Leider ein Spendenaufruf: Mein Radio braucht eure Hilfe

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

es ist kurz vor Weihnachten, und in dieser zeit gehen viele Spendenaufrufe bei Ihnen ein. Das geht mir ganz genau so, und ich muss wegen eines sehr sehr knappen Geldbeutels meine Spendenlust extrem begrenzen. Außerdem weiß ich, dass Spenden im Internet wenig bringen: Ich selbst habe auf diesem Blog seit 6 oder 7 Jahren einen Spendenbutton und habe genau 5 Euro in dieser Zeit eingenommen. Trotzdem muss ich Sie um Ihre Hilfe und um eine Spende bitten.

Es geht dabei um mein Radio www.ohrfunk.de, bei dem ich seit 10 Jahren arbeite. Dieses Radioprojekt betrachte ich seit damals als meine Arbeit, obwohl wir alle ehrenamtlich tätig sind. Rund 25 Menschen mit und ohne Behinderung stellen ein 24-Stunden-Programm her, das im Internet und in Teilen Deutschlands über das Kabelnetz verbreitet wird. Dabei gibt es ein umfangreiches Musik- und Informationsangebot. In unserer Musikrotation befinden sich rund 6000 Titel aus vielen Genres, unsere Musiksendungen glänzen durch Abwechselung, Kompetenz und tolle Unterhaltung. Aber das ist natürlich nicht alles: Wir haben ein tägliches Magazin mit historischen und aktuellen Beiträgen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheit und Selbsthilfe. Neben diesen recherchierten Beiträgen, Interviews und Berichten finden sich Service-Informationen wie die Übersicht der täglich im Fernsehen gesendeten Filme mit Audiodescription, eine Übersicht der Hörspiele im Radio und die von uns selbst erstellten Nachrichten aus der Behinderten- und Sozialpolitik. Viele unserer Beiträge bieten wir auch als Podcast zum Nachhören an. Einmal in der Woche senden wir Hörspiele, eine Schwerpunktsendung zu einem interessanten Thema, eine Zusammenfassung der wichtigsten Themen der Woche und vieles mehr.

Dies alles bewerkstelligen wir mit 25 Ehrenamtlern, die teilweise 20 oder auch mal 30 Wochenstunden für den Sender arbeiten, ihr eigenes Equipment mitbringen und zusätzlich noch Mitgliedsbeiträge für den Trägerverein zahlen. Damit sind aber die Kosten für die Gema, die Einspeisung ins Kabelnetz und andere ständige Verwaltungskosten nicht gedeckt. Am Ende dieses Jahres müssen wir der bitteren Tatsache ins Auge sehen, dass wir zumindest vorübergehend nicht genug Geld haben, unsere laufenden Kosten zu decken.

Für mich ist es undenkbar, dass ein vorübergehender Engpass dieses Projekt zerstören soll. Der Ohrfunk hat sich zu einem durchaus gehörten Sprachrohr entwickelt, blinde und sehbehinderte Radiomacherinnen und Radiomacher liefern hier den Beweis, dass sie ein vollwertiges, mindestens semiprofessionelles, journalistisch und technisch hochwertig produziertes Programm auf die Beine stellen können. Der Sender richtet sich an alle Menschen, die gern gute und spannende Musik auch jenseits des Mainstreams hören, die sich für soziale und politische Themen aller Art interessieren. Unser Programm wird zwar maßgeblich von blinden und sehbehinderten Menschen gestaltet, aber die Zielgruppe ist allumfassend, denn wir bauen Brücken.

Um dieses Projekt zu retten, bitte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, um eine Spende. Wir haben auf der Crowdfunding-Plattform betterplace eine Seite mit weiteren Informationen eingerichtet. Die Spende ist steuerlich absetzbar, und ich möchte noch einmal betonen, dass niemand von uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern persönlich davon profitiert, wir wollen einfach nur unser Projekt retten. Hören Sie doch einfach mal rein beim Ohrfunk, schauen Sie sich die Seite an und helfen Sie uns, wenn Ihnen das Programm gefällt.

Für Ihre Hilfe möchte ich mich schon jetzt herzlich bedanken. Ich hoffe, wir werden auch weiterhin ein gutes Programm senden können, und unsere Arbeit wird nicht umsonst gewesen sein.

Hier ist der Link zu unserer Seite bei Betterplace.org.

Noch einmal vielen Dank für Ihre Unterstützung!


Diese E-Mail wurde von Avast Antivirus-Software auf Viren geprüft. https://www.avast.com/antivirus

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„Nous Sommes Unis“ – Und was nun?

Vor allem Anderen steht Fassungslosigkeit, Entsetzen, Traurigkeit, Mitgefühl, manchmal Ratlosigkeit, Solidarität und auch Wut.

„Nous Sommes Unis!“ – Wir sind einig! Aber worüber sind wir einig? Worüber können wir in dieser verrückten, verrohten Welt einig sein? Die Terroranschläge in Paris am Freitag, dem 13. November 2015, treffen uns alle. Sie treffen uns, nicht weil es Terroranschläge sind, denn derartiges geschieht überall auf der Welt täglich, und wir sehen geflissentlich darüber hinweg. Sie treffen uns, weil sie so nahe sind, und weil wir spüren, dass sie an den Grundfesten unseres persönlichen Lebens zerren.

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Der Wahrheit die Ehre: Akif Pirincci beging vermutlich keine Volksverhetzung

Es gibt einen bekannten und auch verständlichen Reflex in Deutschland. Irgendwer nimmt das Wort „Konzentrationslager“ in den Mund, und es entsteht ein Aufruhr. Der rechte Autor Akif Pirincci ging auf der Pegida-Kundgebung am 19. Oktober 2015 noch einen Schritt weiter und verkündete, die Konzentrationslager seien ja derzeit leider außer Betrieb. Der Halbsatz war Teil einer Hassrede auf Politiker und Flüchtlinge, und alle waren sich schnell einig: Pirincci beging damit wohl Volksverhetzung. Ich dachte das auch, bis ich mir den Wortlaut der Passage und den Kontext vornahm und damit ein sträflich vernachlässigtes journalistisches Gebot beachtete. Seither steht für mich fest: Die Äußerung über die Konzentrationslager selbst ist keine Volksverhetzung. Ich werde das erklären, und Philipp Jenninger würde mich verstehen.

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Ach Fascho, halt’s Maul!

Auf meinen letzten Beitrag in diesem Blog kam wieder so eine Hetzantwort. Die sind ja heute üblich. All diese Möchtegern-Hitlers, die sich auch noch besorgte Bürger nennen. Mir reichts jetzt endgültig mit denen!

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Nachrichten aus der Festung Europa

den folgenden Beitrag habe ich für ohrfunk.de geschrieben und veröffentliche ihn hier zur Dokumentation.

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Schnellkommentar zu Griechenland

Nach der Griechenlandwahl, die kaum noch Wellen schlägt, habe ich gestern für den Ohrfunk folgenden Kurzkommentar geschrieben:

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Das Land der Kanzlerin

Den folgenden Beitrag habe ich am 16. September 2015 für Ohrfunk geschrieben. Ich dachte, es wäre an der Zeit, auch positives mal zu schreiben. Aber alles ändert sich immer so schnell. Deshalb füge ich das hier zu Dokumentationszwecken ein.

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Unterstützt wie ich die Blogger für Flüchtlinge!

Jeden Tag hören wir wieder von Naziübergriffen auf Menschen, die bei uns lediglich eine friedliche Zukunft vor den Kriegen suchen, die wir in ihre Länder tragen. Ich habe schon einiges über die Flüchtlingssituation geschrieben, und auch, dass meine Liebste sich für die Flüchtlinge hier in Marburg engagiert. In unserem Podcast Lagebesprech haben Franz-Josef Hanke, Dr. Eckart Fuchs und ich uns schon zwei mal ausführlich über dieses Thema unterhalten. Aber wir können auch positiv!

Jetzt möchte ich zur Unterstützung der Aktion Blogger für Flüchtlinge aufrufen. Beteiligt euch an der Spendenaktion und zeigt eure Menschlichkeit. Dass Flüchtlinge in einem der reichsten Länder der Welt so gehasst werden und so erbärmlich leben müssen, beschämt mich jeden Tag wieder und ist unseres Landes unwürdig! Und menschlich ist es eine Katastrophe!!! Jeder von euch, und verdiene er noch so wenig, kann Geld für die verschiedenen Projekte locker machen, die vom Staat vernachlässigt und von Bürgern und Bloggern gefördert werden. Keiner von uns hat dazu zu wenig Geld!

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Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten

Es war ein sonniger Samstag, mitten im Sommer des Jahres 1985: Samstag, der 24. August 1985, um genau zu sein. Es war der erste Samstag nach den großen Schulferien, ein Samstag mit 4 Unterrichtsstunden, ein Samstag mit Sonne und blauem Himmel. Und es war ein Tag, der mein Leben verändern sollte, verändern für alle Zukunft.

Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Die Schule machte mir an diesem Tag keinen Spaß, ich war damals in der achten Klasse der Carl-Strehl-Schule an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. In meiner Wohngruppe, ganz in der Nähe der Schule gelegen, fühlte ich mich nicht besonders wohl, denn ich war der einzige vollkommen Blinde Schüler dort, die anderen waren mehr oder weniger sehbehindert und konnten mit mir relativ wenig anfangen. Und außerdem hatte ich mich noch heftig aber unglücklich in eine Gruppenkameradin verliebt: Meine erste Erfahrung mit diesem Gefühl, obwohl ich schon 16 ganze und ein halbes Jahr auf dem Buckel hatte.

Und dann war da noch die Sache mit meinen Spleens und Interessen, für die weder Betreuer noch Mitschüler besonderes Verständnis aufbrachten. Mein Steckenpferd war schon damals die Politik, und ich befasste mich mit dem Unterschied zwischen Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit. Nicht wissenschaftlich, dafür war ich dann doch noch etwas jung, aber auf meine eigene Weise. Mit zwei Freunden hatte ich im Mai 1983 an unserem ständigen Ferienort, dem niederländischen Campingplatz Heelderpeel einen eigenen kleinen Staat gegründet. Wir wollten herausfinden, wie Politik funktionierte, und ob man mit einer guten Verfassung und einer guten Staatsidee die Welt nicht ein wenig besser machen könnte. Dieser Staat, die Demokratische Republik Deutsch-Niederlande, bestand auch noch im August 1985. In Marburg hatte ich ein paar Freunde gewonnen, die sich dieser Idee angeschlossen hatten. An diesem Samstag veranstalteten wir wieder einmal eine Parlamentssitzung.

Die Schule ging bis 12 Uhr, keiner von uns war hungrig, und so traf sich gegen 12:15 Uhr in meinem Einzelzimmer im Internat eine kleine Gruppe von Menschen, die sich für Politik interessierten. Zwei Gruppen- und zwei Klassenkameraden von mir kamen. Einer von zwei Tagesordnungspunkten unserer heutigen Sitzung war ganz und gar unpolitisch, er befasste sich mit der Gründung einer Medienorganisation, die für unseren Staat eine wöchentliche offizielle Hitparade erstellen sollte. Im Gegensatz zu den großen Staaten in der Nachbarschaft wollten wir keine Top 100, Top 75 oder Top 50 ermitteln, uns genügte eine wöchentliche Top 10. Auf die Idee gekommen waren mein Freund Uli und ich im Juni als wir voneinander erfuhren, dass jeder von uns seit einem knappen Jahr wöchentlich eine eigene, private Hitparade erstellte. Beide waren wir schon damals Musik- und Radiobegeistert, und so spielten wir jede Woche unsere Hitparade aus und präsentierten sie eventuellen Zuhörern wie eine Rundfunksendung. Ob Uli Zuhörer hatte, weiß ich nicht, mir hörten hin und wieder meine Eltern, meine Schwester oder ein paar Freunde zu. Als wir unseren „Mitbürgern“ davon erzählten, fanden die, es sei eine gute Idee, für die DN, wie wir unseren Staat abkürzten, eine eigene Hitparade zu eröffnen. So beschloss die „Staatsversammlung Nr. 8 vom 24. August 1985“ die Gründung der „Deutsch-Niederländischen Medienstiftung“, abgekürzt DNMS. Die erste Hitparade sollte noch am selben Tage ermittelt werden. Alle, die sich beteiligen wollten, gaben also bei mir ihre Top 10 ab, der Platz 1 erhielt 10 Punkte, der Platz 10 bekam einen Punkt, und weil einige aktuelle Lieder sicherlich in mehreren Hitparaden vertreten sein würden, ergab sich beim Zusammenzählen eine Punktereihenfolge, die offizielle Hitparade der DN, ermittelt durch die DNMS. Ein weiteres nettes Spielchen, dachte ich damals.

Gegen 14:30 Uhr saßen wir dann wieder in meinem Zimmer, der Kassettenrecorder war angeschlossen, die „Ausstrahlung“ der ersten Hitparade konnte beginnen. Mit dem Stück „Lucifer“ von „The Alan Parsons Project“ nahm die DNMS ihren Sendebetrieb auf.

An diesem Tag hörten wir bei 5 eingereichten Einzellisten die unterschiedlichste Musik. Da waren Titel wie „Crazy for You“ von Madonna, [youtube http://www.youtube.com/watch?v=DHutZXREZ0E]
„Kayleigh“ von Marillion,
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=l6p09jqRLp8]
und „Tarzan Boy“ von Baltimora,
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=_r0n9Dv6XnY]
die man in jeder Hitparade der damaligen Zeit hören konnte. Aus den Niederlanden und ihrer Hitparade brachte ich Schlager wie „Waarom fluister ik je naam nog“ von Benny Neyman mit,
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=ghpataf4QE4]
aber auch einen jungen Mann namens Georgie Davies, der in seinem Song „Blackstar“ zumindest mich irgendwie an Steevie Wonder erinnerte. [youtube http://www.youtube.com/watch?v=XoWggeDEBX0]
Mein damaliges Lieblingslied stammte auch aus den Niederlanden, war allerdings schon drei Jahre alt und wurde von der damals sehr bekannten niederländischen Band BZN gespielt. „Just an illusion“ hieß der Titel. [youtube http://www.youtube.com/watch?v=XQIi_wTbld4]
6 Wochen zuvor hatte das Life-Aid-Festival stattgefunden, und mein Freund Uli wählte den sowjetischen Beitrag zu diesem Ereignis, dessen Titel mir leider entfallen ist. Ein anderes Mitglied unserer kleinen Runde wählte besonders gern das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=_NvSoVYjaWA]
Nur ein einziges Lied schaffte es in dieser ersten Hitparade, mehr als 10 Punkte zu erlangen, so unterschiedlich waren doch unsere Geschmäcker. Im Frühjahr 1985 war es in Europa ein mittelmäßiger Hit gewesen, inzwischen wurde es kaum noch gespielt. Es stammte von der schwedischen Sängerin Agnetha Vältskog, die früher bei ABBA gesungen hatte, und hieß: „I won’t let you go“.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=bwfb5oRFrTU]

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich das alles schreibe? Warum habe ich am Anfang dieses Textes gesagt, dass dieser Samstag im August, heute vor 30 Jahren, mein Leben veränderte?
In seinem wundervollen Lied „Der Turm“, auch unter dem Namen „zum Himmel hoch“ bekannt, sagt der österreichische Sänger Ludwig Hirsch, was es dazu zu sagen gibt: „An diesem Tag beschloss der Franz nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss ganz einfach, Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.“ Dieser Samstag im August 1985 legte den Grundstein für meinen lebenslangen engsten Freundeskreis. Das Staatsspiel haben wir inzwischen eingestellt, aber die Hitparade, die gibt es immer noch. Wöchentlich geben rund 8 Menschen mehr oder weniger regelmäßig ihre Hitparaden ab und erzählen dabei über ihre Woche, über ihre Erlebnisse und Gefühle. Die meisten wohnen hier in Marburg, aber im Alltag sieht man sich nicht so häufig, wie es unter besten Freunden eigentlich sein sollte. also gibt es unsere Mailingliste. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands leben einige von uns: In Wuppertal und Hamburg. Seit 30 Jahren gibt es diesen Freundeskreis, der manches gemeinsam unternimmt, in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn es nötig wird, in dem man füreinander Hochzeits- und Geburtstagsfeiern ausrichtet. Ein Kreis, der sich jedes Jahr zu einem grandiosen Jahresfest trifft, und für den dann das Jahr zu ende ist, nicht vorher und nicht nachher.

Eigentlich hätte dieser Tag heute gefeiert werden müssen, aber der Alltag verhinderte es, und vielleicht verschieben wir diese Feier auf das Jahresfest 2015. Auch wenn wir uns nicht mehr so häufig treffen: In der Seele sind wir eng miteinander verbunden. Und immer, wenn wir uns treffen, können wir das Lied von Hannes Wader spielen: „Gut, wieder hierr zu sein“, eine unserer ewigen Hymnen.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=glWwwUSVGTQ]

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Ach wär‘ doch ein normaler Tag

Aufruf!!!

Spendet für Flüchtlinge, heißt sie in eurer Umgebung willkommen, damit sie nach Krieg, Tod und Vertreibung ein Zuhause finden können. Unterstützt die Aktion Blogger für Flüchtlinge!

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich habe ein neues Audiogame gefunden, das ich jetzt eigentlich gern intensiv ausprobieren möchte. Es liegt auf meiner Festplatte, und ich habe auch schon ein wenig gespielt. Ein Flugzeug stürzt ab, 10 Leute überleben und müssen sich viele Meilen zur nächsten Ansiedlung durchschlagen. Sie müssen ein Camp pro Tag bauen, Feuer machen, das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden essen, sonst ist ja nichts da.
Da habe ich aufgehört zu spielen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte twittern und Zeitung lesen, in die Feuilletons schauen und mich geistreicher Gesellschaftskritik erfreuen.
Roger Willemsen ist an Krebs erkrankt, Egon Bahr ist gestorben, und in Sachsen gibt es 10 Verletzte vor einer Flüchtlingsunterkunft. Da habe ich aufgehört zu lesen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich frühstücke gut und esse zu Abend, am Montag, wenn ich mich auf die Wage stelle, habe ich vermutlich etwas zugenommen, ich kriege das auch nie in den Griff, also mäckere ich ein wenig über mich selbst.
Und dann denke ich daran, wieviele Menschen auf der Flucht sterben, bevor sie hier, in Sicherheit, wieder Angst vor meinen Landsleuten haben müssen. Da höre ich auf zu mäckern.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte schreiben: Erotik, um mich anzuregen, politische Fiktion, um mich einzulullen, in meinem Blog über Jugenderinnerungen, um mich fröhlich zu machen.
Und dann sehe ich die Realität der Politik, vor der ich mich nicht verstecken kann, und mir vergeht die Lust und die gute Erinnerung. Da höre ich auf zu schreiben.

NEIN!

Heute ist kein normaler Tag, und schon seit Wochen ist kein normaler Tag mehr!
Ich habe die scharfe Klinge der Sprache verloren, weil alles gesagt und abgeprallt ist.
Meine halben Verse sind verzweifelte, kraftlose Ausrufezeichen!

Wenn ich, was das Schicksal verhüten möge, einmal fliehen müsste, dann bitte bitte nicht nach Deutschland.
Dieses Land ist so arrogant, so voller Hass, so voller Dünkel! Hier hält man sich immer noch für die Herrenmenschen, und man versteckt es nur gut, solange nichts dazwischen kommt.
Wenn ich also fliehen müsste, wohin dann?

„Komm wir fliegen zum Pluto, lass uns Tanzen auf dem Mond,
gibt es einen Platz zwischen den Sternen, wo das Leben lohnt?“ (Het Goede Doel: „Belgien“ 1983)

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=vSRDTUWxprc]

Alles, was ich sage, kreist um die eine Tatsache, dass alles, was ich sehe, so unfassbar ist.
Als ich aufwuchs, wurde in meiner Familie auch über Flüchtlinge gesprochen. Damals, erzählte meine Mutter, damals nach dem zweiten Weltkrieg, da kamen sie alle aus dem Osten, die Großgrundbesitzer. Sie sagte: „Viele haben falsche Angaben über ihren Besitz gemacht, plötzlich hatten alle ein Rittergut, nur damit sie große Entschädigungen bekamen. Denen ging es schon schnell viel besser als uns.“
Einer unserer Nachbarn war auch in den siebzigern noch ein brutaler Brauner, und meine Mutter sagte: „Der kam aus dem Osten und war bei der SS!“ Aber andererseits sagte sie auch: „Die kamen hier teilweise an mit nichts als ihren Kleidern am Leib, die Kinder halb erfroren, alle halb verhungert. Aber wir hatten ja selber nichts, und trotzdem sind wir alle enger zusammengerückt.“
Ich habe daraus gelernt, dass es zwar Ressentiments gegenüber flüchtlingen gab, dass man am Ende aber zusammengearbeitet hat und das Land wieder aufbaute, mit Hilfe unserer neuen Verbündeten, der Care-Pakete und vieler freigiebiger schwarzer Soldaten. Das habe ich mir gemerkt, und ich habe geglaubt, dass diese Lektion viele Generationen lang hält.

Aber das tut sie nicht.

Die Braunen singen wieder, sie prügeln wieder, sie werden bald wieder morden?
Heute die Flüchtlinge, und morgen?
Deshalb habe ich Angst, und zwar an einem ganz normalen Tag. Deshalb kann ich nicht einfach das, was ich sehe, wieder vergessen. Es ist ständig in meinem Kopf. Aber mir fehlt inzwischen die Sprache, darum habe ich in meinem Hauptblog ein paar Leseempfehlungen ausgegeben, und darum schreibe ich hierr mal was politisches.

Denn es geht ja irgendwie um unser aller Leben, jeder von uns könnte zur gehassten Minderheit gehören. Kann sich irgendwer sicher fühlen? hat man vor 80 Jahren gedacht, es wären nur die Juden oder nur die Kommunisten?

Ich bin froh, dass meine Liebste sich ganz konkret für Flüchtlinge einsetzt. Zweimal in der Woche geht sie für 3 Stunden in die Notunterkunft in Cappel und sitzt dort am Telefon und am Empfang. Sie sieht die Kinder, die dort betreut werden und endlich mal spielen und sich freuen, hört, wie freundliche Menschen „Guten Tag“ und „Aufwiedersehen“ lernen und immer wieder sagen, bekommt mit, wie ordentlich die Flüchtlinge jeden ausgeliehenen Stift, jeden ausgeliehenen Schreibblock zurückgeben. Und dann erfährt sie, dass ehrbare marburger Bürger deutscher Herkunft Müll um das Flüchtlingscamp herum verteilen, um diese Verunreinigung den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können. Was soll ich da noch sagen?

Und wenn es dann tatsächlich schwarze Schafe unter den hunderten Menschen gibt, die hier für ein oder zwei Wochen untergebracht werden, Menschen, die etwas mitgehen lassen, was eigentlich nur geliehen ist zum Beispiel? Wenn es also diese ein oder zwei Menschen gibt, sind dann alle Flüchtlinge schuld? In den Augen der sogenannten besorgten Bürger wird das plötzlich zu einer Mentalitätsfrage, obwohl es unter derselben Anzahl deutscher Bürger mindestens ebenso viele Kriminelle geben würde. Aber das glauben sie einfach nicht, und mit ihrer Hetze stecken sie die Medien an, und die stecken die Politiker an, und die fischen mit ihren Statements am rechten Rand, weil sie Angst um ihre Wahlerfolge haben, und diese Statements kommen dann wieder in die Medien, und das steckt dann wieder mehr Bürger an, die bislang höchstens unsicher waren. Merkt ihr nicht, wie die Politiker und die Rechten euch manipulieren?

Uns geht es gut, was geht uns das an. Das sagen viele von euch, nicht wahr? Aber was, wenn ihr morgen zu den gehassten gehören würdet?
Was, wenn ich morgen zu den Gehassten gehöre?

Ein ganz normaler Tag?

NEIN!

Natürlich werde ich gut essen, etwas hören, lesen, ein Computerspiel spielen, lieben und leben. Anders wäre diese Welt ja auch nicht auszuhalten. Und Gott sei dank funktioniert auch bei mir die Verdrängung für eine gewisse Zeit. Aber immer wieder frage ich mich, wie es den Flüchtlingen geht, für die keine Unterkunft da ist, oder die bedroht und verfolgt werden? Was müssen sie über uns denken? Noch werden sie vermutlich denken, dass es ihnen zuhause schlimmer ergangen wäre. Das hoffe ich zumindest.

Wenn wir ein besseres Land wollen, eines mit Idealen, mit Gerechtigkeit, auch für uns, dann müssen wir einfach damit anfangen, anderen gegenüber gerecht zu sein. Jetzt sofort, an einem normalen Tag!

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