Kein Asyl für Edward Snowden in Deutschland

Den folgenden Bericht habe ich am 04.11.2013 für den Ohrfunk geschrieben.

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Willkommen im Dorf

Computer erleichtern unser Leben, sagt man, und soziale Netzwerke helfen uns bei der Kontaktpflege und der Nachrichtenübermittlung. Wie haben wir das bloß alle gemacht, als es noch kein Internet gab? Zum Beispiel mit dem Telefon. Ein pfiffiger Betreiber hat jetzt das erste soziale Netzwerk via Telefon aufgebaut, und „Das Dorf“, wie es sich nennt, erfreut sich großer Beliebtheit. Seit ein paar Tagen bin auch ich Bewohner des weltweiten und doch kleinen Dörfchens.

Vor 20 Jahren habe ich es erstmals probiert: Ich zog in die sogenannte Villa ein, ein Telefon-Chat-System aus Hamburg, das über eine 0190-Nummer lief. Es war eine große Katastrophe. Zwar war die Atmosphäre der einzelnen Räume interessant gestaltet, und das war es auch, was die Leute zunächst in der Villa hielt, aber eine echte Konferenzschaltung war nicht möglich, man musste hintereinander sprechen, die Nachrichten wurden hintereinander abgespielt. Mit 10 Leuten im selben Raum dauerte eine Unterhaltung unerträglich lange, und zusätzlich kostete sie unerträglich viel Geld. In einer solchen, künstlichen Situation konnte man sich auch nur über Belanglosigkeiten unterhalten, ein Gesprächsfluss kam selten auf. Viele meistens einsame Menschen verbrachten so viel Zeit in der Villa, dass sie hunderte und zum Teil tausende von D-Mark ausgaben, um dort ein wenig Gesellschaft und Zuspruch zu erhalten. Ich gehörte selbst eine Weile dazu, und danach habe ich mir geschworen, von Telefon-Chat-Systemen die Finger zu lassen. Bis letzte Woche habe ich mich daran gehalten.

Der Ohrfunk war es nun, der mich auf „Das Dorf“ aufmerksam machte. Der Betreiber, Thomas Höllrigel, hat es sich zum Ziel gesetzt, ein telefonisches soziales Netzwerk zu schaffen. Im Prinzip handelt es sich um rund 10 öffentliche Räume, in denen man sich aufhalten kann, in denen es auch Veranstaltungen geben kann, und in denen man miteinander plaudern kann. Diese 10 Räume haben unterschiedliche Namen wie Kirche, Kino, Friedhof oder Bauernhof, aber das dient lediglich der Atmosphäre und hat nur in wenigen Fällen eine Bedeutung. In der Kirche findet in der Woche jeden Morgen eine gemeinsame Andacht statt, die von einem evangelischen Pfarrer aus Nordrhein-Westfalen geleitet wird, und im Kino werden die Hörerhitparaden des Internet-Radiosenders 1ted Finest übertragen. Das ist vor allem für Menschen interessant, die eben selbst keinen Computer und kein Internet haben und sich ansonsten an der Hörerhitparade nicht beteiligen könnten.

Herzstück des Netzwerkes sind aber die rund 50 Foren zu allen Themen, die man sich vorstellen kann. Familie, Gesundheit, Mystic, Religion, Musik, Instrumentenbau, Computer, Heimwerker, Rollenspiele, Hörspiele und Hörbücher, Fernsehen, Quizshows, Politik und Geschichte, Philosophie, Elternschaft und Behinderung sind nur einige der Themen, die man dort finden und über die man debattieren kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Telefonlines herrscht im Dorf ein allermeistens respektvoller und friedlicher Umgang. Der Betreiber, der sich selbst als Bürgermeister unters Volk mischt, versucht bislang erfolgreich, große Streitigkeiten aus dem Dorf heraus zu halten.

Außerdem ist das Ganze ein inklusives Projekt. Es sind viele blinde und sehbehinderte Menschen dabei, aber auch Menschen ohne Behinderungen verirren sich ins Dorf und bleiben dort.

Gegenüber den alten Lines, die ich vor 20 Jahren kennenlernte, hat das Dorf mehrere Vorteile. Erstens kostet es nichts, wenn man eine Flatrate oder Skype hat. Zweitens ist Konferenzschaltung inzwischen erlaubt, und man kann sich tatsächlich mit mehreren Menschen unterhalten. Und drittens wird hier auf einem von mir bislang nie erlebten Niveau debattiert und auch gestritten. Während ich oft das Gefühl habe, dass ich meine Artikel im Blog für fast niemanden schreibe, weil es praktisch keine Resonanz gibt, kann ich mir fast sicher sein, dass ich in den Foren im Dorf Reaktionen auf politische Aussagen bekomme. Zwar gibt es auch dort Menschen, die nicht gegen Stammtischparolen geschützt sind, aber die Diskussionskultur und der Umgang miteinander sind gut.

Für mich persönlich gibt es noch mehrere weitere Vorteile: Ich kann legal Hörbücher und Hörspiele hören, bevor ich mich zum Beispiel entscheide, sie zu kaufen. Zu versuchen, sie aufzuzeichnen, ergibt bei Telefonqualität keinen Sinn. Dasselbe gilt für die Charts, die drei Hörerhitparaden, an denen man sich beteiligen kann. Außerdem kann ich Beiträge aus dem Ohrfunk einem Publikum zugänglich machen, das weder Internetradio hört, noch mein Blog liest.

Neben diesen ganzen sachlichen Vorteilen erlebe ich es erstmals, dass man im Dorf Menschen trifft, mit denen man sich austauschen kann, mit denen man gleiche oder ähnliche Interessen hat. Man kann sich, wenn man will, regelmäßig oder unregelmäßig zu Gesprächsrunden treffen, man kann sich aber auch außerhalb des Dorfes privat verabreden und so sein persönliches Netzwerk erweitern. Natürlich gehen auch viele einfach so hin, um sich abzulenken, und ich habe schon einige gehört, die Stunde um Stunde im virtuellen Dorf verbringen. Dann werde ich auch immer hellhörig, denn ich weiß, dass das Telefon und auch Telefonchats Menschen süchtig machen können. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass man um so süchtiger wird, je weniger man von dem bekommt, was man in einem echten sozialen Netzwerk sucht. Das Dorf scheint sich jedenfalls zu einer virtuellen Gemeinschaft zu entwickeln, die so heterogen ist, wie das Leben selbst. Doch es sind nette Menschen, eine Menge Information, Wissen und Unterhaltung versammelt, und Fragen werden gern beantwortet und über Anliegen ausführlich diskutiert.

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Zur Klarstellung: Wir sind nicht wirklich die Mörder von Lampedusa

Mein letzter Beitrag über die Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa hat verschiedene Reaktionen ausgelöst. Reaktionen, die ich so nicht erwartet und nicht vorausgesehen habe. Ich fürchte, es bedarf tatsächlich einer Klarstellung.

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Wir sind die Mörder von Lampedusa

In diesen Tagen wird oft über eine neue europäische Flüchtlingspolitik gesprochen. Vor kurzem sind hunderte Flüchtlinge aus Afrika vor der italienischen Insel Lampedusa ums Leben gekommen, als ihre Boote kenterten. Vielleicht halten Sie das für einen tragischen Unfall, vielleicht bedauern Sie das Leid der Menschen. Doch ich empfinde neben der Trauer und dem Entsetzen ein gerüttelt Maß an Scham. Denn der Tod dieser Menschen im Mittelmeer war Mord. Mord, nicht nur mit unserer stillschweigenden Duldung, sondern auch mit unserer Billigung und in unserem ausdrücklichen Auftrag, zum Schutz unserer ureigensten Interessen. Und niemand kann sich davon frei sprechen. Wir sind die Mörder von Lampedusa!

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Von der Teilhabe am Ruhm der Anderen

Manchmal werde ich gefragt, ob ich beim Ohrfunk Geld verdiene. Wenn ich dann mit „nein“ antworte, wundern sich einige Leute darüber, dass ich das schon so lange mache, ohne dafür finanziell entlohnt zu werden. Es gefällt mir, wenn sie den Kopf schütteln, es ist die Bestätigung dafür, dass ich irgendetwas richtig mache, dass ich eine Sache um der Sache willen mache, und dass ich nicht einfach etwas Anderes mache für Geld, was mir dann aber nicht gefallen würde.

Früher wollte ich Politiker werden, oder Bundesverfassungsrichter, oder, vor 10 Jahren, wenigstens berühmter Radiomoderator. Ich wollte etwas bewegen. Auch noch, als ich mein Blog anfing. Ein Radiokollege sagte einmal zu mir: „Ich bin eine Rampensau, und du auch.“ Damals stimmte das noch. Inzwischen hat sich das deutlich gelegt.

Manchmal hadere ich noch ein wenig damit, dass meine Blogs so wenig besucht werden, oder dass von meinem Buch mit Blogtexten in anderthalb Jahren genau 2 Stück verkauft wurden. Aber das geschieht immer seltener. Ich entwickle mich immer mehr zu jemandem, der eher im Hintergrund bleibt. Wenn ich heute Interviews führe, ist mir der Nervenkitzel, ein besonderes Erzeugnis produzieren zu wollen, ziemlich abhanden gekommen, hauptsache, ich lege ordentliche Arbeit ab und bin für meine Kollegen zuverlässig. Denn das war ich früher nicht so sehr, als ich noch hochfliegende Träume hatte.

Und ich sonne mich manchmal im Ruhm Anderer.

Da ist eine meiner allerbesten Freundinnen. Sie hat ein eigenes Unternehmen gegründet, ist Dolmetscherin und Tourismusberaterin und dolmetschte auf der frankfurter Buchmesse. Ich war stolz darauf, sie letzte Woche im HR bei der ARD-Nacht der Bücher gehört zu haben, wo sie souverän einen brasilianischen Autor dolmetschte. Sicher: Daran habe ich keinen Anteil, aber sie hat hier bei mir im Studio gesessen, 75 Texte über ihre Wahlheimat Brasilien eingesprochen und hier ihre ersten Radioerfahrungen gesammelt. Und ich darf sagen, ich bin dabei gewesen.

Eine Kollegin von mir, die ich schon seit der Schulzeit kenne, ist zu einem Sternchen in der freien Radiowelt geworden. Sie steht auf du und du mit der halben ARD, arbeitet für viele Sender, wird für ihre Natürlichkeit und Fröhlichkeit von den Hörerinnen und Hörern geschätzt und hat sich eine Fangemeinde aufgebaut. Und das, obwohl sie auch in unseren Kreisen manchmal als Schlagertante abqualifiziert wurde. An all dem habe ich keinen Anteil, aber sie hat in diesem Studio, in dem ich jetzt sitze und dies schreibe, ihre erste Radiosendung aufgenommen, und zumindest einen Rat konnte ich ihr mit auf den Weg geben.

Mein ältester Freund schreibt seit rund 13 Jahren Monat für Monat zwei bis drei ausführliche Geschichten, sogenannte Fan Fictions, die im Harry-Potter-Universum spielen. Ihm gehen die Ideen nicht aus. Auch er hat eine Fangemeinde. Menschen warten um Mitternacht beim Monatswechsel auf seine Geschichten, die schon das fünf- bis zehnfache von dem ausmachen, was Joanne K. Rowling je geschrieben hat. Ganze Regale könnte man mit seinen Werken füllen, wenn man sie drucken würde. Menschen nehmen sich einen Tag frei, um Monat für Monat seine Geschichten lesen zu können. An all dem habe ich keinen Anteil, aber seit frühester Kindheit haben wir miteinander unsere Fantasie geschult, Geschichten entworfen und aufgeschrieben.

Seit 15 Jahren arbeite ich immer mal wieder mit einem Mann zusammen, er heißt Franz-Josef Hanke, der im Bereich Journalismus und Bürgerrechtsfragen in Hessen eine Berühmtheit ist. Für sein Engagement erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Er ist einer, der Kompliziertes gern mit einfachen Worten sagt, der sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Freiheit engagiert. An all dem habe ich keinen Anteil, aber ich bin bei einigen Aktionen sein Juniorpartner gewesen, und er hat mich in manchen Gesprächen an seinen reichhaltigen Erfahrungen teilhaben lassen.

Heute bin ichs zufrieden. Ab und an schreibe ich ins Blog, manchmal kriege ich eine Resonanz. Wie schrieb Thommy Bayer einmal in einem seiner Lieder: „Ich will gar nicht mehr zum Mond, ich flieg nur noch in die Küche, wo ich auch die Armaturen nicht versteh.“ Ich bin keine Rampensau mehr. Ich lebe lieber friedlich vor mich hin und tue das, was ich kann. Ich bin an einem Punkt, wo ich meine persönlichen Grenzen nicht nur erkenne, sondern wo ich sie akzeptiere und meinen Frieden damit mache. So lebt es sich entspannter. Und manchmal sonne ich mich im Ruhm anderer Menschen und lasse mich ein klein wenig von ihren Strahlen wärmen.

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„Die Queen“ und andere Gedanken

Ich bin ein Hörfilmfan. Mit Hörfilmen kann ich das Fernsehen genießen. Da ich dieses Wochenende allein bin, weil meine Liebste auf einem Konzertbesuch in NRW weilt, habe ich mal geschaut, ob ich mein Hörfilmrepertoir erweitern kann. Ein Film fiel mir auf: „Die Queen“ aus dem Jahre 2006. Offiziell ist der Film eine Satire und beschreibt das Verhältnis der britischen Königin Elisabeth II. zu Toni Blair zu Beginn seiner Amtszeit. Vor allem geht es um die Woche nach dem Tod von Prinzessin Diana.

Der Film ist fiktiv, trotzdem wird der Konflikt zwischen Blair und der Monarchin beschrieben. Blair, der moderne Medienmann, erkennt sofort nach Dianas Tod, welche Wellen er schlagen wird, er spricht von der „Prinzessin des Volkes“, der „Prinzessin der Herzen“ und trifft damit die Stimmung. Die Königin, die auf dem Protokoll beharrt, nach dem Diana schon kein Mitglied der Königsfamilie mehr war und deshalb eine Reaktion ihrerseits unnötig ist, versteht den Hype um die tote Prinzessin nicht, muss aber schließlich nachgeben.

Soweit der Inhalt in Kurzform. Neben der interessanten und gegensätzlichen Charakterstudie der Queen und Blairs waren es vor allem die Bilder der trauernden Menschenmassen, die in mir aufstiegen. Was haben die Medien Prinzessin Diana doch zu einer Ikone gemacht, und niemand konnte sich dem entziehen. Die ganze Welt trauerte mit, denn es waren die Medien, die sich sozusagen selbst die Schuld an ihrem Tod gaben, um damit Schlagzeilen und einen Skandal und Hype zu produzieren. Erst später stellte sich unbemerkt heraus, dass 2 Promille Alkohol und Medikamente im Blut des Fahrers den Unfall verursachten, bei dem die Prinzessin am 31. August 1997 in Paris ums Leben kam.

Ich kann mich noch an diese Trauerhysterie erinnern, und ich war selbst ein Teil davon. Wieder schlug meine Begeisterung für geschichtliche Augenblicke zu. Reihenweise wurden uralte Traditionen hinweg gefegt: Auf dem Buckingham Palace wehte eine Halbmastfahne, die Wachablösung musste verlegt werden wegen der vielen Blumen und Kränze, die Königin musste eine Fernsehansprache halten und am Trauergottesdienst für eine fast einfache Bürgerin teilnehmen. Einige sagten, die uralte britische Monarchie werde fallen. – Aber zwei bis drei Monate später, nachdem sich Elton Johns Lied „Candle in the Wind 1997“ so hervorragend verkauft hatte, sind wir alle aufgewacht und haben uns gefragt, was da eigentlich passiert ist. Wir wurden uns bewusst darüber, dass wir von Prinzessin Diana eigentlich nicht viel wussten außer den Skandalen, die die Medien verbreiteten, und dass sie für uns, seien wir nun Briten oder nicht, kaum eine Bedeutung gehabt hat. An ihr Engagement gegen Landminen wird sich die Geschichte erinnern, aber sonst? Damals glaubte man, Dianas Grab werde zum Wallfahrtsort, aber so weit ich weiß, ist es heute keine ständig besuchte nationale Gedenkstätte mehr.

An all das erinnerte mich der Film, an den Hype, von den Medien produziert und irgendwann wieder beendet, an die Manipulierbarkeit der Menschen, an unbegründete Trauer, an das Spiel mit der Macht von Wort und Bild. Und ich sah, wie die Queen im Film fassungslos dabei stand und die Beständigkeit und Kontinuität, also die Sicherheit wahren wollte. Und was ich damals bitter kritisierte, konnte ich heute besser verstehen, so wie sich auch Blairs Verhältnis zur Monarchin im Film langsam ändert.

Es ist Herbst, vielleicht kommen mir deshalb trübere Gedanken, wenn ich an diesen Film und diesen Hype denke. Wie manipulierbar sind wir eigentlich? Und: Wie viel Kraft und Macht hätten die Medien, wenn sie uns zum allgemeinen Aufruhr ermuntern würden? Sind sie es gewesen, die den NSA-Skandal nicht wirklich hochkochen lassen wollten?

Und immer wieder die Frage: Was bewegt uns? Für was interessieren wir uns? Die Frage, wie der neue Moderator „Wetten, dass…“ moderiert, oder ob der neue Boxweltmeister der alte Boxweltmeister ist, ist für viele von uns viel spannender als die Tatsache, dass in unserem Namen, um unseren Wohlstand zu sichern, hunderte von Flüchtlingen aus armen Ländern durch Nichtstun umgebracht werden, von unseren Grenztruppen, die mit der EU noch vor kurzem den Friedensnobelpreis bekamen.

Was mache ich aus diesen Widersprüchen? Wie gehe ich mit der Manipulierbarkeit um? Bin ich selber denn über diese Dinge erhaben? Nein, ganz und gar nicht. Als am 6. September 1997 über 2 Millionen Menschen in London trauerten, habe auch ich am Radio gesessen, ein paar Wochen später hatte dieses Ereignis für mich keine Bedeutung mehr. Aber eben nicht nur dieses Ereignis, auch Prinzessin Diana nicht, die als eine so besondere Person beschrieben wurde.

Reicht es, gegen Manipulierbarkeit anzuschreiben, anzudenken? Reicht es, im Nachhinein die Macht der Bilder und der Worte zu erkennen? Man müsste sich distanzieren, aber man darf nicht abstumpfen gegen das Leid der Welt. Und wer das nicht aushält, diesen paradoxen Widerspruch der heutigen Medienwelt, der vereinfacht sein Leben und sucht schnelle Lösungen für komplexe Probleme. Und vielleicht wählt er dann rechte Ideologien.

Es ist beunruhigend, nur unzureichende Lösungen zu haben, und gleichzeitig ist es zutiefst menschlich. Vielleicht ist meine eigene Medienarbeit im Ohrfunk so wenig erfolgreich, weil ich keinen Hype mitmachen will, weil ich sachlich bleiben will. Vielleicht bin ich selbst, auch in meinen Blogs, zu allergisch gegen Überfliegerei, Hypes und Sensationelles. Man kann kaum gefühlsmäßig Anteilnehmen an dem, was ich politisch so von mir gebe. Aber das ist mir lieber, als kurzfristigen Hypes nachzulaufen.

Als im Jahre 2011 die Katastrophe in Fukushima in war, kamen in meiner Heimatstadt viele Menschen zu Anti-AKW-Demos. Ein paar Wochen später, als die Medien das Thema abgeschaltet und durch die Vorgänge in Libyen ersetzt hatten, kam keiner mehr. Waren die Menschen keine AKW-Gegner mehr, oder waren sie es vielleicht nie? In Baden-Württemberg waren die Grünen über Nacht die stärkste Partei geworden, aber an dem Ergebnis der Bundestagswahl lässt sich ablesen, dass mit dem Ende des Themas Fukushima auch die Ähra grüner Regierung bald wieder vorbei sein wird. Eine von Medien gemachte grün-rote Regierung? Denken die Menschen jetzt nicht mehr grün, sondern wieder konservativ? Oder dachten sie nie anders und schlossen sich nur einem Hype an? Das Thema Fukushima ist zwar in den Medien abgefrühstückt, nicht aber in der Realität.

Ich weiß das alles und ich schreibe dagegen an, wieder und wieder, bis es den Leserinnen und Lesern zum Hals heraus kommt. Und dann, wenn ich weiß, dass es doch nichts ändert, nehm ich halt die Finger von der Tastatur, lese ein gutes Buch oder schaue einen interessanten Hörfilm: Einen Tatort beispielsweise, am liebsten die aus Münster oder Köln, oder eine ernsthafte Halbsatire. Neulich habe ich erst wieder so einen geguckt, er hieß: „Die Queen“…

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Müssen wir die Erststimme abschaffen? – Eine Erwiderung auf Franz-Josef Hanke

In den interessierten Kreisen wird nun, zwei Wochen nach der Bundestagswahl, darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten es gibt, die Wähler wieder an die Politik heran zu führen und das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu stärken. Ein Thema ist dabei das Wahlrecht, über dessen Veränderung ich von Blog zu Blog mit Franz-Josef Hanke debattiere.

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Brauchen wir eine Wahlrechtsreform?

Der folgende Text stammt bereits vom 30. Septtember und wurde für ohrfunk.de verfasst.

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Bittere Pille: Kommentar zur Bundestagswahl

Deutschland hat gewählt. Der Souverän hat sein Machtwort gesprochen. Und wer da hoffte, die Deutschen würden sich für eine neue Politik entscheiden, erhielt eine kräftige Ohrfeige.

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Mein Wahltag 2013

Hier ist mein persönlicher Wahlbericht. Die Reihenfolge der Einträge ist umgekehrt chronologisch. Während des Tages war das für die Lesbarkeit besser, jetzt ist es etwas mühsam. Vielleicht stelle ich das Ganze noch mal um, aber nicht jetzt.

 

 

23.09.2013, 04:37 Uhr: Fertig. – Jetzt ist schluss, meine Wahlbeobachtungen gehen zu Ende. Aber womit? Mit der Aussage, dass das Ergebnis schlimmer als meine Prognose war? Die CDU war 3 Prozentpunkte besser, die SPD mehr als 2 Prozentpunkte schlechter als von mir erwartet. Ich bin nur froh, dass es für die Union dann doch nicht zur Alleinherrschaft gereicht hat.

 

Mehr schreibe ich jetzt nicht, ich bin vollkommen erschöpft und muss schlafen. Nach rund 20 Stunden beende ich hiermit meinen persönlichen Wahlbericht.

 

Gute Nacht!

 

4 Uhr: Endlich, ich habe einen Kommentar geschrieben, und ich glaube, der ist auch ganz gut geworden. Ich lese ihn jetzt auf und schneide ihn.

 

 

03:30 Uhr: Die FDP schafft es tatsächlich in Hessen. Na was für ein Glück für sie, dann haben sie wenigstens einen Grund zum Feiern und um sich damit Mut zu machen für die nächsten Wahlen. Ich weiß nicht, ob sie wirklich abgeschrieben sind oder nicht.

 

 

03:05 Uhr: Endlich habe ich die Zahlen für den Bund. CDU-CSU liegen bei 311 von 630 Sitzen und verfehlen knapp die absolute Mehrheit. Die SPD kommt auf 192 Sitze, die Linken auf 65 und die Grünen auf 63. Was für eine Wahl. Haben die Leute überhaupt nichts begriffen? Das Ergebnis lässt Frau Merkel mit Recht von sich behaupten, mehr als nur alles richtig gemacht zu haben. Ich fasse es nicht, und jetzt, in der Stille der Nacht, wo mich nur mein Computer stört, weil er so laut rauscht, kommt es mir richtig zu Bewusstsein. Ich glaube, ich fange mal an, darüber zu schreiben, bevor ich ermattet niedersinke.

 

 

02:35 Uhr: Offizielle Bekanntgabe des vorläufigen amtlichen Endergebnisses der Bundestagswahl soll jetzt ungefähr in 10 Minuten stattfinden. Ich hatte genug Zeit, meinen virtuellen Schreibtisch aufzuräumen, damit ich nicht noch einmal einschlief. Jetzt aber ist in Hessen der Krimi wieder los gebrochen. Nach der jüngsten Hochrechnung aller Institute hat es die FDP hier knapp in den Landtag geschafft. Na, das wird die Fortsetzung der schwarzgelben Regierung sein, wenn es klappt. Und damit ein Motor für künftige Wiederkehr. Ein Lichtblick in dunkler Nacht sozusagen.

 

Die Piraten fangen jetzt an, nach Schuldigen für ihr Scheitern zu suchen, öffentlich, auf Twitter und in Foren, wie sich das für die Piraten gehört. Aber okay, das ist auch gelebte Demokratie, solange die Aussagen inhaltlich irgendwie haltbar sind und sich nicht nur auf Pöbelei um der Pöbelei willen beschränken. Das Thema NSA, also der große amerikanische Spähangriff auf die ganze Welt, sei nur für 17 % der Wähler Wahlentscheidend gewesen, ließ einer auf Twitter verlauten, und fügte hinzu: „Ihr seid also alle Deppen.“ Eine andere Frau auf Twitter meinte, wenn die SPD nicht zu stolz wäre, könnte rot-rot-grün die Mandelentzündungskoalition sein. Nun ja: Nach Jamaika und Bahamas vielleicht mal was Anderes.

 

 

01:40 Uhr: Das amtliche Endergebnis soll verkündet sein, aber ich habe es noch nicht auf dem Schirm. Union verpasst doch absolute Mehrheit. Damit wird es im Bund noch mal spannend. Was wird Angela Merkel suchen? Rot oder grün? Auf jeden Fall kann sie die rot-grüne Mehrheit im Bundesrat damit spalten und destabilisieren. Nur ich armer Tropf schlafe gleich ein. Wenn ich die Zahlen hätte, würde ich langsam mal los legen.

 

 

01:20 Uhr: Auf der Seite des Wahlleiters verfolge ich die letzten Wahlkreise, die noch fehlen. 4 sind es noch. Gerade bin ich im Sitzen leicht eingenickt. Problem ist, dass ich die Sitzverteilung brauche, um meinen Kommentar schreiben zu können. Ich hoffe, dass es jetzt schnell geht. Ich bin wirklich müde.

 

 

00:35 Uhr: 284 von 299 Wahlkreise sind ausgezählt: Bald kommt das vorläufige amtliche Endergebnis. Dann kann ich das ganze mal auf mich wirken lassen und über einen Kommentar nachdenken.

 

Die SZ schrieb: Steht Merkel für Biedermeier oder ist sie Thatchers Nachfahrin? Ich finde, beides trifft es irgendwie. Sie ist so unaufgeregt bieder im Inland, und so knallhart im Ausland, dass sich das meiner Ansicht nach nicht widerspricht.

 

Wenigstens hat Hans Christian Ströbele das einzige Direktmandat für die Grünen geholt. Super Ergebnis, er macht das ja ab und an mal in seinem Wahlkreis.

 

Wieder wollen sich alle sicher sein, dass jetzt FDP und AFD den Einzug ins Parlament nicht schaffen. Glück gehabt wegen der AFD, Glück bekommen wegen der FDP.

 

 

23.09.2013: 00:05 Uhr: Die Sendung Candlelight ist beendet, der Tag der Wahl auch. Aber immer noch wird fleißig gezählt. Und ich habe gerade festgestellt, dass ich während der Sendung vom Stream gefallen bin. Das bedeutet, dass die Aufnahme, die automatisch gemacht und für die Wiederholung verwendet wird, Lücken enthält und zerstückelt ist. Das muss ich bis Mittwoch korrigieren. Gott sei dank nicht heute Nacht, aber gemacht werden muss es doch, und es wird mich 1 bis 2 Stunden kosten, obwohl es eigentlich eine kleine Sache ist. Aber so große Dateien zu laden und zu speichern dauert unverhältnismäßig lange mit meinem Rechner.

 

Der Wahlkrimi wegen der FDP und der AFD geht weiter, obwohl man damit schon nicht mehr rechnete. Was hat die Leute dazu bewogen, für Angela Merkel zu stimmen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass wir so oder so schweren Zeiten entgegen gehen. Entweder die Union regiert allein, dann kann sie vieles durchsetzen und ist nicht gerade verpflichtet, bürgerfreundlich zu sein, oder sie braucht die SPD, und dann verliert die ihr letztes Bisschen Profil.

 

Und das Dümmste an der Sache ist, dass ich hier auf das Endergebnis warten muss!

 

 

23:15 Uhr: Die süddeutsche Zeitung behauptet, die FDP könnte es doch noch in den Bundestag schaffen. Nimmt denn das gar kein Ende? Erst Merkels großer Sieg, und jetzt auch noch mal die FDP? Das würde ich irgendwie nicht aushalten. Hoffentlich ist das nur eine Zeitungsente. Habe auch bei ARD und ZDF nichts davon gehört. Ich mache meine Sendung tapfer weiter.

 

 

22:32 Uhr: Die ruhige Musik macht mich noch müder, aber es kehrt so etwas wie bleierne Entspannung ein.

 

Kristina Schröder zieht sich zurück aus dem Ministeramt für mehr Zeit mit der Familie. Schön für sie, Häme hat sie zumindest dafür nicht verdient.

 

Anne Murrey singt im Hintergrund: „You needed me“, wie die CDU einst die FDP. Die ist draußen aus dem Bundestag, und das ist das eigentlich historische dieser Wahl. Aber seit einer Stunde wird über die absolute Mehrheit nichts mehr gesagt. Hat sich das nun erledigt? Wenn man selbst Radio macht, kommt man nicht dazu, Radio zu hören. Paradox aber wahr. Ich will nicht bis halb vier auf das Ergebnis warten müssen, aber ich muss wohl, erst dann kann ich was schreiben zum Wahlausgang für die morgige Zeitzone.

 

 

22:03 Uhr: Nach dem Abendessen bin ich ziemlich kaputt, aber endlich satt. Meine Sendung Candlelight beginnt. Es scheint, als würde die CDU es doch nicht mit der absoluten Mehrheit schaffen. Das wäre die zweite gute Nachricht heute.

 

 

20:55 Uhr: Warten auf das Essen, und ich hab eigentlich keine Zeit. Drüben hören sie die Elefantenrunde in unserer privaten Wahlparty. Ich geselle mich mal dazu.

 

 

20:34 Uhr: Die Sendung ist beendet. Es gab Pannen, aber es hat funktioniert. Jetzt werde ich etwas essen, und dann kommt die nächste Sendung ab 22 Uhr.

 

Absolute Mehrheit für die Union? Das wäre schrecklich. Aber die SPD ist trotz ihres leichten Zugewinns nur ein Wicht gegen Merkel, obwohl sie so inhaltsleer ist. Die Linken haben mich enttäuscht.

 

Ich bin schon jetzt müde. Dabei muss ich noch eine Sendung und dann einen Wahlkommentar. Und morgen Vormittag eine Literaturecke und die Zeitzone für Dienstag vorbereiten.

 

Gott sei dank ist die FDP wohl endgültig draußen, ein geschichtsträchtiges Ereignis.

 

Absolute Mehrheit für die Union gab es bislang nur zwischen 1957 und 1961. Mir graut. Aber vor lauter Arbeit bin ich noch nicht zum Grauen gekommen. Eine Freundin übernahm das und sagte: „Ich bin im Schockzustand.“ Dem kann ich nur zustimmen. Wie blöd müssen die Wähler eigentlich sein? Jetzt habe ich erst einmal Hunger.

 

 

20:15 Uhr: Jetzt bin ich doch mal vom Rechner gefallen, die ersten größeren Pannen ereignen sich. Mein Chef Eberhard in Berlin fiel auch vom Stream und Skype gab kurz auf. Bis jetzt lief es ansonsten richtig gut. Warten auf das Gespräch mit Franz-Josef Hanke. Mal sehen, ob der auch mich verstehen kann.

 

 

19:32 Uhr: Gespräch mit Mirien Carvalho Rodrigues geführt. Das war eine Zitterparty, ob Skype mit macht, aber es hat größtenteils funktioniert. Dabei konnte ich aber nicht nach den Hochrechnungen schauen. Jetzt endlich ein vorproduzierter Beitrag, mein Interview mit Hubert Hüppe, dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung. Jetzt kann ich nachlesen.

 

19:03 Uhr: Die CDU könnte eine absolute Mehrheit haben. Wahnsinn! Abe wenigstens ist die FDP raus.

 

18:50 Uhr: Schwieriges Arbeiten während der Wahlsendung. Merkel will mit dem Ergebnis verantwortungsvoll umgehen. Mal sehen, was das heißt. Bei der FDP sollen Köpfe rollen.

Ich bin nicht so aufgeregt, wie man denken könnte, macht spaß, auch wenn ich keine gute ARbeitsmöglichkeit habe.

 

18:30 Uhr: Mist. Bei der nächsten Hochrechnung ist der Ohrfunk nicht dabei, der Beitrag, der jetzt läuft, läuft 8 oder 9 Minuten. Ich bin größtenteils zufrieden, aber ich würde gern Twitter lesen, und Skype ist für meine Sprachausgabe zu laut. Über Skype bin ich mit Berlin verbunden.

 

18:20 Uhr: Mein Skype ist zu laut, ich kann keine Tweets lesen und bin davon abgeschnitten. Kleine Pannen gibt es immer. Ansonsten bin ich wenigstens zu hören.

 

 

18:03 Uhr: CDU 42, SPD 26, Grüne und Linke 8, FDP und AFD nicht drin. Hammer, fast absolute Mehrheit für Union bei den Sitzen. Aber das kommt noch. Warte auf meinen ersten Einsatz. Komme kaum zum Schreiben.

 

17:57 Uhr: Erster Beitrag läuft, ich bin noch nicht dabei.

 

17:53 Uhr: Wahlsendung beginnt, ich bin schrecklich aufgeregt. Die Leitung zu meinem Chef nach Berlin steht. Wir gehen um kurz nach 6 nach der ersten Prognose sofort in medias res.

 

 

17:30 Uhr: Gleich geht es los. Unsere Gäste sind da, und wir haben die ersten Debatten geführt über Bildungspolitik, über die Ängste der Wähler, die Politikverdrossenheit, darüber, dass Parteien viel lügen, schon, wenn sie beginnen. Interessante Standpunkte und kritische Begleitung der Wahl, aber es war nicht so platt, wie es sich hier in der Zusammenfassung anhört. Jetzt wird es für mich zeit, die technische Leitung nach Berlin zu prüfen, in 24 Minuten beginnt die Sendung. Schaltet ein: www.ohrfunk.de.

 

 

16 Uhr: Die Wahlbeteiligung liegt etwas höher als vor 4 Jahren bislang. Mal sehen, ob das am Ende auch noch so ist. Das allein wäre jedenfalls eine erfreuliche Entwicklung. Vielleicht sind doch viele Protestwähler dabei.

 

In den letzten 2 Stunden wollte ich es ruhiger angehen lassen, aber es funktionierte nicht. Mein Rechner hat gesponnen. Ein häufiges Phänomen in letzter Zeit. Er ist 11 Jahre alt. Ich muss mir einen neuen besorgen, aber das ist teuer, und die Umstellung kostet Zeit. Jedenfalls wollte er nicht so, wie ich das wollte. Ich fürchtete schon, er käme gar nicht mehr hoch, als ich ihn wegen Langsamkeit herunter fuhr, aber nach 30 Minuten war er wieder da. Hoffentlich hält er den Abend und die Nacht durch. So was passiert auch immer an wichtigen Tagen.

 

Wir warten auf Gäste, aber noch ist keiner da. Wenn sie zu spät kommen, haben sie von mir nichts mehr, weil ich dann im Studio sitze.

 

 

14 Uhr: Die Bild am Sonntag und Pro 7 veröffentlichen heute noch Umfragen. Auf Twitter bieten Abgeordnete aller Couleur heute noch Hilfe für unentschlossene Wähler an, damit man sie in letzter Sekunde noch wählt. In Marburg stellt eine große Partei ein Wahltaxi zur Verfügung, das Wählerinnen und Wähler zur Wahl bringt mit dem Hintergedanken, dass die Partei dadurch Stimmen erhält. Was für ein unwürdiges Schauspiel. Ich bin ja strikt dafür, dass die Veröffentlichung und eigentlich auch die Durchführung von Wahlumfragen in der letzten Woche vor der Wahl verboten werden, und Wahlkampf sollte es am Wahltag selbst auch nicht mehr geben. Und ich finde auch, dass sich der Wahlkampf auf die Inhalte und die sie vertretenden Personen konzentrieren sollte. Sachen wie das Wahltaxi sollten ebenfalls verboten sein. Das heißt: Man könnte so was einrichten, aber dann von Seiten aller Parteien gemeinsam, ohne *einer* den Vorzug zu geben. Ich finde das wirklich unwürdig!

 

Skype läuft, mein Rechner wird mir heute hoffentlich nicht mehr ausfallen, wie in den letzten Tagen oft. Ich bete zu dem Gott, an den ich nicht glaube und den wir Menschen uns gemacht haben, dass alles gut gehen möge. In solchen Situationen wünschte ich, es gäbe ihn doch und ich hätte ihm immer genug Stiere geopfert … oder so ähnlich.

 

 

13:26 Uhr: Auch in den Niederlanden wird über die deutsche Wahl berichtet. Dort, wie auch in einigen anderen Nachbarländern, glaubt man an einen Sieg Angela Merkels. Besonders fällt auf, dass ein drittel der Wählerinnen und Wähler immer noch nicht wissen, wen sie wählen werden. Das sind wirklich viele. Wer allerdings am Ende noch so unentschlossen ist, der wird vermutlich das Bewährte wählen. Die Wechselwähler, die selbstbewussten Wähler, die wissen das auch schon vorher, denke ich.

 

Die ersten Vorbereitungen für die Sendung heute Abend habe ich getroffen, mit Franz-Josef Hanke habe ich die Zeit ungefähr abgestimmt. Hört doch mal rein bei www.ohrfunk.de ab 17:55 Uhr bei unserer Wahlsendung. Musiksuche für Candlelight ist mein nächstes Thema. Danach werde ich noch mal etwas Ruhe rein bringen, die Nacht wird lang genug.

 

 

12:50 Uhr: Gerade hat der Spiegel einen Artikel mit möglichen Koalitionen herausgegeben. Eine große Koalition ist da als wahrscheinlich, eine weitere schwarz-gelbe Regierung als möglich genannt worden. Rot-Grün gilt genau so wie eine CDU-Grünen-Koalition als unwahrscheinlich. Eine Ampel mit Grünen, SPD und FDP, eine Koalition mit CDU, FDP und Grünen oder AFD, eine rot-rot-grüne Koalition sowie alle anderen möglichen Spielarten werden ausgeschlossen. So wird es wohl sein. Vermutlich gibt es eine große Koalition unter Angela Merkel. Trotzdem reden alle vom Wahlkrimi, um die Spannung ansteigen zu lassen. Ich glaube, ich werde mich mal um meine Technik kümmern, mein Skype muss laufen, ich muss ein Vorgespräch mit Franz-Josef Hanke führen, meine Candlelight-Sendung muss vorbereitet sein. Das Radio mischt sich so langsam in den Tag. Richten wir mal die persönliche Spannung aufs professionelle.

 

 

12:32 Uhr: Es scheint, als gäbe es eine recht hohe Wahlbeteiligung. Das an sich ist schon mal gut. Und außerdem haben wohl viele Leute per Brief gewählt. Vermutlich die, die heute in München auf dem Oktoberfest sind. Ich schaue schon mal, wer heute Abend auf Twitter schnell und gründlich Prognosen und Wahlergebnisse veröffentlicht. Der Bundeswahlleiter ist langsamer als ARD und ZDF, was das betrifft.

 

Noch herrscht hier Ruhe. Meine Liebste und ich sitzen an den Rechnern und befassen uns beide vermutlich mit der Wahl, aber geredet wird nicht, nur die Computertastaturen klappern.

 

Ich gebe mal eine persönliche Wahlprognose ab: Die Piraten schaffen den Einzug nicht, sie liegen bei rund 2 %. Die CDU/CSU kommt auf 39, die SPD auf 28, die FDP auf 5, die Grünen auf 9 und die Linke auf 8 %. Dann haben wir noch die AFD, die kommt auch auf knapp 5, schafft es aber so gerade nicht. Der Rest ist Kleinkram. Ich hoffe ja, dass ich mich irre, und ich hoffe, meine Wahlprognose entmutigt niemanden, aber das ist so das, was ich derzeit fühle.

 

 

12:08 Uhr: Wir haben jetzt in aller Ruhe gefrühstückt und uns über wahlfremde Themen unterhalten. Das muss heute auch sein bei einem Tag, der so lang wird. Ich werde das Liveblog der Zeit-Redaktion vermutlich auch verfolgen, und ich habe derzeit Schwierigkeiten mit den auf Twitter und Facebook falsch angegebenen Adressen dieses Artikels.

 

Eine Freundin meinte, ich sollte den Beitrag umstellen und immer das Neueste zuerst publizieren, wie eben ein Liveblog. Ich mache das mal, obwohl das normalerweise nicht meine Art ist, ich bleibe gern in der Chronologie der Ereignisse, und jetzt haben wir so eine Art umgekehrte Chronologie. Ich bin eben doch weniger ein Online-Journalist als vielmehr ein Geschichtsinteressierter.

 

Die letzten 68er werden jetzt den Bundestag verlassen, zumindest was die Bekannten angeht. Ausnahmen sind immer noch Wolfgang Schäuble und Christian Ströbele. Die nachwachsende Generation habe keine politische Vision, sagt der Deutschlandfunk heute in einer Sendung. Da ist, glaube ich, was dran. Wenn ich alte Bundestagsaufnahmen höre, in denen noch wirklich um Werte und Ideen gerungen wurde, kommt mir das heutzutage wie eine Juristenversammlung vor.

 

 

10:50 Uhr: Es war ein schöner Spaziergang am Sonntag Morgen zum Wahllokal im Gemeindehaus der Kirche in unserer Straße. Als wir eintraten, war das Wahllokal voll. So voll hatten wir es bei den letzten Wahlen nicht erlebt. Aber es wurde schnell klar, warum das so war: Ein ganzer Schwung von Leuten war gerade aus der Kirche gekommen. Während unserer Anwesenheit wurde es erheblich leerer. Wir haben dann zusammen 10 Stimmen abgegeben: Jeder eine für die Landratswahl und je 2 für Bundestag und Landtag. Es war eine gelöste Stimmung, und am Schluss läuteten die Kirchenglocken. Trotz all der Skandale, trotz dieser verkommenen politischen Klasse habe ich in diesem Jahr mit mehr Überzeugung gewählt als bei den letzten Wahlen, und zwar ohne dabei zum Protestwähler geworden zu sein. Das war ein gutes Gefühl.

 

Die Wahlhelfer wollten unbedingt unsere Schablonen sehen und schauen, wie sie funktionieren. Es hat sie fasziniert. Die Landtagsschablone war ein wahnsinns Monster, so viele Möglichkeiten hätten wir zur Wahl gehabt.

 

Jetzt sind wir wieder zurück und werden Frühstücken, bevor ich mich wieder an die Vorbereitung der Radiosendung heute Abend mache. Außerdem erwarten wir ab 4 Uhr Gäste, und nach der Wahlsendung kommt meine normale Sonntagssendung Candlelight, und nach der muss ich für die morgige Zeitzone noch einen Ergebniskommentar schreiben, einsprechen und schneiden. Vor 4 Uhr werde ich vermutlich nicht ins Bett kommen.

 

 

10:06 Uhr: Ich habe gerade ein Tagesschauinterview mit dem Bundeswahlleiter gelesen. Interessant, mal zu erfahren, wie sein Wahltag aussieht. Jetzt aber gehen wir wählen.

 

 

09:27 Uhr: Meine Liebste und ich fragten uns gerade, wer wohl heute von unseren Freunden alles wählen gehen wird. . Hoffentlich so viele wie möglich. Aber einer ist darunter, der wurde vom Wahlomaten an die NPD verwiesen, was ihn und uns schockte. Ein verbitterter Mann, den die Politik schon fast zum Feind der Demokratie gemacht hat. Mich verstört das zutiefst, weil dieser Mensch ein so guter Freund von mir ist. Ich habe seine zunehmende Verbitterung gespürt, konnte aber nichts dagegen tun. Ängste und Wut bestimmen sein Leben, auch wenn er selbst von den meisten Dingen gar nicht betroffen ist. Das erinnert mich daran, dass in den Niederlanden viele Menschen Geert Wilders gewählt haben, den Rechtspopulisten, gerade in Gebieten, in denen es wenige Ausländer gab. Aus Angst vermutlich, die sogenannte Ausländerschwemme werde sie eines Tages ereilen. Mit diesen dumpfen Ängsten spielt auch die NPD und die AFD.

 

Außerdem hat mir meine Liebste von einer Busfahrt berichtet, bei der ein Herr sie unbedingt davon überzeugen wollte, nicht links zu wählen. Rot sei Stillstand, sagte er, das könne man schon an der roten Ampel sehen. – Meine Liebste hatte aber die richtige Antwort parat: Lieber ein wenig Nachdenken, als mit Volldampf in die falsche Richtung brettern.

 

Wir werden jetzt auch mal langsam wählen gehen, und das noch vor dem Frühstück!

 

 

 

09:02 Uhr: Der Beitrag auf dem Blog ist geschaltet, der Computer begleitet mich mit ewig lautem Rauschen. Jetzt wird es Zeit, offiziell aufzustehen. In den letzten 22 Minuten kamen auf Twitter fast 500 Nachrichten mit dem Tag #btw13 an. Die werde ich natürlich nicht alle lesen. Meine Filter muss ich mir noch aussuchen. Irgendeine Nachrichtenagentur oder so, ich weiß es noch nicht. Aber heute Abend muss ich es wissen. Ich bin aufgeregt wegen unserer Wahlsendung. Selten habe ich eine so aktuelle Sendung mit moderiert. Hoffentlich klappt alles. Auch der Ohrfunk kann aktuell sein, das will ich beweisen.

 

 

Sonntag, 22. September 2013, 08:21 Uhr: Ich bin noch müde, aber geistig bin ich hell wach. Es ist Wahltag, und wie bei den letzten beiden Bundestagswahlen auch begleite ich diesen Tag auf meinem Blog. Noch weiß ich nicht, wie das Wetter ist, noch habe ich kein Radio eingeschaltet, noch habe ich auf Twitter keinen Filter eingerichtet, mit dem ich den Hash-Tag #btw13 verfolgen werde. Noch bin ich nicht der Radiojournalist, sondern der einfache Mensch, der sich für Politik interessiert, und für den heute trotz allem ein besonderer Tag ist.

 

Trotz allem! Trotz Spähskandal und Sanktionspraxis, trotz mangelhafter Behindertenpolitik, trotz der ganz großen Koalition der etablierten Parteien.

 

Ich weiß noch, wie das früher war. In den achtziger und neunziger Jahren habe ich auf einen Politikwechsel gehofft, da habe ich begeistert die Wahlsendungen und die Umfragen verfolgt. Ich hatte wirklich das Gefühl, Teil des Souveräns zu sein. Seit mich Gerhard Schröder und seine SPD so maßlos enttäuschten, seit sie mich vom mündigen und würdigen Bürger zum Hartzer machten, zum „Fall“, der gefordert wird, sanktioniert, bespitzelt und mit Misstrauen beäugt, habe ich die Begeisterung für die Politik verloren. Oder vielleicht ist das nicht ganz richtig, ich habe das Vertrauen in die Politik nach und nach verloren, habe sie mit nüchternen Augen zu betrachten gelernt.

 

Trotzdem: Der Wahltag ist und bleibt etwas Besonderes. Nicht, weil ich die Macht spüre, etwas verändern zu können. Das ist vorbei, gerade in den letzten Jahren hat sich das gelegt, nur eine Massenbewegung könnte etwas verändern, die mit den etablierten Parteien nichts zu tun hat und doch demokratisch, sozial und rechtsstaatlich ist. Nein: Ich betrachte den Wahltag als den Tag, an dem ich deutlich machen kann, dass ich an der Demokratie festhalten will. Heute ist der Tag, den Politikern zu zeigen, dass wir trotz allem die Institution „Demokratie“ wollen und hoch halten. Deshalb gehe ich wählen, und deshalb sitze ich hier und schreibe, noch bevor ich den ersten Bissen gegessen und den ersten Schluck Kaffee getrunken habe. Deshalb beobachte ich die Menschen und die Netzwerke, deshalb mache ich auch heute Radio…

 

… und singe ein fröhlich Liedchen dabei!!!

 

Das solltet ihr auch tun! Geht wählen!

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