Morgen ist es so weit, dann wird mein hauptblog 8 Jahre alt. In dieser Zeit habe ich knapp 580 Artikel geschrieben, und ich habe mich in den letzten Wochen gefragt, wie es weiter gehen soll mit diesem Blog. Dabei bin ich auch auf das Posting gestoßen, das bis heute mein wohl beliebtestes Posting ist: mei n atheistisches Manifest.
Damals schrieb ich, warum ich trotz meiner christlichen Erziehung aufhörte, ein Christ zu sein. Ich wiederhole hier noch mal ein paar Auszüge. Ich schrieb es nach einem Konzert mit einem hervorragenden Gospelchor und dem beeindruckenden Gospelsänger Jan Vering:
„Jan Vering hatte vor vielen Jahren eine musikalische Gospeldefinition verfasst: Diese alten, schwarzen Lieder, voll von Elend, Pein und Tod, voller Hoffnung und voll Sehnsucht nach dem Leben, nach Glück, nach Gott. Oder so ähnlich jedenfalls. Beeindruckend, nicht wahr? Aber ich konnte nicht anders, als plötzlich zu denken: Oh ja. Diese Lieder haben es den schwarzen Sklaven ermöglicht, ihr Schicksal mit Würde zu tragen. Und weil Ihnen im Himmel das Paradies versprochen wurde, haben sie sich nicht aufgelehnt, sondern die Sehnsucht nach diesem Jenseits kultiviert. So ertrugen sie ihren Alltag und blieben Sklaven. Ich habe vor ein paar Tagen mal eine Aussage gelesen, die mich sehr nachdenklich gemacht hat: Religion ist es, die den Reichen ihren Reichtum und den Mächtigen ihre Macht erhält. … Gott hat, was gar nicht nötig gewesen wäre für einen barmherzigen, verzeihenden Gott, seinen einzigen leibhaftigen Sohn ausgeschickt, damit er für uns stirbt. Jetzt sind wir dran. Diesen Druck, so glaube ich ganz fest, spüren viele Christen irgendwo in sich. Ich zumindest habe ihn gespürt. Es sorgt für die Falschheit unserer Liebe, die Druck ist, Notwendigkeit, um sich einen Platz im Paradies zurückzuerobern. … Wenn ich religiöse Menschen getroffen habe, die viel für andere Menschen tun, dann tun sie das für Gott, denn: Was ihr dem Geringsten unter den Menschen tut, das habt ihr mir getan. Sie sind oft im Umgang mit den Menschen, denen sie etwas Gutes tun, beflissen, professionell freundlich und mehr oder weniger missionarisch. Und irgendwie steht immer die Hoffnung im Hintergrund, dass man sich doch zum wahren Glauben bekehren möge. Damit hört ihre Handlung auf, selbstlos zu sein. Sie brauchen für ihre Liebe zu den Menschen immer einen Vermittler, diesen Gott, der ja schließlich für alle Menschen da ist, und der es nicht gern sieht, wenn man sie hängen lässt. Wer seinen Glauben ernst nimmt, weil er ihm oder ihr Kraft gibt, der ist menschenfreundlich seinem oder ihrem Gott zuliebe. Aber kommt es von Herzen? (Es scheint ein bisschen wie das Sammeln von Güte- oder Treuepunkten.) … Die Menschen haben Gott erschaffen, und nicht umgekehrt, hat Ayaan Hirsi Ali einmal gesagt. Und für eine andere Person, die ich kenne, ist Gott eine personifizierte Hilfskonstruktion. … Als Kind habe ich an den guten, beschützenden Gott geglaubt. Durch die tragischen Ereignisse in der Familie wurde mir dieser Glaube nach und nach genommen. Und ich habe irgendwann begriffen, dass wir nur dieses Leben, nur diese Zeit haben, um sie zu genießen und aus ihr das Beste zu machen. … Die Religion ist so oft ein Instrument von Macht und Druck, dass ich keinen Sinn darin sehe, einer solchen Religion anzugehören. Das heißt nicht, dass ich mich nicht an viele der 10 Gebote halten kann, dass ich kein Mitmensch sein kann, eher im Gegenteil. Das Konzert und die religiöse Inbrunst haben mir gezeigt, dass Religion sehr oft verlogenes Handeln und sinnloses Nachgeplapper ist, und dass wir sehr oft nicht für unser diesseitiges Leben sorgen. Das aber ist das Leben, das wir leben und das wir in die Hand nehmen müssen, anstatt uns die ganze Zeit über damit zu befassen, ob wir dasselbe glauben wie unser Nachbar.“
Rund 20 Kommentare habe ich erhalten. Ich habe Kontakt mit zwei Priestern bekommen, die mir eine andere Sichtweise von Gott vermitteln wollten, mich aber gleich anmailten und keinen Kommentar hinterließen. Ich habe interessante Predigten gehört und nachdenkliche Texte gelesen. Ich habe mit Jan Vering selbst gesprochen und freue mich darauf, ihn einmal persönlich kennenzulernen, das steht noch aus. Viele Kommentatoren attestieren mir Schmerz und Frust, wollen mich trösten und mich durch Bibellesen oder Gehorsam und intensive Gottessuche erlösen. Sie glauben, ich sehe das Leben finster, bemühe mich nicht recht und muss intensiver suchen, manche haben aber auch Verständnis für meine Entscheidung. Ich finde es aber interessant, dass sich so viele um mein Seelenheil sorgen, mich bekehren und mir bei Gott ein besseres Leben angedeihen lassen wollen. Dass sich bei diesem Thema viel mehr Engagement bei der Leserschaft zeigt als bei allen anderen Themen, auch schrecklichen Themen, über die ich berichtet habe, beweist, was hinter den Gedanken meines Manifestes stand: Dass nämlich die Christen sich für Gott engagieren, für die Religion, für die Mission und Bekehrung, dass aber viele andere, diesseitige Themen nicht so starken Anklang finden. Einige Kommentatoren wiesen mich auf die unbestreitbaren Verdienste von Christen wie Martin Luther King hin. Ich musste ihnen antworten, dass es natürlich große und kleine Ausnahmechristen gibt, bekannte wie unbekannte Menschen, die aus ihrem Glauben eine gern errfüllte Verpflichtung zur
Mitmenschlichkeit ableiten, dass das aber oft im täglichen Umgang mit ganz normal erzogenen Christen nicht so ist, und mit denen haben wir es nun mal meistens zu tun. Und es gibt eben auch die Vielzahl von Menschen, die sich mit Schuld belasten und sich Karfreitags auf den Philippinen geißeln oder als Priester oder Nonnen ihre Pflichten gegenüber Schutzbefohlenen verletzen. Die Kirche ist eine zutiefst menschliche Institution und tut oft so, als habe sie die Wahrheit gepachtet.
Anderthalb Jahre vor meinem Manifest schrieb ich einen anderen Blogpost über ein Lied, das mich damals sehr beeindruckt hat: From a Distance. Damals, offiziell immer noch Christ, schrieb ich: „Aus der Ferne betrachtet ist die Welt blau und grün, und die schneebedeckten Berge sind weiß. Aus der Ferne betrachtet leben wir in Harmonie. Aus der Ferne betrachtet sind wir alle Instrumente einer gemeinsamen Band. … Aus der Ferne betrachtet haben wir genug von allem, und niemand hat Mangel (z. B. Hunger). Es gibt keine Gewehre und Bomben und keine Krankheiten, und es gibt keine hungrigen Mäuler zu stopfen. Gott betrachtet uns aus der Ferne. Für mich sagt dieses Lied viel freundlicher, was Karat in ihrem blauen Planeten viel ungeschminkter sagen: Uns hilft kein Gott, unsre Welt zu erhalten. Wir sind selbst dafür verantwortlich. Aus seiner Ferne betrachtet nämlich gibt es bei uns keine Probleme, so wie er es für seine Kinder einst plante. Aus der Ferne betrachtet ist diese Erde das Paradies, das er uns schenkte. Nur wenn man näher heran geht, kann man sehen, was wir Menschen daraus gemacht haben. Gott tut das nicht. Gott betrachtet uns aus der Ferne, und es ist sein gutes Recht. Wir sind es, die das, was wir haben, richtig verteilen müssen, damit es stimmt, dass wir keine Kriege, Hungersnöte und Krankheiten haben auf dieser gesegneten Welt. Gott mag uns betrachten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass er es aus der Ferne tut. Wir sind es, die hier leben und unsere Verantwortung zu tragen haben. Diese Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen kann uns niemand nehmen. Gott ists zufrieden, denn er hat ein großartiges Werk getan.“
Es war der Versuch, Gottes Passivität zu erklären und dennoch weiter an ihn glauben zu können. Aber wenn da ein passiver Gott ist, warum sollte man an ihn glauben? Sicher: Der Glaube hilft manchem Menschen. Meine Mutter erzählte mal von einer Frau, die nach der Nachricht, dass ihre Tochter von einem Zug überfahren worden war, mit folgendem Satz reagierte: „Dann wird sie jetzt die schönste Braut Gottes sein.“ Glück statt Trauer. Aber wenn das der Trost ist, den dieser passive Gott spendet, dann ist es nicht mein Gott.
Einer der Kommentatoren meines atheistischen Manifestes ließ mir ein Gedicht zukommen, das mir gefällt, drum veröffentliche ich es hier noch einmal mit bestem Dank:
Religionsunterricht
von
Wolf Biermann
Der Liebe Gott, mein liebes Kind
Liebt alle Menschenkinder
Die schwarzen, die weißen, die gelben und roten
Die guten die bösen nicht minder
Gott schuf unsere Welt? Ja, das ist wahr
Gott schuf auch die Vögel und Affen
Wer aber schuf Gott? Du, das ist klar:
Den hat ja der Mensch erschaffen
Wir sind seine Schöpfer. Und ER ist gewiss
Viel menschlicher als seine Macher
Gott ist ein gestrenger Lehrmeister und
Ein freundlicher Widersacher
Gott ist unser edleres Ebenbild
So hausen wir hier auf Erden
Wir eifern dem eigenen Kunstwerk nach
So wollen wir Menschen werden
(entstanden für eine Lehrerin im Schwarzwald, die die Genesis einmal anders erzählen wollte)
Wie man an diesem Posting sieht, ist das Thema mir bis heute nicht fremd. Man lernt viel dabei, wenn man sich, aus einer gewissen Distanz, mit Religion befasst. Zur Adventszeit rückt einem dieser Gott aber oft näher. Vor zwei Jahren schrieb ich in einen akustischen Adventskalender: „Entschuldige, du Gott: Macht es dir etwas aus, dass ich nicht zu dir bete? Macht es dir etwas aus, dass ich dich nicht für eine bewusst handelnde Persönlichkeit halte? Macht es dir etwas aus, dass du für mich jetzt und hier die Verkörperung der Zeit bist, in der wir uns die Zeit nehmen, in uns zu gehen? Bist du bestürzt darüber, dass ich nicht mit dir spreche, weil ich an dich glaube, sondern nur, weil es hin und wieder schön ist, ein Gegenüber zu haben, das einfach zuhört? Sind vielleicht deine Wunder nur die Befreiung von innerem Ballast, den wir angehäuft haben, und den wir bei dir, du Gott, abladen können?
Entschuldige, du Gott: Ich gehe nicht in die Kirche. Bist du darüber enttäuscht oder zornig? Und wenn ich in die Kirche ginge, dann käme ich nur wegen der Musik.“
Bitte warte einen Augenblick.