des jungen Martin Luther zum Beispiel, dass er Mönch werde, wenn er nur aus einem heftigen Gewitter im Wald entkäme, war so ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Luther hat eine Zeitenwende mit verursacht, er hat Kaiser und Papst das Fürchten gelehrt, und das wegen eines Gewitters und seiner Angst. Ich habe immer wieder nach solchen Momentaufnahmen des Weltgeschehens gesucht, und ich habe sie gefunden, aber ich habe auch die Ereignisse nicht ausgelassen, die etwas länger brauchten, um sich zu entwickeln: der Start des ersten Space-Shuttles, der Falklandkrieg, symbolisiert durch die Rede von Margaret Thatcher vor dem Unterhaus, in der sie mitteilte, dass die Falklands britisches Territorium blieben, der Augenblick, in dem Helmut Kohl mit sieben Stimmen Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt wurde und das Land für einen Moment stillstand, die erste Äußerung eines grünen Abgeordneten im Bundestag, mit der eine neue Epoche deutschen Parlamentarismus begann, die Abstimmung über die Nachrüstung mit der beeindruckenden kurzen Rede von Petra Kelly, die Mitteilung, dass Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPDSU gewählt worden war und damit eine neue Seite der Weltgeschichte aufschlug, die Ansprache von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des kriegsendes, der Start und die gleich darauf stattfindende Explosion der Raumfähre Challenger, die ich am Radio live verfolgte, weil ich damals alle Starts und Landungen verfolgte.

Dass ich bei der Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November 1989 nicht vor dem Fernseher saß, hat mich im Nachhinein geärgert, ich durfte nur noch zuhören, wie der deutsche Bundestag die Nationalhymne sang, und wie das Schauspiel am nächsten Tag vor dem schöneberger Rathaus wiederholt wurde. Mein ganz großes Weltereignis, bei dem ich sogar anwesend sein wollte, war die Wiedervereinigung Deutschlands, ich war mit meinem Leistungskurs Gemeinschaftskunde in Berlin an diesem Tag, wir wollten die Vereinigung live vor dem Reichstag erleben. In meinem Hauptblog habe ich einmal geschrieben, wie das war, und ich gebe hier einen Auszug wieder. Es war auf seine Art ebenfalls ein geschichtlicher Moment.

„Wir waren 4: Hans, unser Gemeinschaftskundelehrer, Beate, eine weitere Begleitperson, mein Freund Thorsten und ich selbst. Abseits von der Straße unter den Linden führte uns Hans auf sogenannten Schleichwegen in Richtung Staatsgrenze. Diese Schleichwege hatte er auf dem Stadtplan entdeckt, sie sahen aus wie ein Trümmerfeld, überall lagen irgendwelche Sachen herum. Wir kamen langsamer voran, als wir dachten, und gegen zwanzig vor 12 hatten wir noch nicht das Brandenburger Tor erreicht, befanden uns aber wieder auf der Hauptstraße. Und es wurde immer voller. Menschenmassen, teils betrunken, in jedem Falle aber ziemlich enthemmt, feierten und rempelten sich gegenseitig an, es war praktisch kein Durchkommen mehr. Eingeklemmt und eingezwängt hörten wir nichts außer das Gejohle der Menschen um uns herum. Und immer weiter wurden wir auf das brandenburger Tor zugetrieben. Kurz bevor wir es erreichten sahen unsere Begleiter, wie die riesige DDR-Fahne an Luftballons in die Luft entschwebte, und ein Jubel und Johlen brach los, Menschen bahnten sich rücksichtslos ihren Weg. Erstmals rief unser Kursleiter bittend, man möge nicht so drängeln und Rücksicht nehmen. Es waren Millionen auf der Straße. Immer wichtiger wurde es, aus der Menschenmenge hinaus zu kommen, der Wunsch, die Flaggenhissung zu sehen, geriet immer mehr in den Hintergrund.
Und dann wurden wir in das Nadelör des brandenburger Tores gedrängt. Zwei Menschenströme durchdrangen sich hier, von beiden Seiten kommend. Wir wurden an die Wand gedrängt, ich schlug mit dem Kopf gegen den Stein, beinahe wären wir auseinandergerissen worden. Als Vollblinder wäre ich allein verloren gewesen. Vermutlich wäre ich zerquetscht worden. Und während wir in der Enge des Durchganges darum kämpften, zusammen zu bleiben, johlte die Menge plötzlich unbeschreiblich auf, Flaschen und Feuerwerkskörper flogen, einer traf unsere Begleiterin Beate am Kopf. Vermutlich war dies der Moment, in dem Deutschland tatsächlich wiedervereinigt wurde. Ich konnte es nicht nachprüfen, denn um auf die Uhr zu schauen, hätte ich meinen Arm bewegen müssen, der zwischen Leibern eingeklemmt war. Wir wollten nur noch weg! Als wir endlich auf der anderen Seite ankamen, beruhigte sich die Menge etwas, denn alle blieben gebannt stehen, um das Feuerwerk zu verfolgen. Zwar konnten wir uns auch jetzt nicht weiter durch die Menge schieben, dafür stand sie zu dicht, aber für einen Moment konnten wir durchatmen und stehen bleiben. Hans zitterte, er musste Angst gehabt haben. Hätte er gewusst, dass es noch schlimmer kommen würde, …
Während des Feuerwerks waren wir auf dem Gelände des Tiergartens gelandet, zumindest sagte man uns das. Ein paar lange Kerls aus Hamburg standen dicht bei uns, besonnene Leute, die sich während der Böller und Jubelrufe kurz mit uns unterhielten. Dann war das Feuerwerk vorbei, und sofort wollten die Menschen den Ort des Geschehens verlassen und drängten auf die Polizeigatter los, die das Gelände, auf dem wir standen, abriegelten. Eine kleine Panik brach aus, als sich die Gatter nicht sofort öffneten, Menschenmassen stürmten weg vom Brandenburger Tor. Wir stolperten mit ihnen, Umhängetaschen wurden kaputt gerissen, wir hätten uns beinahe wieder verloren. Da bauten sich die riesigen hamburger Kerls um uns auf und riefen in die Menge: „Vorsicht, langsam“. Für einen Augenblick entstand um uns eine Zone relativer Ruhe, und wie ein Bollwerk schoben uns die Hamburger ruhig und besonnen, von ihren eigenen Körpern geschützt, durch die tobende Menge. Das ging so lange gut, bis am Rande des Platzes die Polizeigatter fielen und die Menschen das bemerkten. Von da an gab es kein Halten mehr, alle mussten Laufen, so sehr drängte die endlich befreite, panische Masse. Im Fernsehen, so erzählte man mir, habe man nichts von dieser Panik gesehen, aber in diesen Augenblicken fürchtete ich um mein Leben. Alle rannten, auch die Hamburger, die wir binnen Sekunden aus den Augen verloren. „Schneller“, trieb mich Hans in Panik an, aber ich konnte nicht noch schneller laufen, dachte ich. Und dann blieb ich für einen winzigen Augenblick in den niedergelegten Gattern hängen. Diese knappe Sekunde werde ich nie vergessen. Es war ein Moment, in dem ich vor Panik aufschrie und gleichzeitig mit meinem Leben abschloss. Ich war mir fast sicher, keine Chance mehr zu haben. Hans hielt mich fest, mein Arm wurde fast ausgekugelt, von hinten erhielt ich einen Stoß, und irgendwie löste sich mein Schuh aus den Gattern. Mit affenartiger Geschwindigkeit ergossen wir uns in das große, freie Gelände des Tiergartens, wo wir uns so verteilten, dass es uns möglich war, wieder Luft zu holen. Wir waren gerettet. Ein völlig fertiger Lehrer, der mit seinen Nerven am Ende war und Angst um unser Überleben gehabt hatte, und eine Begleiterin mit einer leichten Wunde an der Stirn, das war die Ausbeute dieser Nacht. und in dem ganzen Kampf um unsere Sicherheit war die Geschichte an uns vorbeigestreift, hatten wir die Worte des
Bundespräsidenten und die Nationalhymne verpasst, verging die Flaggenhissung vor dem Reichstag ohne unsere Anwesenheit. Hauptsache, es war alles noch mal gut gegangen, dachten wir uns, als wir uns durch die Straßen des nun wiedervereinigten Deutschlands schleppten.“

Ich weiß das alles noch so genau, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon immer versuchte, historische Momente auf Tonträger zu bannen, und einen Kassettenrekorder mit mir führte. Ich werde diesen Tag nie vergessen.

Meine Vorliebe für historische Momente ist nicht geringer geworden. Und übermorgen habe ich erstmals die Möglichkeit, eine Königskrönung zu verfolgen und mitzuerleben, wie das abläuft, ohne es bereits bearbeitet auf irgendwelchen historischen Aufnahmen hören zu müssen. Mich beeindruckt manchmal, wie viel sich nach einem solchen historischen Moment ändert. Die Wahl von Michail Gorbatschow, die versehentliche Rede Günter Schabowskis, all dies sind gute Beispiele für solche Veränderungen. Natürlich haben solche Momente und Ereignisse ihre Vorgeschichte, sie kommen nicht aus dem Nichts, aber sie sind Manifestationspunkte der Geschichte, und ich bin froh, wenn ich sagen darf, ich bin dabei gewesen, auf die eine oder andere Weise.

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Restposten – die letzten News rund um die Thronbesteigung in den Niederlanden

Am 30. April 2013 tritt die niederländische Königin Beatrix ab. Ihr Sohn, Kronprinz Willem-Alexander, wird ihr Nachfolger. Aus diesem Anlass berichtet das Wa(H)renhaus in diesen Tagen über dieses Ereignis, über Sinn und Widersinn der Monarchie in der modernen Zeit, über Bundespräsidenten und Parlamentseide, aber auch über Stars, Sternchen, Lieder, Kleider und Lobeshymnen. Vor allem aber über die Niederlande.

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Der Wahlkönig – Gedanken über den Bundespräsidenten, seine Macht und Ohnmacht und über Monarchie

Am 30. April 2013 tritt die niederländische Königin Beatrix ab. Ihr Sohn, Kronprinz Willem-Alexander, wird ihr Nachfolger. Aus diesem Anlass berichtet das Wa(H)renhaus in den nächsten Tagen über dieses Ereignis, über Sinn und Widersinn der Monarchie in der modernen Zeit, über Bundespräsidenten und Parlamentseide, aber auch über Stars, Sternchen, Lieder, Kleider und Lobeshymnen. Vor allem aber über die Niederlande.

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