Welt aus den Angeln

Durch mein Fenster dringt eine Kirchenglocke herein, die Kinder spielen gegenüber auf dem Spielplatz. Ich könnte draußen sitzen auf dem Balkon, um mich von der Sonne braten zu lassen. Meine Liebste sagte heute morgen: „In vielen Ländern der Welt beten Millionen von Menschen für eine halbe Stunde Frieden, damit sie einmal keine Angst haben oder ihre Einkäufe erledigen können, wenn sie Haus und Geld haben, und hier ist alles friedlich und geordnet. Wir können froh sein über sauberes Wasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und über einen Spielplatz, auf dem Kinder in Ruhe und den ganzen sonnigen Tag lang spielen können.“ Natürlich hat sie recht, und ich bin dankbar für all dies, was man so oft eine Selbstverständlichkeit nennt. Und doch ist es, als werde die Welt, die ich kenne, aus den Angeln gehoben. Jede Einzelne der Sicherheiten meiner Generation verschwindet Stück für Stück, und zurück bleibt nur ein Trümmerfeld. Ein Trümmerfeld, das von Menschen gemacht ist, die es besser wissen könnten, wenn sie wollten.

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Nach dem Brexit-Referendum: Abgesang auf einen Friedensversuch

Eine knappe Mehrheit der Briten entschied sich am ‚Donnerstag für einen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU. Damit geht vermutlich ein fast 70jähriger Versuch des Friedens auf unserem Kontinent endgültig zuende. Egoismus und engstirnigkeit, falsch verstandener Nationalstolz und Überlegenheitsdünkel gegenüber anderen Nationen haben gesiegt. Den Banken, den multinationalen Konzernen und den Spekulanten dürfte die Entscheidung nach einem kurzen Schockmoment nichts ausmachen.

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Heißt „nee“ wirklich „nein“?

In den Niederlanden haben sich rund 60 % der Menschen, die am gestrigen Referendum teilnahmen, gegen das Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine ausgesprochen. Die Wahlbeteiligung lag bei schlappen 32 %. Und doch kommt dieser Abstimmung eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu. Um die verworrene Situation nach dem Votum zu verstehen, muss man die Geschehnisse aus drei Blickwinkeln betrachten: aus verfassungs- und europarechtlicher Sicht, aus Sicht des Zustandes der EU selbst und im Bezug auf die Folgen für die niederländische Innenpolitik.

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Warum machen sie das? – Fragen nach den Motiven für Terroranschläge

Und wieder ein Terroranschlag, diesmal in Brüssel. Wieder viele Tote und Verletzte, wieder Leid, wieder martialische Reaktionen, wieder Solidaritätsbekundungen auf der einen, und wieder Hass und Vereinfachung auf der anderen Seite. Nein: Diesmal berichte ich nicht von den Anschlägen und nicht von den Medien. Es sind die Menschen und ihre Reaktionen, die mich bewegen.

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Was fangen wir mit diesen Wahlen an?

Natürlich hat mich der Wahlausgang am Sonntag schockiert. Aber es ist Zeit, in die Zukunft zu blicken!

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Direkte Demokratie: Fluch oder Segen?

Wie stehen Sie eigentlich zur direkten Demokratie? Sollte das Volk über wichtige Dinge selbst abstimmen können? Und wenn ja: Was sind wichtige Dinge? Ich finde, das sind bedeutsame Fragen, und ich muss auch gestehen, dass ich in meiner Meinung über die direkte Demokratie immer wieder schwanke. Es kommt halt drauf an, was hinten rauskommt, hätte Helmut Kohl gesagt. Ich weiß, das ist nicht besonders demokratisch und zeugt nicht vom Urvertrauen eines gefestigten Demokraten in die Reife und die Selbstheilungskräfte des eigenen Volkes, und es zeigt auch, dass ich dem Credo der Befürworter der sogenannten radikalen Demokratien gegenüber skeptisch bin, welches da lautet: Die demokratische Mehrheit hat immer recht.

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Nothing ever happens, oder waren etwa Kommunalwahlen?

Den ganzen Tag habe ich ein Bild im Kopf: Ich verlasse meine Wohnung und begegne meiner nachbarin auf der Treppe, wir rufen uns einen Gruß zu. Der Postbote kommt und wünscht mir einen guten Tag. Draußen vor der Tür unterhalten sich zwei Frauen über die Qualität des Supermarktes in der Nähe und lassen sich durch mich nicht stören. Ein Jogger läuft an mir vorbei. An der Bushaltestelle steht ein Mann und raucht, hustet und grüßt. Sieben Menschen, die mir innerhalb von drei bis vier Minuten auf meinem Weg in die Stadt begegnen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass einer dieser Menschen am Sonntag eine Partei gewählt hat, die Flüchtlinge an der Grenze erschießen, den Mindestlohn abschaffen, die Gleichberechtigung der Frauen beseitigen, die freie Presse verbieten und Deutschland zu einem nationalistischen Staat machen will. Wenn ich dann in den Bus steige, in dem sich vielleicht 50 Menschen unterhalten, in dem Kinder schreien, Hunde winseln, Handys klingeln, dann muss ich bei sieben dieser Menschen davon ausgehen, dass sie Menschen mit Behinderung als Abschaum und Belastung empfinden, Menschen mit dunkler Haut als minderwertig betrachten und Arbeitslose als asozial bezeichnen. Das war bestimmt alles auch schon in den letzten Wochen, Monaten und teilweise Jahren so, aber seit der Kommunalwahl in Hessen vom Sonntag trauen sie sich, diese Gefühle offen zu äußern. Mögen Andere die Gründe analysieren, mit dem Finger aufeinander Zeigen und versuchen, Volkes Wille zu ergründen und um ihrer Macht willen speichelleckerisch zu erfüllen: Ich habe erst einmal einfach nur Angst.

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Ein Teilrückzug

Am Sonntag habe ich beim Ohrfunk in meiner Sendung Candlelight meinen teilweisen Rückzug aus dem Radio ab dem 1. April angekündigt, und das ist kein Aprilscherz.

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Absage an die berliner Republik

Ich kann mich daran erinnern, dass einige Stimmen vor 25 Jahren den Bundestag mahnten, nicht von Bonn nach Berlin zu ziehen. Die berliner Republik, so sagten sie, werde nicht dieselbe sein. Großmachtträume, preußische Strenge und bürokratische Kälte gegenüber menschlichem Leid müsse man befürchten, denn diese Republik drehe sich um sich selbst, nicht als Teil einer zivilisatorischen Evolution um die Probleme der Menschheit. Damals hielt ich das für übertrieben, doch als vor ein paar Tagen ein bekannter Wissenschaftsjournalist auf Twitter schrieb, seine Republik existiere nicht mehr, ihre Hauptstadt habe Bonn geheißen, fühlte ich, dass es mir ähnlich geht.

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Mein 29. Dezember bricht an

In marburg liegt die Temperatur gerade an diesem frühen Morgen bei 1 Grad, und offiziell schneit es leicht. Offiziell deshalb, weil ich dies für meine Straße durch einen Blick aus dem Fenster gerade nicht bestätigen kann. Aber so verkündet es die Wetterstation in meiner Nähe. Das ist doch ein vortreffliches Wetter für einen 29. Dezember, nicht wahr?

Natürlich weiß ich, dass der gregorianische Kalender heute den 12. Februar 2016 als offizielles Datum nennt. Wie könnte ich es vergessen, es ist mein 47. Geburtstag. Aber genau so sicher weiß ich, dass es zwei Tage vor Beginn meines neuen Jahres ist, also mein persönlicher 29. Dezember.

Obwohl ich Geburtstag habe, steckt der Tag voller Arbeit. Für den Ohrfunk werde ich einen Blogbeitrag schreiben, einen Newsleter veröffentlichen, womit ich unser neues Newslettermodul der neuen Homepage einweihe, ich werde mit meiner Liebsten eine Hörspielsendung produzieren und für Sonntag die Sendung Candlelight so weit vorbereiten, dass ich sie nur noch abzufahren brauche. Dann endlich kann ich mich den eigentlich wichtigen Ereignissen des Tages widmen: Ein Ablaufplan für das Wochenende muss in Punktschrift und auf eine Braillezeile übertragen werden, zwei lange Musiklisten müssen bereit stehen, und außerdem sollte ich ausgeschlafen sein. – Denn heute beginnt das dreitägige Jahresfest meines Freundeskreises. Es ist die 31. Veranstaltung dieser Art, und wir feiern unser 30jähriges Bestehen.

Irgendwann werden sie kommen, aus Hamburg und Wuppertal, und natürlich hier aus Marburg, und wir werden uns wenigstens dieses eine mal im Jahr zusammen setzen, gut essen, über das Jahr plaudern, uns auf den neuesten Stand bringen, Bowle trinken und natürlich unsere Jahreshitparade ausspielen. Wie ein solches Wochenende abläuft, und was das Besondere an unserem Freundeskreis ist, habe ich schon öfter zum Jahreswechsel erzählt. Für mich endet das Jahr mit dem Platz Nr. 1 unserer Jahreshitparade, und es beginnt mit dem gleich im Anschluss gespielten Lied „Happy new year“, irgendwann am frühen Sonntag Abend. Dieses gemeinsame Wochenende mit den besten Freunden, oder sagen wir, den ältesten Freunden, gibt eine Menge Kraft und Lebensmut und Lebensfreude. Normalerweise treffen wir uns immer am dritten Adventwochenende, aber aus Krankheitsgründen mussten wir unser Jahresfest auf den Februar verschieben. Aber das machte nichts: Schon letztes Jahr fand das Treffen im Februar statt, weil im Dezember davor ein befreundetes Ehepaar ein Kind bekam, so bleibt die Länge meines persönlichen Jahres eigentlich ganz normal.

Und es war ein sehr turbulentes und abwechslungsreiches Jahr. Einige von uns haben eine Ausbildung begonnen oder abgeschlossen, ein kleines Kind verbrachte sein erstes Jahr auf dieser Welt, die vielen Flüchtlinge in diesem Land haben uns beschäftigt, in unserem Umfeld gab es einen rechtsradikalen Anschlag, wir kennen Menschen, die zu fanatischen Rechtspopulisten und Frauenhassern wurden. Und ich selbst habe eigentlich alle meiner politischen Illusionen verloren, habe verlernt, an die Selbstheilungskräfte in unserem Land zu glauben, habe den Hass und die gnadenlose Unversöhnlichkeit und Hetze im Internet zu spüren bekommen. Und doch gebe ich nicht ganz auf und bin der humanistischen Union beigetreten. Trotzdem: Der Verlust dieser Illusionen, die Belastung im Ohrfunk, all das wird in den nächsten Wochen für mich Konsequenzen haben. Ein Jahresfest ist ein guter Zeitpunkt, mit den Freunden darüber zu reden, obwohl es auch ein guter Zeitpunkt zum feiern ist.

Heute Abend schon werden wir beisammen sitzen, Salat und Baguettes essen und miteinander scherzen und lachen. Vermutlich werden wir keine Weihnachtslieder singen. In meiner Unterhaltungsliste für den heutigen Abend waren ursprünglich welche enthalten, aber die war ja für den Dezember gedacht. Ich habe sie gestern schnell noch entfernt. Jetzt, wo es ein wenig schneit, überlege ich es mir vielleicht noch einmal anders.

Ich wünsche allen ein gutes Jahr, lasst euch nicht entmutigen und bleibt friedlich.

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