Franziskus, wer bist du?

Die Welt muss sich an einen neuen Papst gewöhnen. Er heißt Franziskus, und schon der Name scheint eine Revolution zu versprechen. Sicher wird es eine Revolution im Stil, im Umgang geben, aber wird sie auch darüber hinaus wirken? Nach anfänglicher Euphorie beschleichen mich, leider, ernsthafte Zweifel.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter erlebte Geschichte, Leben, Politik, Religion | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 6 Kommentare

Endlich! – Franz-Josef Hanke startet sein eigenes Blog

Gute Blogs sind rar. Während man sich über Mode, Musik und Belanglosigkeiten an jeder Ecke informieren kann, sind sachliche, pointierte und engagierte Äußerungen zu Politik, Gesellschaft, Medien, Menschenrechten und sozialen Themen mangelware geworden. Darum freut es mich ganz persönlich außerordentlich, dass der blinde marburger Journalist Franz-Josef Hanke, den ich meinen Freund nennen darf, endlich sein eigenes Blog eröffnet und dem Chor der engagierten seine gewichtige Stimme im Internet hinzufügt.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Behinderung, Bloggen, Computer und Internet, erlebte Geschichte, Geschichten aus dem Radio, Leben, Politik, positive Impulse | Verschlagwortet mit , , , , | Ein Kommentar

Extra Omnes! – Gedanken zum Konklave und der Zukunft der Kirche

„Extra omnes! „Alle raus!“ So scheucht der päpstliche Zeremonienmeister alle Bischöfe und Priester aus der sixtinischen Kapelle, die nicht an der Papstwahl teilnehmen, oder die nicht zu den ganz wenigen zur Verschwiegenheit verpflichteten Helfern gehören. Damit beginnt heute das historische Konklave, auf dem neuen Papst ruhen die Hoffnungen und Erwartungen nicht nur der Katholiken.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter erlebte Geschichte, Politik, Religion, Wahltag | Verschlagwortet mit , , , , | Schreibe einen Kommentar

Recht auf Leben, Recht auf Sterben

Gehört zum unveräußerlichen Recht auf Leben auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Darüber streiten sich seit Jahrzehnten nicht nur die Philosophen, sondern auch die Politiker, Vertreter der Kirchen und sogenannte fortschrittliche Humanisten. Eine eindeutige Antwort gibt es offenbar nicht.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Behinderung, erlebte Geschichte, Leben, Medizin, Politik, Religion | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

Alles Schall, aber kein Rauch

In den wenigen Stunden, in denen ich derzeit tagsüber aufstehe, sitze ich hier und tue meistens nichts. Weil es heute früh so gut geklappt hat, nutze ich diese Pause für einen kleinen Text.

 

Wir wohnen in der ersten Etage eines marburger Mietshauses, zu den Nachbarn haben wir durchweg kein Verhältnis. Das hat verschiedene Gründe, aber es ist nun einmal so. Gestern morgen, wir lagen noch im tiefsten – oder besser höchsten – Fieber, klingelte es an unserer Wohnungstür. Ein Nachbar stand dort, nachdem meine Liebste sich mühsam aus den Fieberträumen und dann aus dem Bett schälte. In einem halbwegs zivilisierten Haus hätte ich nun ungefähr folgenden Dialog erwartet:

 

Nachbar: Entschuldigen Sie, ich bin Herr V. von zwei Stockwerken drüber, ich habe den Eindruck, dass aus Ihrem Schlafzimmerfenster Rauch dringt. Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Kann ich vielleicht helfen? (oder auch sogar „Darf ich vielleicht rein kommen und selbst mal nach der Quelle suchen, falls Sie nichts davon mitbekommen haben?“)

Meine Liebste: Nein, bei uns raucht nichts, unsere Fenster sind geschlossen, wir sind beide Krank und liegen im Bett, der Rauch muss woanders seinen Ursprung haben.

Nachbar: Oh, dann entschuldigen Sie die Störung und gute Besserung.

Meine Liebste: Keine Ursache, vielen Dank.

 

In Wahrheit spielte sich das Gespräch aber folgendermaßen ab:

Nachbar: Sagen Sie mal, aus ihrem Schlafzimmerfenster zur Straße hin kommt jetzt seit 10 Minuten Rauch, der mir die Wohnung verpestet. Wenn Sie das nicht sofort abstellen, rufe ich die Feuerwehr!

Meine Liebste: Bitte? – Moment, wir verursachen keinen Rauch, wir sind krank und schlafen, außerdem ist das Fenster zu…

Nachbar: Ist mir egal, was Sie behaupten, stellen Sie das ab, in 10 Minuten rufe ich die Feuerwehr!

 

Daraufhin knallte er die Tür zu, ohne sich vorzustellen und nach einer Ansprache in unverschämtem Tonfall.

 

Nun kann man mit Nachbarn immer pech haben, und ich rege mich da in der Regel nicht auf. Es gibt eben Menschen, die sind netter als Andere. Punkt. Aber ein paar andere Dinge fallen mir auf:

 

– Als wir noch einen Hund hatten, unsere alte golden-retriever-Hundedame, behaupteten einige Nachbarn, sie habe immer und laut gebellt. Wir hatten mehrere Leute im Haus mit Hunden, gebellt hat immer unser Hund. Dabei war Holly ein Hund, den ich höchstens zehn mal im Jahr bellen hörte, und es bedurfte eines außergewöhnlichen Ereignisses, dass sie es von sich aus tat.

– Manche Nachbarn unterstellten uns Wasserschäden, die auftraten, während wir gar nicht im Haus waren, sondern in den Niederlanden, was wir belegen konnten.

 

Ich kann mir ungefähr vorstellen, was gestern passiert ist. Von unten zog Rauch in das Fenster des netten Nachbarn. Ein oder zwei Minuten, nachdem er bei uns war, wurde es in der Wohnung unter uns sehr lebendig, und die Feuerwehr hat er ja offenbar auch nicht gerufen. Vielleicht kam der Rauch von der Wohnung unter uns. Vermutlich hat der Nachbar gar nicht genau hingeschaut. Es war dieses Fenster, es mussten also die Blinden sein. Unverantwortlich, die hier allein wohnen zu lassen, die hatten ja auch immer schon den Hund, der so laut bellte, verursachten Wasserschäden, waren frech und so weiter. Denen, so wird sich der nette Nachbar gedacht haben, sag ich jetzt die Meinung!

 

Es gibt ein Buch, dessen Autor mir gerade entfallen ist, dessen Titel lautet: „Mein Name sei Gantenbein“. Darin mimt ein Sehender einen Blinden und erlebt mit, was diesem angeblich blinden Menschen so geschieht. Mit der Zeit wird er z. B. für alle Malheure im Haushalt verantwortlich gemacht, wenn etwas schief läuft, ist natürlich der Blinde schuld, der siehts ja nicht oder passt nicht richtig auf. Kann uns ja nicht passieren, wir sehen es ja sofort.

 

Man kann aber auch schusselige Nachbarn haben, die beim Eierbraten oder anderen Tätigkeiten Rauch erzeugen, nur kommt man zunächst, absichtlich oder unabsichtlich, auf die Blinden. Das ist jetzt keine Mitleidstour, die hab ich nun wirklich nicht nötig. Es ist ja auch nicht so, dass uns nie was passiert. Wir haben durchaus mal einen großen Wasserschaden verursacht, als sich der Schlauch von unserer Waschmaschine löste und wir es nicht bemerkten. Aber auch ein sehender hätte das nicht früher bemerkt als wir. Er hätte es gesehen, wenn er in den Flur gekommen wäre, wir merkten es durch die plötzliche Nässe an unseren Füßen.

 

Es ist halt so schön einfach.

 

Übrigens: Unser Nachbar kam nicht später zu uns, sagte uns nicht, dass die Sache sich geklärt hätte, entschuldigte sich nicht. – Vielleicht glaubt er bis jetzt immer noch, wir wären es gewesen, und dann denkt er vermutlich, seine Tirade und sein Ton hätten etwas bewirkt.

 

Das Problem ist, dass man behinderten Menschen allgemein, aber gerade blinden Menschen im Besonderen, denen ja der wichtigste Sinn fehlt glauben die Leute, sehr wenig zutraut. Man glaubt irgendwo im Hinterkopf immer noch, wir könnten nur mit großer Mühe unser Alltagsleben bewältigen. Schwierig wird es natürlich dann, wenn jemand wirklich Probleme damit hat und zusätzlich noch blind ist, dann wird das Eine mit dem Anderen unzulässig verquickt. So entsteht eine Form von Alltagsdiskriminierung, bei der es gar nicht notwendig ist, dass irgendwer irgendetwas gegen Behinderte hat.

 

Ob unser Nachbar unsere sehenden Nachbarn ein Stockwerk tiefer auch so angepatzt hätte, weiß ich nicht, ich schätze nicht, aber möglich ist es natürlich.

Veröffentlicht unter Leben | Schreibe einen Kommentar

Der mühsame Prozess der Wiederauferstehung

Es ist mitten in der Nacht, ich huste schrecklich und kann nicht mehr schlafen. Aber ich könnte lachen vor freude, freude darüber, dass ich hier sitzen kann mit nur leicht frierenden Fingern, einem nur leichten Schauder auf dem Rücken und vor allem keinen Fieberfantasien mehr.

 

So etwas hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Wir waren am vergangenen Wochenende in Berlin bei einem Treffen unseres Radiosenders Ohrfunk. Es war ein nettes Wochenende, wir haben auch gearbeitet und hatten viel Spaß. Sonntagsmittags fing meine Liebste mit dem leichten Husten an. Sie wurde immer schlapper, während wir im Zug nach Marburg saßen, und als wir gegen Mitternacht endlich angekommen waren, war sie herzhaft krank geworden. Ich gratulierte mir noch so, weil ich dachte, ich sei davon gekommen, aber ich hatte mich getäuscht.

 

Am Montagmorgen erwischte es auch mich. Ich hatte noch auf eine handelsübliche Erkältung gehofft, aber diesmal nicht. Trotz Kopf- und Gliederschmerzen, trotz Husten und Fieber mit Schwindel machte ich noch Beiträge für den Sender. Nützt ja nichts, wenn man personell so knapp besetzt ist. Aber eigentlich hätte ich an diesem Abend eine ganze Sendung für Dienstag produzieren sollen, doch das ging nicht mehr, ich musste ins Bett. Normalerweise gehe ich nie bei Erkältung ins Bett, ich hasse das, es ist langweilig, schlafen kann ich ohnehin meistens nicht, und man kann sich auch nicht richtig ablenken. Aber diesmal…

 

So hohes Fieber hatte ich noch nie, soweit ich mich erinnern kann. Ich bekam meine Umgebung nicht mehr mit, hatte abgerissene Traumfetzen, glühte vor mich hin und hatte Probleme, die kleinste Bewegung auszuführen. Weniger physische Probleme, als vielmehr Umsetzungsschwierigkeiten. Wenn ich mich entschied, etwas trinken zu wollen, dauerte es mindestens 10 minuten, bis ich mich aufsetzte, und noch einmal 10 Minuten, bis ich zur Flasche griff, die praktisch neben meiner Hand stand. Und dann kam es noch vor, dass ich sie einige Minuten ungeöffnet in der Hand hielt. Was ich in dieser Zeit dachte, kann ich nicht mehr nachvollziehen, aber es war kein schöner Zustand. Jeden Morgen hatte ich eine relativ klare Phase, in der ich aufstand und einen Kaffee kochte, sonst geschah bis Mittwochmorgen nichts. Leider hatte ich Dienstag Geburtstag, den konnte ich mir abschminken.

 

Am Mittwochmorgen kam ein sehr guter Freund von uns nach einem Unfall mit einem Wirbelbruch ins Krankenhaus, und weil er keine Verwandten hier hat, sind wir die Ansprechpartner und organisieren für ihn einiges. Das heißt: Meine Liebste, diese Heldin, organisiert einiges, ich selbst konnte mich auch Mittwoch und den halben Donnerstag auf nichts länger als ein paar Sekunden konzentrieren.

 

Irgendwann am Mittwoch habe ich vor mich hin fantasiert, ich hätte meiner Liebsten ein kleines Saxophon zurückgegeben, das sie mir geliehen hätte, ungefähr handteller groß. Mir fiel noch rechtzeitig, bevor ich mich für die Ausleihe bedankte, auf, dass das quatsch sein musste. Eine solche Fieberattacke wünsche ich meinen ärgsten Feinden nicht, und denen wünsch ich schon einiges. 🙂

 

Inzwischen stelle ich eine Besserung fest. Ich kann schreiben, auch wenn alles sehr sehr langsam geht, ich kann wieder zusammenhängend denken, mal wieder aufstehen. Noch bin ich einiges davon entfernt, Beiträge oder eine Sendung zu machen, ich habe auch immer noch Fieber, aber ich merke, dass es aufwärts geht.

 

Die Grippe geht um, und die ist extrem ansteckend. Während des Donnerstags haben wir gehört, dass noch mehr Leute, die in Berlin anwesend waren, kräftig erwischt wurden. Unser Chef schlug eine eigene Ohrfunk-Krankenkasse vor. Mir schwebt eine Ansage über den Sender vor. Ungefähr so:

 

„Liebe Hörerinnen und Hörer, fast unser gesamtes Team ist von der Grippe heimgesucht worden. Wenn es Ihnen auch so gehen sollte, legen Sie sich ruhig hin, der Ohrfunk versorgt sie auch im Krankheitsfall mit handverlesener und immer wieder überraschender Musik. Wir bauen Brücken: Von Krankenlager zu Krankenlager. Und solange Sie und wir krank und darum ohnehin nicht aufnahmefähig sind, tun wir das extra für Sie ohne Moderation. So sind wir zu Ihnen. – Gute Besserung.“

 

So, jetzt ist aber auch schon wieder genug.

Veröffentlicht unter Leben | Schreibe einen Kommentar

Goodbye Beatrix

Eigentlich hätte ich genau heute, an ihrem 75. Geburtstag, mit der Ankündigung von Königin Beatrix der Niederlande gerechnet, dass sie zum 30. April zurücktreten werde. Wenn ich das öffentlich gesagt hätte, und zwar vor Montagabend, hätte ich Chancen gehabt, ein Prophet zu werden. Mit der Abdankung der Königin geht in den Niederlanden eine Epoche zu ende.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Die Niederlande, erlebte Geschichte, Leben, Politik | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Buchtipp: Aufstieg und Fall des 3. Reiches von William L. Shirer

Gestern war der 30. Januar. Die Machtergreifung der Nazis jährte sich zum 80. mal. In meiner Familie war das dritte Reich immer Thema: Meine Eltern wurden 1929 und 1930 geboren, und sie haben oft und gern mit mir über diese Zeit debattiert. So habe ich angefangen, mich früh mit dem Nationalsozialismus zu befassen. Meine Mutter gehörte zu den Menschen, die zwar die Verbrechen der Nazis sah, für sich und ihre Generation aber reklamierte, dass sie eine behütete und sichere Kindheit gehabt habe, im Gegensatz zu nachfolgenden Generationen. Ich wollte das nicht hören, ich habe mich früh, von Radio und Fernsehen vermutlich stark beeinflusst, aber durchaus auch aufgrund von Erzählungen meiner Mutter selbst, zum klaren Antifaschisten entwickelt, der alle Aspekte der Nazizeit als schlicht verbrecherisch betrachtete. Schon mit 10 Jahren hatte ich ein sehr starkes Interesse an dieser Zeit, sammelte Originaltöne, hörte Erzählungen und versuchte auch in der Schule, mehr zu erfahren.

 

In den letzten Jahren hat mich die Frage beschäftigt, wie es zum 2. Weltkrieg kam, warum die Westmächte so lange versuchten, Hitler zu befrieden, anstatt einmal auf den Tisch zu hauen. Und immer wieder beschäftigte mich die Frage, warum in Deutschland die Opposition gegen den Wahnsinn der Nazis nicht ausreichte, um das Regime hinwegzufegen. Als ich vor knapp 10 Jahren im Internet die diplomatischen Dokumente der Briten und Franzosen über das letzte Jahr vor dem Krieg fand, allerdings in englisch, habe ich mich darauf gestürzt, ebenso wie auf die Protokolle des nürnberger Prozesses, die es damals ebenfalls nur in englisch gab. Während ich die Diplomatenpapiere ganz gelesen habe, kann ich das mit den 23 dicken Bänden der Nürnbergprotokolle nicht tun. Die Depeschen der britischen und der französischen Botschaften in Berlin, Prag, Wien und Warschau und die Antworten der Außenminister ggeben aber einen interessanten Einblick in die Mechanismen, die 1939 zum Krieg führten.

 

Und jetzt habe ich ein Buch entdeckt, ebenfalls in englisch als Hörbuch, das mir eine detaillierte Zusammenfassung der Ereignisse liefert und noch viel mehr Quellen anfügen kann. Der Autor ist der amerikanische Journalist und Historiker William L. Shirer. Er arbeitete von 1934 bis 1941 als Journalist in Berlin und hat viele historische Momente des dritten Reichs selbst miterlebt. Anders als viele Deutsche Bürger und viele ausländische Staatsmänner hat er früh klar die Politik der Nazis als aggressiv erkannt, einfach weil er Hitlers Buch „Mein Kampf“ ernst genommen hat. Außerdem hat er viele Entwicklungen recht früh vorausgesehen und in seinen Tagebüchern festgehalten, die ebenfalls als Buch erschienen sind.

 

Das Buch, das ich aber derzeit lese, heißt: „Aufstieg und Fall des dritten Reiches“. Shirer hat es 1960 geschrieben, und viele Historiker betrachten es bis heute als das umfangreichste, chronologisch erzählte und mit vielen Hintergründen und Quellen unterfütterte Kompendium der Geschichte des Nazistaates. Ich habe selten so viel über diese Zeit gelernt wie in den letzten Wochen, in denen ich diesen dicken Wälzer lese. Neben den offiziellen britischen und amerikanischen Dokumenten hat Shirer viele Tagebücher, Zeugenaussagen, die in Nürnberg nicht zugelassen wurden, und die Papiere des deutschen Auswärtigen Amtes hinzu ziehen können. So habe ich z. B. folgendes erfahren: Im September 1938 waren einige Generäle bereit, gegen Hitler zu putschen, falls er Deutschland in einen europäischen Krieg wegen der Tschechoslowakei und dem Sudetenland stürzen würde. Diese Generäle behaupteten später, Chamberlain und seine Politik, die zum münchner Abkommen führte, sei der Grund dafür, dass der Putsch abgesagt worden sei. Im Mai 1939 saßen dieselben doch angeblich kritischen Generäle bei Hitler und hörten seinen unumstößlichen Entschluss, Krieg gegen Polen, und notfalls gegen England und Frankreich zusätzlich zugleich zu führen. Niemand wagte es, wie man am Protokoll sehen kann, auch nur eine Frage zu stellen.

Oder: Am 7. März 1936 marschierte Hitler ins demilitarisierte Rheinland ein, mit ganz wenigen Verbänden. Shirer sah im Reichstag den Armeeoberbefehlshaber von Blomberg. Er sei „weiß wie die Wand“ gewesen, schrieb Shirer in sein Tagebuch. Später erfuhr man, warum. Hätte Frankreich auch nur ein paar seiner Truppen in Marsch gesetzt, die deutschen Soldaten hätten den Schwanz einziehen und sich zurückziehen müssen. Es gab entsprechende Befehle. Angesichts der Tatsache, dass Diktatoren eigentlich immer Erfolgserlebnisse brauchen, um zu überleben, hätte dies das Ende des dritten Reiches sein können. Ebenso ein entschiedenes Auftreten in München. Auch den westlichen Regierungen musste klar sein, dass die deutsche militärische Stärke zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht ausgereicht hätte.

 

Was mich stark bewegt in diesem Buch sind die Schilderungen der Deutschen und ihres Verhältnisses zu Hitler. Gut: Hitler gab ihnen Nationalstolz, tilgte die von vielen so empfundene Schande von Versailles. Aber er nahm ihnen auch persönliche Freiheiten und Menschenrechte, schränkte die Kapitalfreiheit ebenso ein wie die Freiheit der Wahl des Arbeitsplatzes, die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen und auch die allgemeinen Löhne. Und während die Deutschen keine Lust auf Krieg hatten, wie Shirer bei einer Militärparade 1938 eindrucksvoll beschreibt, die von den wenigen Umstehenden nicht mit Begeisterung, sondern mit Abwehr betrachtet wurde, was Hitler sehr ärgerte, fügten sie sich doch in die Naziherrschaft und gehorchten der Autorität des Führers. Bis hin zu einem Mann wie Franz von Papen, der 1934 beinahe von der SS ermordet wurde und dem Regime doch bis fast zum Schluss treu blieb. Wie ist das zu erklären? Shirer führt dies auf den preußischen und protestantischen Geist in Deutschland zurück, auf die Autoritätshörigkeit, die durch die autoritäre Natur der deutschen Staaten entstanden sei. Die einzige nennenswerte deutsche Revolution, meint er, sei der Bauernaufstand gewesen, den Luther so kräftig verurteilt habe. Und Luther habe einen enormen Einfluss auf das Seelenleben der Deutschen gehabt. Man muss nicht seiner Meinung sein, aber auch heute sind die Deutschen viel autoritätshöriger als ihre Nachbarn. Ich halte es zumindest für bedenkenswert, wenn auch für schmerzlich.

 

Ich habe noch nicht die Hälfte des Buches gelesen, bin aber total fasziniert, weil William Shirer es versteht, ein fundiertes Buch zu schreiben, das wissenschaftlichen Betrachtungen stand hält, es aber gleichzeitig so zu schreiben, dass jedermann es lesen und verstehen kann. Er nimmt sich Zeit für komplizierte Zusammenhänge und verdichtet sie trotzdem so hinreichend, dass man das Gesamtbild überschauen kann, zumindest immer einen Strang der Ereignisse.

 

Außerdem ist dieses Buch hervorragend geeignet, um heutige Nazipropaganda zu entkräften. Auf viele sogenannte Ungereimtheiten der Verschwörungstheoretiker finden sich klare schriftliche Antworten oder persönliche Erlebnisse. So lenkt Shirer beispielsweise den Blick darauf, dass die Mobilmachung in Polen im März 1939, die von heutigen Verschwörungstheoretikern als Bedrohung Deutschlands gesehen wird, erfolgte, nachdem Hitler die Tschechoslowakei erst eingekreist, dann beseitigt hatte. Einen Tag vor der Mobilmachung hatte er das Memelland vereinnahmt, und somit war Polen jetzt in derselben Situation wie die Tschechoslowakei vorher. Und in Warschau hatte man genau beobachtet, wie Hitler sich nach und nach und möglichst Kampflos der Staaten entledigte, die er haben wollte: Erst Österreich, dann das Sudetenland, die Tschechoslowakei und das Memelland. Friedensversprechen und Freundschaftsverträge hatte er immer wieder gebrochen, immer wieder hatte er gesagt, er habe keine territorialen Forderungen mehr, nur um wenige Monate später neue zu erheben. Polen wollte einfach nicht das nächste Opfer sein, und auf die Hilfe Russlands wollte es sich auch nicht verlassen, denn Russland hatte ebenfalls Appetit auf das Land.

 

Natürlich wusste ich bereits viel über die historischen Fakten, aber so mancher Zusammenhang und auch die Vorgänge hinter den Kulissen, z. B. im deutschen auswärtigen Amt, sind mir viel klarer geworden. Wer sich wirklich mit dem Nazistaat auseinandersetzen will, wer seine Geschichte studieren, sein Funktionieren verstehen will, der sollte dieses Buch lesen, langsam und gründlich. Die 1245 Seiten lohnen sich sicher.

 

William L. Shirer: Aufstieg und Fall des dritten Reiches

Verlag: KOMET
ISBN-13: 9783933366610
ISBN-10: 3933366615

Veröffentlicht unter Leben | 3 Kommentare

Aus meinem Privatblog – Buchtipp: Aufstieg und Fall des 3. Reiches von William L. Shirer

Dies ist ein Beitrag in meinem Privatblog. Es geht um ein sehr empfehlenswertes Buch, das ich gerade lese, und angesichts des gestrigen 30. Januar, des 80 Jahrestages der machtergreifung der Nazis, möchte ich es allen interessierten Leserinnen und Lesern ans Herz legen. Mehr darüber im Beitrag auf meinem privaten Blog:

Buchtipp: Aufstieg und Fall des 3. Reiches von William L. Shirer | Kleinigkeiten.

Veröffentlicht unter aufgesammelt, erlebte Geschichte, Politik | Verschlagwortet mit , , , | Schreibe einen Kommentar

Ein Herrenwitz und seine Folgen

Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Schleswig-Holstein, kann einem nur leid tun. Aus purer Angst wird er künftig junge Journalistinnen nicht mehr informell an einer Hotelbar treffen, mit ihnen ein Glas Wein trinken oder sie gar in seinem Fahrzeug mitnehmen. Das haben sich diese Damen selbst zuzuschreiben, jetzt ist Herr Kubicki pikiert, er hat schließlich auch seinen Stolz. Sollen sie doch sehen, wass sie davon haben.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Bloggen, Computer und Internet, erlebte Geschichte, Leben, Politik | Verschlagwortet mit , , , | Ein Kommentar