Die Superlinken, die Fußballrassisten und ich

Ganz Deutschland ist im Weltmeisterfieber. – Ganz Deutschland? – Nein! Eine kleine, äußerst aggressiv polemisierende Gruppe linker Miesmacher und Spaßbremsen betrachtet die Feier zum Gewinn der Fußballweltmeisterschaft als eine nationalistische, faschistische und zur Gehirnwäsche ausgerichtete Propagandaveranstaltung. Manchmal glaube ich, sie wissen gar nicht, was Faschismus und Nationalismus wirklich bedeutet, sie werfen nur mit Schlagworten um sich, und ihre Sprache ist dabei mindestens so gewaltsam wie das System, das sie verdammen. Und ich frage mich, worüber solche Leute sich wohl freuen würden, und bei welchen Veranstaltungen sie wohl in Jubel ausbrechen.

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Wir sind Weltmeister!

Wir sind Weltmeister!

Entschuldigung, das weiß natürlich jeder. Warum schreibe ich es dann noch mal auf? Viele Antideutsche unter meinen Gesinnungsgenossen tragen jetzt vermutlich Trauer, aber ich freue mich richtig für die DFB-Auswahl.

Bevor das Turnier startete, es ist ungefähr einen Monat her, habe ich gesagt: „In Brasilien kann niemand anders als Brasilien gewinnen, schon aus purer Selbsterhaltung der Selecao.“ Wie sich gezeigt hat, war der Druck für die armen brasilianischen Spieler zu hoch. Ein Teil ihrer Niederlagen gegen Deutschland und die Niederlande ist sicher auf diesen ungeheuren Druck zurückzuführen, im eigenen Land auch den Titel zu holen, damit sich das alles auch gelohnt hat, die Proteste, die harten Maßnahmen der Regierung, die gigantischen Ausgaben für das Fußballfest und die Not derer, die von ihren Wohnplätzen vertrieben wurden, damit man dort dann Stadien bauen konnte, die nun nie mehr verwendet werden. Diesem Druck konnte die Mannschaft nicht standhalten, und genau deshalb tun sie mir leid, obwohl sie oft auch überhebliche Weltklassefußballer sind, die manchmal auch sehr unfair sind. Ronaldo wünschte Klose z. B. eine Verletzung an den Hals, damit er ihn als ewiger WM-Torschützenkönig nicht überholen konnte. Außerdem hielt ich die Brasilianer tatsächlich für die Fußballgötter, die immer gewinnen, oder es zumindest immer glauben. Darum hatte ich keine besonderen Erwartungen an das deutsche Team.

Aber dann schlugen sie Portugal klar, und das war ein schönes Spiel. Dass das zweite Spiel gegen Ghana nicht mehr so schön war, hatte ich erwartet, die zweiten Spiele sind bei Deutschland immer schlecht. Das dritte gegen die USA, das vierte gegen algerien und das fünfte gegen Frankreich waren wieder besser, wenn auch nicht besonders hochklassig. Aber weil es nicht reines Glück sondern vor allem Können war, was ihnen half, gönnte ich ihnen die Siege.

Und dann war da dieses Halbfinale gegen Brasilien. Es war ein absolutes Ausnahmespiel, ich wusste sofort, dass sich das im Finale nicht wiederholen würde. Gegen die Niederlande hätte Deutschland vielleicht höher gewonnen, gegen Argentinien aber war trotz dieses geschichtlichen Sieges im Halbfinale kaum etwas zu holen.

Aber die Mannschaft hat gekämpft, sie hat nicht aufgesteckt und ihr Bestes gegeben gegen eine agressiv spielende und hinten mauernde argentinische Auswahl. Und deshalb gönne ich ihnen so richtig diese Weltmeisterschaft. Sie haben es sich verdient, meinen Glückwunsch.

Vor einem Monat sagte ich, nur Brasilien könne im eigenen Land Weltmeister werden. Ich war mir sicher, bei einem Aufeinandertreffen Deutschlands mit den Brasilianern würde die deutsche Mannschaft sicher verlieren, wie im Finale des Jahres 2002. Aber es kam ganz anders, und darüber freue ich mich.

[Fußball, Sport, Weltmeisterschaft, Fußball-Weltmeisterschaft, Brasilien, Titelgewinn]

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6 Liter für Oranje

Als die Fußballweltmeisterschaft anfing, hätte ich nie gedacht, dass sowohl Deutschland als auch die Niederlande im Halbfinale stehen würden. Vermutlich werden sie noch aufeinandertreffen, vielleicht im Spiel um Platz 3? Dann weiß ich nicht, zu wem ich halten soll und kann es nur noch mit der alten olympischen Formel probieren: „Möge der Bessere gewinnen.“ Aber bis es so weit kommen konnte, hatten beide Mannschaften einige spannende Spiele zu absolvieren, und dass die Niederlande ihr Viertelfinale gegen Costa Rica und ihr Achtelfinale gegen Mexico gewannen, lag irgendwie auch an Jochen.

Jochen ist ein Freund von mir. Berühmt ist er für sein Wissen über Geheimdienstsender auf Kurzwelle, die sogenannten Zahlensender. In Deutschland gilt er als einer der größten Amateurexperten auf diesem Gebiet, was die Beobachtung und das Abhören solcher Sender angeht. Außerdem ist er ein Fan von Spieluhren aller Art und verfügt über eine große Sammlung dieser mechanischen Musikmacher. Er ist ein Mann mit viel Fantasie und immer wieder lustigen und verrückten Ideen im Kopf, die dann manchmal auf ansteckende Weise an die Umwelt weitergegeben werden.

Und letzte Woche, am 29. Juni, hatte Jochen Geburtstag. Wir trafen uns mit vielen Leuten in einem bekannten Restaurant in Marburg und feierten ihn. Im Nebenraum lief der Fernseher, die Niederlande spielten gegen Mexico. Meine Liebste und ich, beide haben wir unserer zweiten Heimat die Daumen gedrückt, kamen lieber zur Feier als zuhause das Fußballspiel zu sehen. Auch Jochen drückte den Oranjes die Daumen, und irgendwann meinte er, er trinke jetzt für die Mannschaft Orangensaft. Er trinkt immer Orangensaft, aber nun widmete er sein Getränk den Niederlanden, der Oranje-Mannschaft. Und: Was soll ich sagen? Obwohl sie zuerst gegen Mexico mit 0 zu 1 hinten lagen, schafften sie doch noch das 2 zu 1 und kamen weiter.

Jetzt traf es sich, dass Jochen fast eine Woche später, am letzten Samstag nämlich, dem 5. Juli, bei uns zu Besuch war. Er moderierte mit mir die samstägliche Ohrfunkparty, den Ballroom. Am selben Abend hatten die Niederlande ihr Viertelfinale gegen Costa Rica. Und plötzlich tauchte Jochen mit 8 Tüten Orangensaft von einer bekannten Firma auf, bei der der Saft so schmeckt wie frisch gepresst, behaupten sie, und ich glaube, das stimmt irgendwie. „Wir müssen jetzt alle auf die Oranjes trinken während des Spiels“, verkündete Jochen, und wir haben uns dran gehalten. Meine Liebste, Jochen und ich saßen während des Spiels hier, moderierten die Party und verfolgten gleichzeitig das Fußballspiel. Und natürlich tranken wir Orangensaft, damit die Niederlande gewannen. Insgesamt 6 Liter haben wir verdrückt, vermutlich vor allem beim 11-Meter-Schießen. Ich bin sicher, wir haben die Oranjes zu ihrem glücklichen Sieg über Costa Rica geführt. Das passende Lied hatten wir auch parat, natürlich stammte es von Jochen selbst. Auf die Melodie von „go West“ von den Village People, dasselbe Lied, das oft zur Schmähung der Oranjes verwendet wird, sangen wir: „Orange trinkt nur der Jochen-Kopf!“

Am Sonntagmorgen fühlten wir uns voll. Jeder von uns hatte zwei Liter Orangensaft intus, aber der Erfolg gab uns recht!

Wie gut, dass wir noch zwei Liter dieses Orangensaftes im Kühlschrank haben, das sollte fürs Halbfinale gegen Argentinien reichen. Oder vielleicht sollten wir doch noch welchen kaufen? 🙂

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Ist Joachim Gauck ein Kriegshetzer?

Mit unseren Bundespräsidenten haben wir es in letzter Zeit schwer. Horst Köhler und jetzt auch Joachim Gauck arbeiten sich an der Frage ab, ob und wann Deutschland sich in der Welt militärisch engagieren soll. Doch anstatt sachlich über diese Frage zu diskutieren, wird sie in unverantwortlicher Weise emotionalisiert, bis nichts mehr übrig bleibt, um klare, vernünftige Standpunkte zu entwickeln. Dabei wäre genau das jetzt dringend erforderlich.

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Wer ist ISIS?

Seit einigen Wochen berichten die deutschen Medien vom Vormarsch des „Terrornetzwerkes ISIS“ im Irak. Die Terroristen haben inzwischen die zweitwichtigste Stadt des Landes, Mossul, eingenommen und zwei wichtige Grenzposten nach Syrien erobert. Wie aber kann eine „Terrororganisation“ ganze Provinzen eines Landes erobern und besetzen?Und was ist überhaupt eine terroristische Organisation?

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Eine Klangfarbe weniger: Der Folk- und Blues-man ist verstummt

Gestern, am 16. Juni 2014, verstarb unser Mitstreiter und Kollege Carsten Albrecht nach schwerem Leiden und langen Ringen. Ich kannte ihn nicht intensiv genug, um ihn meinen guten Freund nennen zu dürfen, aber ich kannte ihn gut genug, um Trauer über seinen Verlust zu empfinden und viele Einzelheiten im Kopf zu haben, die man jetzt in lustiger Runde erzählen müsste.

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Ins kalte Wasser gesprungen – Wie ich zu der Ehre kam, Laudator beim marburger Leuchtfeuer zu sein

Kaum war ich am vergangenen Dienstag fünf Stunden aus dem Urlaub zurück, als ich einen Anruf erhielt. Franz-Josef Hanke bat mich, die Laudatio beim diesjährigen Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte zu halten. Das war ein spannendes Unternehmen.

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Wieder da!

Wir sind aus einem wunderschönen Urlaub zurückgekommen, meine Liebste und ich, und zwar ausgerechnet am vergangenen Dienstag.

Montagsabends kamen zwei Freundinnen zu uns und erzählten, dass in einer Stunde der Sturm beginne. Die Sonne schien warm, man könnte auch heiß sagen, vom wolkenlosen Himmel, aber es war bereits eine heftige Sturmwarnung ausgegeben worden. Und tatsächlich wurde es eine Stunde später richtig schwarz in der Luft, nur an manchen Stellen war es bunt. Der Sturm war da.

Allerdings hat es nicht wirklich viel gestürmt, vor allem kam regen vom Himmel, und das die ganze Nacht. Ich hatte meiner Liebsten schon prophezeiht, dass vielleicht in Deutschland keine Züge fahren würden. Allerdings sollte man so etwas nicht sagen, wenn man für seine Schwarzseherei bekannt ist. Es könnte sein, dass einem dann nicht geglaubt wird. Und so war es auch diesmal.

Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder, und mir war ums Herz so froh. Obwohl: Eigentlich stimmte das nicht, es war immerhin unser Abreisetag. Trotzdem packten wir brav unsere Sachen und verabschiedeten uns von unseren Freunden. In Düsseldorf habe es sogar Tote gegeben, sagte eine Freundin, ein paar Züge könnten sogar ausgefallen sein. „Das hätte ich nicht gedacht“, erwiderte meine Liebste. Ich hingegen schwieg still und wartete ab.

Und zwar, bis wir auf dem Bahnhof von Venlo anlangten. Auf dem Weg zum Eingang hörte ich, wie ein Mann auf englisch sagte: „Everything is destroyed in Germany“, in Deutschland ist alles zerstört. Drinnen erwartete uns dann ein fröhlich pfeifender Bahnmitarbeiter, der uns erzählte, das den ganzen Tag keine Züge nach Deutschland fahren würden. Allerdings gehe in wenigen Minuten ein Bus nach Mönchengladbach, ungefähr 30 Kilometer weiter.

Also gingen wir zu dem Busfahrer, und der erzählte uns vom Ausmaß der Katastrophe. Von Mönchengladbach aus gäbe es kaum Chancen, an diesem Tag noch weiterzukommen, nicht einmal mit dem Bus. Bis Köln und noch weiter führen ohnehin keine Züge, den ganzen Tag nicht und den morgigen wohl auch nicht.

Was nun? Zurück konnten wir nicht mehr, wir hätten für mindestens vier weitere Tage, wenn nicht sogar für eine Woche zahlen müssen, und es war wohl auch kein Ferienhäuschen mehr frei auf unserem Platz. Mit dem Zug weiter konnten wir ebenfalls nicht. Auch mit dem Auto sei es schwierig, erzählte der Busfahrer, auf den Straßen in NRW gebe es über 360 Kilometer Stau. Von wegen Schwarzseherei.

Also haben wir uns zu einer Verzweiflungstat entschlossen: Wir ließen uns mit dem Taxi nach hause fahren. Das klingt hirnverbrannter als es letztlich war. Mit unserem Gepäck, mit meiner Liebsten und ihrer Arthrose, und angesichts der Tatsache, dass wir nur im Besten Fall ein Häuschen noch bekommen hätten, bei dem wir so viel wie für die Taxifahrt hätten bezahlen müssen, und natürlich weil wir praktisch nicht nach hause gekommen wären, haben wir in den sauren Apfel gebissen. Wir hatten sogar Glück mit dem Stau, allerdings nicht mit dem Geld, obwohl wir schon eine Art Freundschaftspreis vom Unternehmen unseres Vertrauens bekamen.

Jedenfalls sind wir jetzt wieder im Lande, und dieses und mein Hauptblog werden sich wieder mit Artikeln füllen.

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Eine Nacht im Froschdom

Es ist tiefste Nacht. Die Menschen schlafen schon, nur wir beide sitzen noch auf der Holzbank am Seeufer, drei Meter vom Wasser entfernt. Hinter uns liegen rechts und links schicke Einfamilienhäuschen, tagsüber herrscht hier verhaltenes, aber wahrnehmbares Treiben. Jetzt aber ist alles still. Nach vorn weiten sich der Blick, das Gehör und das Herz hin zu dem kleinen See, auf dem Kinder im Sommer mit ihren Schlauchbooten fahren, und in dem sie planschen und schwimmen. Umgeben ist der See an vielen Stellen durch Hochwald. Steht man an seinem Ufer, hat man das Gefühl, in einen riesigen, vom Wald ausgesparten, glitzernden Hohlraum zu schauen oder zu lauschen.

Tagsüber gehören Wald und See den vielen Vogelarten, die hier beheimatet sind. Im Frühling denke ich manchmal, dass auch die Menschen nur Beiwerk sind im göttlichen Vogelkonzert. Ich liebe es, gerade am frühen Morgen vor dem Haus zu sitzen und den Vögeln zu lauschen, viele neue Vogelstimmen zu hören und zu genießen.

Nachts aber, wenn die Vögel im Frühling endgültig verstummt und die Menschen ins Bett gegangen sind, gehört die riesige Halle Wald und See den Fröschen und ihrem Quaken. Warum, so fragen wir uns, während wir Hand in Hand am Seeufer sitzen, hat noch niemand eine Ode an die Frösche und ihren Gesang verfasst? Wie ein mächtiges Gespräch, mal murmelnd, mal diskutierend, mal fröhlich plaudernd, immer aber den riesigen leeren Raum füllend, entfaltet sich das Froschkonzert. Mit Macht steigt jeder einzelne Ton empor und hebt mich mit hinauf auf seiner Reise, und es sind viele und vielfältige Töne.

Meine Liebste und ich hatten eine schwere Zeit. Davon habe ich nicht berichtet, und es ist auch nicht so wichtig. Aber wir haben uns schon Wochen lang auf die herrliche Erhabenheit unseres Froschdomes gefreut. Wenn Gott für mich eine Stimme hätte oder hat, dann liegt sie in diesen Nächten verborgen, in denen wir ganz allein am Seeufer sitzen und den Fröschen lauschen. Schon vor 30 Jahren, als meine Familie hier ein Haus besaß, habe ich nachts die Frösche gehört und ihr Konzert als spannend und beruhigend zugleich empfunden. Alle anderen Geräusche hatten sich verabschiedet, fröhlich und mächtig hatten die Frösche ihre nächtliche Herrschaft angetreten. Doch wenn man direkt am Wasser sitzt, entfaltet der vielstimmige Chor aus Quaken, Rufen, Murmeln und all den anderen Geräuschen erst seine volle Pracht. Für mich stiftet dieses Geräusch frieden, wie der leere Raum und der Wald ein leichtes Echo erzeugen, wie die Luft voll ausgefüllt wird.

Bis vor kurzem haben wir noch da gesessen, mitten in der Nacht, auf einer Bank am See, leise, damit die Menschen im Haus nebenan nicht erwachen. Vor drei Jahren haben wir das erstmals getan und uns eine Portion Frieden und Gelassenheit abgeholt, die wir lange im Alltag nutzen konnten. Jetzt war unser Akku vollkommen leer, und es wurde wieder Zeit für eine Nacht im Froschdom. Romantik, Frieden und Wohlbefinden finden wir dort im Überfluss, wie es so die Art der natur ist, wenn sie ihr Füllhorn über uns ausschüttet.

Nachts um zwei Uhr über menschenleere Wege zu wandern, wo nur ab und an ein Hund bellt, wenn man vorbei geht, ist auch etwas sehr entspannendes. Und während das Froschkonzert immer leiser wird, macht sich das Geschenk der Lebensfreude im Herzen breit und entzündet seine Flamme.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen Ort zum Ausruhen und Kraft Tanken.

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Vorstellungskraft und Vorfreude

Eigentlich bin ich immer aufgeregt, wenn ich mit dem Zug reise. Es muss immer viel bedacht werden, Umsteigen gefällt mir gar nicht, vor allem dann nicht, wenn ich binnen weniger Minuten durch den halben Bahnhof einer Großstadt hetzen muss, um meinen Anschlusszug noch zu kriegen. Und dann kann ja auch immer noch einiges schief gehen, wie neulich, als wir nach Berlin fuhren… – Aber das ist ein anderes Thema. – Also eigentlich bin ich immer vor Zugreisen extrem aufgeregt. Aber gerade habe ich eine unwiderstehliche Vorstellung.

Ich sitze in einem Zug, einer Doppeldeckerklapperkiste des Regionalverkehrs. Neben mir steht ein schwerer Rucksack, den ich mir vom Rücken gewuchtet habe, als wir eingestiegen sind. Mir gegenüber sitzt meine Liebste, ebenfalls mit einem sehr sehr schweren Rucksack bewaffnet. Es ist ein schöner Frühlingsmorgen, und wir verlassen den Bahnhof in Hagen und fahren mit der Sonne schräg links hinter uns in den Frühling hinein. Der Zug rattert über die Gleise, Menschen um uns her unterhalten sich fast im Slang meiner Heimat, während wir in Ennepetal halten und dann über Schwelm in Wuppertal einfahren. Viermal hält der Zug in Wuppertal, und ich höre den Dialekt, mit dem ich aufgewachsen bin. Meine Liebste sitzt mir gegenüber, den Kopfhörer auf den Ohren, aber ich lausche den Menschen, so nahe komme ich meiner Geburtsstadt Solingen selten. Schon in Düsseldorf, unserem nächsten Halt, wo der Bahnhof schon wie ein Flughafen wirkt, hat sich der Dialekt verändert, obwohl erst 15 Minuten vergangen sind. Ich atme tief durch und genieße den Frühlingsmorgen, den Arm auf den Rucksack neben mir gelegt, das Teil ist schwer und rutscht nicht. Wieder fährt der Zug weiter, diesmal halten wir in Neuss. Es ist Mittag, einige Menschen steigen zu, andere verabschieden sich lachend und scherzend. Man kann sogar einige Vögel hören, auch wenn der Verkehrslärm da ist.

Weiter geht die Fahrt nach Mönchengladbach. Der Zug ist nicht leer, auf den Gängen hört man niederrheinische Unterhaltungen. Und da: Habe ich da nicht… – Aber es wird wohl Einbildung gewesen sein. Eine knurrige Lautsprecherdurchsage beendet unseren Aufenthalt, während aus dem Gangfenster heraus letzte Verabschiedungen gerufen werden, aber dies ist ein Nahverkehrszug, man ist nicht lange weg und verabredet sich zum abendlichen Bier, während der Zug langsam anrollt.

Ja, eigentlich mag ich Bahnreisen gar nicht so gerne, aber jetzt entspanne ich mich, und ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Meine Liebste nimmt die Kopfhörer ab, als wir 10 Minuten später in Viersen einfahren. Der Bahnhof ist klein, eine Lautsprecherstimme quäkt, die Vögel sind jetzt viel näher. Sonnenstrahlen fallen auf mein Gesicht, wärmen meine offene Jacke, streicheln meine Hand, die auf dem Rucksack liegt. Seit fünfeinhalb Stunden sind wir unterwegs, und jetzt fällt alles, was Stress geheißen hat, von uns ab. Gesprochen wird noch kaum bei uns, wir beschränken uns aufs Lauschen. Und da: – Der Fetzen einer Unterhaltung, ich glaube, diesmal habe ich mich nicht getäuscht.

Dülken heißt der nächste Bahnhof, und für mich halten wir nur, um wieder eine Portion Alltagsstress abzuladen; Ich sehe förmlich vor meinem geistigen Auge, wie er in riesigen Kisten aus dem Zug getragen wird. Dasselbe gilt für die Bahnhöfe Boisheim und Breyell, an denen nur das Klappern der Türen mitteilt, dass einzelne Menschen zu- oder ausgestiegen sind. Und dann halten wir in Kaldenkirchen, einem Stadtteil von Nettetal. Und hier verlässt mich jeder Zweifel, den ich irgendwo noch gehabt haben mag, hier geschieht, worauf ich schon so lange an diesem Morgen warte: Ich höre eine Unterhaltung im sachten, leicht singenden Tonfall meiner limburgischen Zweitwahlheimat, und unverkennbar in niederländischer Sprache. Als der Zug für 6 Minuten noch einmal anfährt, habe ich innerlich die Grenze überschritten.

Das nächste Geräusch, das sich zu meinen Ohren durcharbeitet und jeden Zug in meinem Inneren mühelos übertönt, ist das Klingeln der Eisenbahnschranke. Plötzlich fahren wir an dieser hellen Glocke vorbei, die hinter uns einen Ton tiefer wird, brav dem Doppler-Effekt folgend. Dieser Zug hätte an dieser Stelle auch vor 50 Jahren auf dieselbe Weise fahren können. Moderne? Pha! Weiche von mir, Satan, hier hast du keine Macht. Es wird Zeit, den schweren Rucksack zu schultern, aber mir ist vollkommen egal, wie schwer er ist, wie lange wir schon unterwegs sind. Eine zweite Eisenbahnschranke ist zu hören, und inzwischen haben wir auch die äußere Grenze hinter uns gelassen. Als wir in Venlo einfahren, sind wir bereit, meine Liebste und ich: Entspannt, glücklich und schon jetzt um einige Stresskilo leichter. Warme, laue Luft empfängt uns auf dem Bahnsteig. Wir werden eine halbe Stunde warten müssen, aber das ist uns vollkommen egal. Wir sitzen auf einer Bank am Bahnsteig und hören, wie Menschen vorbeischlendern. Hin und wieder sprechen sie miteinander, rufen sich über die Gleise etwas zu, einer Pfeift. Fehlt nur noch der Duft von Kaffee.

Und bald sitzen wir wieder in einem Zug, aber in was für einem. Ein kleines Bimmelbähnchen ist es, in dem man jede Schranke noch deutlicher hört, und es gibt einige davon auf unserem Weg. Die Stimmung ist wie in einem Kleinstadtbus, wo man sich kennt, obwohl das nicht sein kann. Es wird geplaudert, der Zugführer begrüßt jeden Gast mit einem Kopfnicken und einem „Hoi!“ Man hört die Einkaufstüten, dies ist ein absolutes Regionalbähnchen, und wenn es Verspätung hat, ist es auch egal. Dies hier ist eine Nachbarschaftseisenbahn, Fahrpläne sind nett, aber ab und an fällt das Ding auch einfach mal aus, ohne dass sich viele Leute darüber ärgern würden. So ist die Bahn halt. Und solange es diese Bähnchen noch gibt, genießt man es, oder man nimmt es als selbstverständlich hin. Frauen mittleren Alters fahren hier häufig, vom Einkaufen in Venlo zurück nach hause, oder zum Kleiderkauf ins Designer Outlet nach Roermond.

Die Stationen heißen jetzt Tegelen, Reuver und Swalmen, und sie werden vom Zugführer selbst mit singender Stimme in Terzen angekündigt: Die erste Silbe hoch, die letzte Silbe tiefer. Ich höre die Stimme genau. Nach Swalmen stehen wir auf, während wir wieder in einen mittelgroßen Bahnhof einfahren, ein Hort der normalen Geschäftigkeit nach diesen Milchkännchen der letzten halben Stunde. Roermond Hauptbahnhof, das Ziel unserer Bahnreise.

Ein Taxi und eine halbe Stunde später stehen wir, meine Liebste und ich, bepackt mit unseren Rucksäcken und im Vollbesitz unserer Lebensfreude auf einem kleinen Platz mitten im Wald. Sonne, Vögel und leichte, wundervoll reine Luft umgeben uns. Menschen wandern fröhlich umher, in der Ferne hört man Hämmer und Sägen, ein Radio bringt Popmusik, noch weiter entfernt. Der Knall einer Vogelscheuche erfüllt die Luft, dann meint man, irgendwo in der Ferne einen Hahn krähen zu hören. Vor uns geht die Tür des Büros auf und zu, und im Innern höre ich lachende Unterhaltungen.

Und wieder eine viertel Stunde später sitze ich auf einer Bank aus Holz vor einem kleinen Häuschen. Ich werde Stunden hier sitzen, wenn das Wetter es erlaubt. Einmal im Jahr muss es sein, einmal im Jahr muss ich hierher zurückkehren, um aufzutanken, die Geborgenheit kindlicher Zuneigung zu einem Ort fühlen, der längst nicht immer so schön ist, wie ich ihn in meiner Vorstellung male, aber für mich schon. Ich bin wieder auf Heelderpeel, meiner niederländischen Zweitheimat.

Dies alles stelle ich mir gerade mit unwiderstehlicher Kraft in meiner Fantasie vor. Doch halt: Schon morgen, schon in 24 Stunden, wird diese Vorstellung Wirklichkeit werden, und wenn nicht ganz genau so, dann doch fast. Und ich kann es kaum noch erwarten.

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