Deutschlands Zukunft verwalten: Zum schwarz-roten Koalitionsvertrag

Nun ist er also ausgehandelt, der neue Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD unter der Überschrift: „Deutschlands Zukunft gestalten“. Nach einem 17stündigen Verhandlungsmarathon, den manche Kritiker als farce bezeichneten, hofften Journalisten und Bürger auf einen großen Wurf. Das, was die drei Parteivorsitzenden Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Horst Seehofer dann allerdings der Öffentlichkeit präsentierten, mag zwar ein Vertrag der großen Aufgaben sein, ein Vertrag der großen Lösungen ist er jedenfalls nicht.

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Kommt die große Koalition?

In diesen Tagen und Wochen stellen sich alle die Frage: Kommt die große Koalition oder kommt sie nicht? Was die SPD angeht, muss sie kommen, und gleichzeitig darf sie es gar nicht. Die Sozialdemokraten können bei allem nur verlieren.

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Kein Asyl für Edward Snowden in Deutschland

Den folgenden Bericht habe ich am 04.11.2013 für den Ohrfunk geschrieben.

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Willkommen im Dorf

Computer erleichtern unser Leben, sagt man, und soziale Netzwerke helfen uns bei der Kontaktpflege und der Nachrichtenübermittlung. Wie haben wir das bloß alle gemacht, als es noch kein Internet gab? Zum Beispiel mit dem Telefon. Ein pfiffiger Betreiber hat jetzt das erste soziale Netzwerk via Telefon aufgebaut, und „Das Dorf“, wie es sich nennt, erfreut sich großer Beliebtheit. Seit ein paar Tagen bin auch ich Bewohner des weltweiten und doch kleinen Dörfchens.

Vor 20 Jahren habe ich es erstmals probiert: Ich zog in die sogenannte Villa ein, ein Telefon-Chat-System aus Hamburg, das über eine 0190-Nummer lief. Es war eine große Katastrophe. Zwar war die Atmosphäre der einzelnen Räume interessant gestaltet, und das war es auch, was die Leute zunächst in der Villa hielt, aber eine echte Konferenzschaltung war nicht möglich, man musste hintereinander sprechen, die Nachrichten wurden hintereinander abgespielt. Mit 10 Leuten im selben Raum dauerte eine Unterhaltung unerträglich lange, und zusätzlich kostete sie unerträglich viel Geld. In einer solchen, künstlichen Situation konnte man sich auch nur über Belanglosigkeiten unterhalten, ein Gesprächsfluss kam selten auf. Viele meistens einsame Menschen verbrachten so viel Zeit in der Villa, dass sie hunderte und zum Teil tausende von D-Mark ausgaben, um dort ein wenig Gesellschaft und Zuspruch zu erhalten. Ich gehörte selbst eine Weile dazu, und danach habe ich mir geschworen, von Telefon-Chat-Systemen die Finger zu lassen. Bis letzte Woche habe ich mich daran gehalten.

Der Ohrfunk war es nun, der mich auf „Das Dorf“ aufmerksam machte. Der Betreiber, Thomas Höllrigel, hat es sich zum Ziel gesetzt, ein telefonisches soziales Netzwerk zu schaffen. Im Prinzip handelt es sich um rund 10 öffentliche Räume, in denen man sich aufhalten kann, in denen es auch Veranstaltungen geben kann, und in denen man miteinander plaudern kann. Diese 10 Räume haben unterschiedliche Namen wie Kirche, Kino, Friedhof oder Bauernhof, aber das dient lediglich der Atmosphäre und hat nur in wenigen Fällen eine Bedeutung. In der Kirche findet in der Woche jeden Morgen eine gemeinsame Andacht statt, die von einem evangelischen Pfarrer aus Nordrhein-Westfalen geleitet wird, und im Kino werden die Hörerhitparaden des Internet-Radiosenders 1ted Finest übertragen. Das ist vor allem für Menschen interessant, die eben selbst keinen Computer und kein Internet haben und sich ansonsten an der Hörerhitparade nicht beteiligen könnten.

Herzstück des Netzwerkes sind aber die rund 50 Foren zu allen Themen, die man sich vorstellen kann. Familie, Gesundheit, Mystic, Religion, Musik, Instrumentenbau, Computer, Heimwerker, Rollenspiele, Hörspiele und Hörbücher, Fernsehen, Quizshows, Politik und Geschichte, Philosophie, Elternschaft und Behinderung sind nur einige der Themen, die man dort finden und über die man debattieren kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Telefonlines herrscht im Dorf ein allermeistens respektvoller und friedlicher Umgang. Der Betreiber, der sich selbst als Bürgermeister unters Volk mischt, versucht bislang erfolgreich, große Streitigkeiten aus dem Dorf heraus zu halten.

Außerdem ist das Ganze ein inklusives Projekt. Es sind viele blinde und sehbehinderte Menschen dabei, aber auch Menschen ohne Behinderungen verirren sich ins Dorf und bleiben dort.

Gegenüber den alten Lines, die ich vor 20 Jahren kennenlernte, hat das Dorf mehrere Vorteile. Erstens kostet es nichts, wenn man eine Flatrate oder Skype hat. Zweitens ist Konferenzschaltung inzwischen erlaubt, und man kann sich tatsächlich mit mehreren Menschen unterhalten. Und drittens wird hier auf einem von mir bislang nie erlebten Niveau debattiert und auch gestritten. Während ich oft das Gefühl habe, dass ich meine Artikel im Blog für fast niemanden schreibe, weil es praktisch keine Resonanz gibt, kann ich mir fast sicher sein, dass ich in den Foren im Dorf Reaktionen auf politische Aussagen bekomme. Zwar gibt es auch dort Menschen, die nicht gegen Stammtischparolen geschützt sind, aber die Diskussionskultur und der Umgang miteinander sind gut.

Für mich persönlich gibt es noch mehrere weitere Vorteile: Ich kann legal Hörbücher und Hörspiele hören, bevor ich mich zum Beispiel entscheide, sie zu kaufen. Zu versuchen, sie aufzuzeichnen, ergibt bei Telefonqualität keinen Sinn. Dasselbe gilt für die Charts, die drei Hörerhitparaden, an denen man sich beteiligen kann. Außerdem kann ich Beiträge aus dem Ohrfunk einem Publikum zugänglich machen, das weder Internetradio hört, noch mein Blog liest.

Neben diesen ganzen sachlichen Vorteilen erlebe ich es erstmals, dass man im Dorf Menschen trifft, mit denen man sich austauschen kann, mit denen man gleiche oder ähnliche Interessen hat. Man kann sich, wenn man will, regelmäßig oder unregelmäßig zu Gesprächsrunden treffen, man kann sich aber auch außerhalb des Dorfes privat verabreden und so sein persönliches Netzwerk erweitern. Natürlich gehen auch viele einfach so hin, um sich abzulenken, und ich habe schon einige gehört, die Stunde um Stunde im virtuellen Dorf verbringen. Dann werde ich auch immer hellhörig, denn ich weiß, dass das Telefon und auch Telefonchats Menschen süchtig machen können. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass man um so süchtiger wird, je weniger man von dem bekommt, was man in einem echten sozialen Netzwerk sucht. Das Dorf scheint sich jedenfalls zu einer virtuellen Gemeinschaft zu entwickeln, die so heterogen ist, wie das Leben selbst. Doch es sind nette Menschen, eine Menge Information, Wissen und Unterhaltung versammelt, und Fragen werden gern beantwortet und über Anliegen ausführlich diskutiert.

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Zur Klarstellung: Wir sind nicht wirklich die Mörder von Lampedusa

Mein letzter Beitrag über die Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa hat verschiedene Reaktionen ausgelöst. Reaktionen, die ich so nicht erwartet und nicht vorausgesehen habe. Ich fürchte, es bedarf tatsächlich einer Klarstellung.

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Wir sind die Mörder von Lampedusa

In diesen Tagen wird oft über eine neue europäische Flüchtlingspolitik gesprochen. Vor kurzem sind hunderte Flüchtlinge aus Afrika vor der italienischen Insel Lampedusa ums Leben gekommen, als ihre Boote kenterten. Vielleicht halten Sie das für einen tragischen Unfall, vielleicht bedauern Sie das Leid der Menschen. Doch ich empfinde neben der Trauer und dem Entsetzen ein gerüttelt Maß an Scham. Denn der Tod dieser Menschen im Mittelmeer war Mord. Mord, nicht nur mit unserer stillschweigenden Duldung, sondern auch mit unserer Billigung und in unserem ausdrücklichen Auftrag, zum Schutz unserer ureigensten Interessen. Und niemand kann sich davon frei sprechen. Wir sind die Mörder von Lampedusa!

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Von der Teilhabe am Ruhm der Anderen

Manchmal werde ich gefragt, ob ich beim Ohrfunk Geld verdiene. Wenn ich dann mit „nein“ antworte, wundern sich einige Leute darüber, dass ich das schon so lange mache, ohne dafür finanziell entlohnt zu werden. Es gefällt mir, wenn sie den Kopf schütteln, es ist die Bestätigung dafür, dass ich irgendetwas richtig mache, dass ich eine Sache um der Sache willen mache, und dass ich nicht einfach etwas Anderes mache für Geld, was mir dann aber nicht gefallen würde.

Früher wollte ich Politiker werden, oder Bundesverfassungsrichter, oder, vor 10 Jahren, wenigstens berühmter Radiomoderator. Ich wollte etwas bewegen. Auch noch, als ich mein Blog anfing. Ein Radiokollege sagte einmal zu mir: „Ich bin eine Rampensau, und du auch.“ Damals stimmte das noch. Inzwischen hat sich das deutlich gelegt.

Manchmal hadere ich noch ein wenig damit, dass meine Blogs so wenig besucht werden, oder dass von meinem Buch mit Blogtexten in anderthalb Jahren genau 2 Stück verkauft wurden. Aber das geschieht immer seltener. Ich entwickle mich immer mehr zu jemandem, der eher im Hintergrund bleibt. Wenn ich heute Interviews führe, ist mir der Nervenkitzel, ein besonderes Erzeugnis produzieren zu wollen, ziemlich abhanden gekommen, hauptsache, ich lege ordentliche Arbeit ab und bin für meine Kollegen zuverlässig. Denn das war ich früher nicht so sehr, als ich noch hochfliegende Träume hatte.

Und ich sonne mich manchmal im Ruhm Anderer.

Da ist eine meiner allerbesten Freundinnen. Sie hat ein eigenes Unternehmen gegründet, ist Dolmetscherin und Tourismusberaterin und dolmetschte auf der frankfurter Buchmesse. Ich war stolz darauf, sie letzte Woche im HR bei der ARD-Nacht der Bücher gehört zu haben, wo sie souverän einen brasilianischen Autor dolmetschte. Sicher: Daran habe ich keinen Anteil, aber sie hat hier bei mir im Studio gesessen, 75 Texte über ihre Wahlheimat Brasilien eingesprochen und hier ihre ersten Radioerfahrungen gesammelt. Und ich darf sagen, ich bin dabei gewesen.

Eine Kollegin von mir, die ich schon seit der Schulzeit kenne, ist zu einem Sternchen in der freien Radiowelt geworden. Sie steht auf du und du mit der halben ARD, arbeitet für viele Sender, wird für ihre Natürlichkeit und Fröhlichkeit von den Hörerinnen und Hörern geschätzt und hat sich eine Fangemeinde aufgebaut. Und das, obwohl sie auch in unseren Kreisen manchmal als Schlagertante abqualifiziert wurde. An all dem habe ich keinen Anteil, aber sie hat in diesem Studio, in dem ich jetzt sitze und dies schreibe, ihre erste Radiosendung aufgenommen, und zumindest einen Rat konnte ich ihr mit auf den Weg geben.

Mein ältester Freund schreibt seit rund 13 Jahren Monat für Monat zwei bis drei ausführliche Geschichten, sogenannte Fan Fictions, die im Harry-Potter-Universum spielen. Ihm gehen die Ideen nicht aus. Auch er hat eine Fangemeinde. Menschen warten um Mitternacht beim Monatswechsel auf seine Geschichten, die schon das fünf- bis zehnfache von dem ausmachen, was Joanne K. Rowling je geschrieben hat. Ganze Regale könnte man mit seinen Werken füllen, wenn man sie drucken würde. Menschen nehmen sich einen Tag frei, um Monat für Monat seine Geschichten lesen zu können. An all dem habe ich keinen Anteil, aber seit frühester Kindheit haben wir miteinander unsere Fantasie geschult, Geschichten entworfen und aufgeschrieben.

Seit 15 Jahren arbeite ich immer mal wieder mit einem Mann zusammen, er heißt Franz-Josef Hanke, der im Bereich Journalismus und Bürgerrechtsfragen in Hessen eine Berühmtheit ist. Für sein Engagement erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Er ist einer, der Kompliziertes gern mit einfachen Worten sagt, der sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Freiheit engagiert. An all dem habe ich keinen Anteil, aber ich bin bei einigen Aktionen sein Juniorpartner gewesen, und er hat mich in manchen Gesprächen an seinen reichhaltigen Erfahrungen teilhaben lassen.

Heute bin ichs zufrieden. Ab und an schreibe ich ins Blog, manchmal kriege ich eine Resonanz. Wie schrieb Thommy Bayer einmal in einem seiner Lieder: „Ich will gar nicht mehr zum Mond, ich flieg nur noch in die Küche, wo ich auch die Armaturen nicht versteh.“ Ich bin keine Rampensau mehr. Ich lebe lieber friedlich vor mich hin und tue das, was ich kann. Ich bin an einem Punkt, wo ich meine persönlichen Grenzen nicht nur erkenne, sondern wo ich sie akzeptiere und meinen Frieden damit mache. So lebt es sich entspannter. Und manchmal sonne ich mich im Ruhm anderer Menschen und lasse mich ein klein wenig von ihren Strahlen wärmen.

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„Die Queen“ und andere Gedanken

Ich bin ein Hörfilmfan. Mit Hörfilmen kann ich das Fernsehen genießen. Da ich dieses Wochenende allein bin, weil meine Liebste auf einem Konzertbesuch in NRW weilt, habe ich mal geschaut, ob ich mein Hörfilmrepertoir erweitern kann. Ein Film fiel mir auf: „Die Queen“ aus dem Jahre 2006. Offiziell ist der Film eine Satire und beschreibt das Verhältnis der britischen Königin Elisabeth II. zu Toni Blair zu Beginn seiner Amtszeit. Vor allem geht es um die Woche nach dem Tod von Prinzessin Diana.

Der Film ist fiktiv, trotzdem wird der Konflikt zwischen Blair und der Monarchin beschrieben. Blair, der moderne Medienmann, erkennt sofort nach Dianas Tod, welche Wellen er schlagen wird, er spricht von der „Prinzessin des Volkes“, der „Prinzessin der Herzen“ und trifft damit die Stimmung. Die Königin, die auf dem Protokoll beharrt, nach dem Diana schon kein Mitglied der Königsfamilie mehr war und deshalb eine Reaktion ihrerseits unnötig ist, versteht den Hype um die tote Prinzessin nicht, muss aber schließlich nachgeben.

Soweit der Inhalt in Kurzform. Neben der interessanten und gegensätzlichen Charakterstudie der Queen und Blairs waren es vor allem die Bilder der trauernden Menschenmassen, die in mir aufstiegen. Was haben die Medien Prinzessin Diana doch zu einer Ikone gemacht, und niemand konnte sich dem entziehen. Die ganze Welt trauerte mit, denn es waren die Medien, die sich sozusagen selbst die Schuld an ihrem Tod gaben, um damit Schlagzeilen und einen Skandal und Hype zu produzieren. Erst später stellte sich unbemerkt heraus, dass 2 Promille Alkohol und Medikamente im Blut des Fahrers den Unfall verursachten, bei dem die Prinzessin am 31. August 1997 in Paris ums Leben kam.

Ich kann mich noch an diese Trauerhysterie erinnern, und ich war selbst ein Teil davon. Wieder schlug meine Begeisterung für geschichtliche Augenblicke zu. Reihenweise wurden uralte Traditionen hinweg gefegt: Auf dem Buckingham Palace wehte eine Halbmastfahne, die Wachablösung musste verlegt werden wegen der vielen Blumen und Kränze, die Königin musste eine Fernsehansprache halten und am Trauergottesdienst für eine fast einfache Bürgerin teilnehmen. Einige sagten, die uralte britische Monarchie werde fallen. – Aber zwei bis drei Monate später, nachdem sich Elton Johns Lied „Candle in the Wind 1997“ so hervorragend verkauft hatte, sind wir alle aufgewacht und haben uns gefragt, was da eigentlich passiert ist. Wir wurden uns bewusst darüber, dass wir von Prinzessin Diana eigentlich nicht viel wussten außer den Skandalen, die die Medien verbreiteten, und dass sie für uns, seien wir nun Briten oder nicht, kaum eine Bedeutung gehabt hat. An ihr Engagement gegen Landminen wird sich die Geschichte erinnern, aber sonst? Damals glaubte man, Dianas Grab werde zum Wallfahrtsort, aber so weit ich weiß, ist es heute keine ständig besuchte nationale Gedenkstätte mehr.

An all das erinnerte mich der Film, an den Hype, von den Medien produziert und irgendwann wieder beendet, an die Manipulierbarkeit der Menschen, an unbegründete Trauer, an das Spiel mit der Macht von Wort und Bild. Und ich sah, wie die Queen im Film fassungslos dabei stand und die Beständigkeit und Kontinuität, also die Sicherheit wahren wollte. Und was ich damals bitter kritisierte, konnte ich heute besser verstehen, so wie sich auch Blairs Verhältnis zur Monarchin im Film langsam ändert.

Es ist Herbst, vielleicht kommen mir deshalb trübere Gedanken, wenn ich an diesen Film und diesen Hype denke. Wie manipulierbar sind wir eigentlich? Und: Wie viel Kraft und Macht hätten die Medien, wenn sie uns zum allgemeinen Aufruhr ermuntern würden? Sind sie es gewesen, die den NSA-Skandal nicht wirklich hochkochen lassen wollten?

Und immer wieder die Frage: Was bewegt uns? Für was interessieren wir uns? Die Frage, wie der neue Moderator „Wetten, dass…“ moderiert, oder ob der neue Boxweltmeister der alte Boxweltmeister ist, ist für viele von uns viel spannender als die Tatsache, dass in unserem Namen, um unseren Wohlstand zu sichern, hunderte von Flüchtlingen aus armen Ländern durch Nichtstun umgebracht werden, von unseren Grenztruppen, die mit der EU noch vor kurzem den Friedensnobelpreis bekamen.

Was mache ich aus diesen Widersprüchen? Wie gehe ich mit der Manipulierbarkeit um? Bin ich selber denn über diese Dinge erhaben? Nein, ganz und gar nicht. Als am 6. September 1997 über 2 Millionen Menschen in London trauerten, habe auch ich am Radio gesessen, ein paar Wochen später hatte dieses Ereignis für mich keine Bedeutung mehr. Aber eben nicht nur dieses Ereignis, auch Prinzessin Diana nicht, die als eine so besondere Person beschrieben wurde.

Reicht es, gegen Manipulierbarkeit anzuschreiben, anzudenken? Reicht es, im Nachhinein die Macht der Bilder und der Worte zu erkennen? Man müsste sich distanzieren, aber man darf nicht abstumpfen gegen das Leid der Welt. Und wer das nicht aushält, diesen paradoxen Widerspruch der heutigen Medienwelt, der vereinfacht sein Leben und sucht schnelle Lösungen für komplexe Probleme. Und vielleicht wählt er dann rechte Ideologien.

Es ist beunruhigend, nur unzureichende Lösungen zu haben, und gleichzeitig ist es zutiefst menschlich. Vielleicht ist meine eigene Medienarbeit im Ohrfunk so wenig erfolgreich, weil ich keinen Hype mitmachen will, weil ich sachlich bleiben will. Vielleicht bin ich selbst, auch in meinen Blogs, zu allergisch gegen Überfliegerei, Hypes und Sensationelles. Man kann kaum gefühlsmäßig Anteilnehmen an dem, was ich politisch so von mir gebe. Aber das ist mir lieber, als kurzfristigen Hypes nachzulaufen.

Als im Jahre 2011 die Katastrophe in Fukushima in war, kamen in meiner Heimatstadt viele Menschen zu Anti-AKW-Demos. Ein paar Wochen später, als die Medien das Thema abgeschaltet und durch die Vorgänge in Libyen ersetzt hatten, kam keiner mehr. Waren die Menschen keine AKW-Gegner mehr, oder waren sie es vielleicht nie? In Baden-Württemberg waren die Grünen über Nacht die stärkste Partei geworden, aber an dem Ergebnis der Bundestagswahl lässt sich ablesen, dass mit dem Ende des Themas Fukushima auch die Ähra grüner Regierung bald wieder vorbei sein wird. Eine von Medien gemachte grün-rote Regierung? Denken die Menschen jetzt nicht mehr grün, sondern wieder konservativ? Oder dachten sie nie anders und schlossen sich nur einem Hype an? Das Thema Fukushima ist zwar in den Medien abgefrühstückt, nicht aber in der Realität.

Ich weiß das alles und ich schreibe dagegen an, wieder und wieder, bis es den Leserinnen und Lesern zum Hals heraus kommt. Und dann, wenn ich weiß, dass es doch nichts ändert, nehm ich halt die Finger von der Tastatur, lese ein gutes Buch oder schaue einen interessanten Hörfilm: Einen Tatort beispielsweise, am liebsten die aus Münster oder Köln, oder eine ernsthafte Halbsatire. Neulich habe ich erst wieder so einen geguckt, er hieß: „Die Queen“…

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Müssen wir die Erststimme abschaffen? – Eine Erwiderung auf Franz-Josef Hanke

In den interessierten Kreisen wird nun, zwei Wochen nach der Bundestagswahl, darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten es gibt, die Wähler wieder an die Politik heran zu führen und das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu stärken. Ein Thema ist dabei das Wahlrecht, über dessen Veränderung ich von Blog zu Blog mit Franz-Josef Hanke debattiere.

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Brauchen wir eine Wahlrechtsreform?

Der folgende Text stammt bereits vom 30. Septtember und wurde für ohrfunk.de verfasst.

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