Aus meinem Privatblog: Sie tut, was sie am besten kann: Sie schreibt!

Gestern Abend hat meine Liebste endlich ihr eigenes Blog gestartet. Sie nennt es Wespennestwärme, und von beidem soll etwas drin sein, vom auch mal aufmüpfig kratzend-stechenden Wespennest, und von der Wärme, die ein Nest eben zu bieten hat. Zwei Artikel hat sie schon veröffentlicht, und ich hoffe, sie bleibt dabei. Denn seit ich sie kenne, und das sind fast 30 Jahre, schreibt sie gern und gut.

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Dauerbrennerthemen: Eine erstaunliche Beobachtung

Es heißt immer, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Kein Thema kann so lange im Fokus der Aufmerksamkeit bleiben, dass man es richtig durchdenken und Veränderungen herbeiführen kann. Aber das stimmt gar nicht, fällt mir immer wieder auf.

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Mal was zum Wetter: Endlich mal wieder richtig Sommer

Auf Twitter beschweren sie sich, es wäre zu heiß. Sicher: In der letzten Nacht hab ich schlecht geschlafen, und über Tag weiß ich manchmal nicht, wohin mit mir. Aber das war auch schon mal früher so, und da nannte man das Hochsommer und motzte deswegen nicht die ganze Republik zusammen.

Gestern war es richtig heiß in Marburg. Aber so gegen viertel vor sechs musste ich aus dem Haus zum Niederländisch-Stammtisch und schließlich noch zum Stammtisch unserer Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbundes. Und als ich aus dem Haus trat überfiel mich der Sommer mit wohltuender Wärme. Klar wurde mir später heiß, aber erst mal wurde mir warm ums Herz. So mag ich Sommer, die Menschen sind gleich ganz anders drauf. Während ich auf Twitter und Facebook viele Beschwerden über das Wetter las, waren die Menschen, denen ich begegnete, fröhlich und freundlich. Das hat großen Spaß gemacht.

Man wird ja älter, auch ich leider, und ich vertrage heiße Tage nicht mehr so gut wie früher, aber spät abends, noch nach Mitternacht, saßen wir bei herrlichen Temperaturen auf unserem Balkon und tranken ein Gläschen Wein. Wie gern hätte ich in unserem alten Ferienhäuschen in den Niederlanden gesessen und dem Nachtgetier gelauscht, aber unser Balkon ist ein wenn auch nicht ganz vollwertiger, so doch ein würdiger Ersatz. Mit einem humorvollen Hörspiel der Serie „Professor van Dusen“ bewaffnet, ein Glas Wein auf dem Tisch, so konnten wir diese herrliche Sommernacht genießen, meine Liebste und ich.

Natürlich war es später nicht einfach, einzuschlafen, aber diese stille, intensiv duftende, schwere und doch leichte, fröhliche und sinnliche Sommernacht, dieses schöne Erlebnis, kann mir jedenfalls keiner mehr nehmen.

Ich wünsche euch viel Freude mit dem Wetter, dem Sommer und, wenn vorhanden, der freien Zeit, um ihn auch richtig zu genießen.

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Haltet ein! Wehret den Anfängen!

Alle Welt redet über Griechenland und die Krise in Europa, und das ist auch richtig und notwendig. Doch ich, ich rede über Freital.

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Offener Brief einer engagierten Bürgerin gegen das Küken-Schreddern

Ein kluger Mann hat einmal gesagt, den zivilisatorischen Fortschritt einer Nation könne man an ihrem Umgang mit den Tieren ablesen. Dann muss es um Deutschland schlecht bestellt sein. Im März 2015 musste die Bundesregierung eingestehen, dass jährlich rund 45 Millionen männliche Hühnerküken nach ihrer Geburt geschreddert und vergast werden, weil sie für die Landwirtschaft unbrauchbar sind. Zunächst zeigte sich
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt entsetzt und kündigte einen Aktionsplan an. Im Mai berichtete der Spiegel, der Minister sehe derzeit keinen Handlungsbedarf, in den nächsten anderthalb Jahren werde es voraussichtlich eine Möglichkeit geben, das Geschlecht der Küken schon im Ei zu erkennen. Nach Aussage der Grünen gibt es aber diese Möglichkeit bereits, sie sei den Landwirten lediglich zu teuer. Die zynische Antwort der Regierung auf eine kleine Anfrage der Grünen erboste meine Liebste, Bianca Bertrams, so sehr, dass sie einen Brief an den Landwirtschaftsminister schrieb. 4 Wochen lang wartete sie auf eine Antwort, doch ihre ernste Besorgnis, ihre Wut und ihr Engagement waren dem Vertreter der Regierung nicht einmal eine formalisierte Antwort wert. Darum veröffentliche ich den vollen Wortlaut dieses Briefes jetzt auf meinem Blog, da meine Liebste selbst derzeit noch nicht bloggt. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen durch diesen Brief aufgerüttelt werden.

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Die Musikplatte ist abgekabelt

So langsam klingt der Tag aus. In den letzten zwei Wochen haben wir viel gearbeitet. 6 Hörspielsendungen, ein Schwerpunkt, jede Woche 1 Candlelight-Sendung, 2 Zeitzonen, jeweils 2 aktuelle Berichte, eine Klangfarbensendung, drei historische Beiträge, 2 Literaturecken, und nebenbei der Anfang einer Arbeit zum Relaunch der Ohrfunkseite. Meine Liebste musste auch für den Blindenbund arbeiten, deren Vorsitzende sie in Marburg ist. Jetzt aber ist alles wesentliche einigermaßen erledigt, und ich könnte mich einfach mal hinsetzen und ein wenig Musik hören, aber meine Festplatte mit der Musik ist abgekabelt. Und obwohl das bedeutet, dass ich jetzt keine Musik höre, freut mich das ungemein.

Morgen werde ich früh aufstehen müssen. Die Zeitzone werde ich heute abend noch produzieren, obwohl ich das sonst immer morgens um 6 mache. Aber morgen werde ich um diese Zeit schon damit beschäftigt sein, einen Kaffee zu trinken, den Müll rauszutragen, noch mal zu spülen oder abzutrocknen, zu schauen, ob alle Fenster geschlossen sind, die letzten Dinge einzupacken. Darunter ist dann auch die Musikplatte, die ich heute abgekabelt habe. Denn morgen werde ich für 4 Wochen die Stadt und das Land verlassen. Endlich ist es wieder so weit: Wir fahren in die Niederlande, wo ich seit 33 Jahren mein zweites Zuhause habe, wo ein Teil meines Herzens für immer zurückgeblieben ist. Das Wetter soll in den nächsten Tagen ja gar nicht gut sein, uns wird es nicht kümmern. Es werden auch schöne Tage kommen, und wir werden sie genießen. Es ist neben dem Jahresfest unseres Freundeskreises der absolute Höhepunkt des Jahres für mich. Es ist eine „sentimental journey home“, eine Heimkehr an einen Ort, wo der Alltagsstress meistens nicht existiert. Von welchem Ort, an dem man mal die Hälfte seines Lebens verbracht hat, kann man das schon sagen?

Mitten im Hochwald, nahe eines Wassersportnaherholungsgebietes, inmitten der vogelreichsten Region West- und Mitteleuropas, liegt unser Urlaubsort Heelderpeel. Das Wort „Urlaubsort“ kommt mir nur schwer über die Lippen, weil es sich für mich eben eigentlich nach Heimat anhört, auch wenn ich nur noch wenige Wochen im Jahr dort verbringe. Aber um diese Wochen zu ermöglichen bin ich bereit, auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten, damit ich mir das auch finanziell leisten kann. Es ist die reinste Erholung und wohltuende Stille, die ich mir wünschen kann.

Bis ins Jahr 1999 haben wir eigentlich immer den ganzen Sommer dort verbracht. Noch heute fühle ich die Sonne auf meiner Haut, rieche den Duft des Waldes, der anders ist als der Duft des Feldes, den wir riechen, wenn wir nur ein paar hundert Meter ins Umland spazieren. Ich höre die Nachbarn noch Hämmern und Sägen, wenn an ihren kleinen Ferienhäuschen etwas ausgebessert werden muss. Das Radio bringt Popmusik, Nachrichten und Werbung, im See hinterm Haus planschen die Enten und Kinder, und sie jauchzen und lachen. Morgens begann damals der Tag mit fernem Hahnenschrei und dem Jubilieren unendlich vieler Vögel, und das werde ich ab übermorgen wieder erleben. Damals hatten wir dort selbst ein Haus, das meine Eltern gebaut hatten, aber wir mussten es 2006 abreißen lassen, nach 24 Jahren, weil es kaputt war und niemand mehr lebte, der es kostengünstig reparieren konnte. Doch wir können uns nicht trennen und fahren jedes Jahr hin, um dort Urlaub zu machen, wo wir früher jede, absolut jede freie Minute verbrachten. Das Schöne daran ist, dass wir auf der einen Seite nach hause kommen, die vertrauten Dinge wieder erleben, uns darüber freuen, dass auch in diesem Jahr an unserem gemieteten Häuschen, wir mieten immer dasselbe Häuschen, noch ein Spatzennest zu finden ist, dass wir aber andererseits den Urlaub als Urlaub genießen und völlig ohne Alltagssorgen die Zeit verbringen können. Wir können mit Nachbarn plaudern, die wir seit Jahren kennen, wir können ins Restaurant gehen, das neu eröffnet und sich damit verändert hat, wir können die Schönheit des Ortes bestaunen und als völlig
selbstverständlich zugleich erleben.

Morgens werden wir mit den Vögeln aufwachen, ihnen lauschen und uns wieder herumdrehen, wenn wir wollen. Dann werden wir in aller Ruhe frühstücken, und das kleine, dünnwandige Haus wird den Wind und den Regen abhalten, den Schall, die Rufe, das Vogelgezwitscher, den Klang des Oldtimers, der zweimal am Tag vorbei tuckert, aber durchlassen. Wir werden Musik, Bücher und Filme konsumieren, die wir übers Jahr haben liegen lassen, aber wir werden auch viel durch Wald und Feld spazieren, Menschen begegnen, die wir seit 30 Jahren kennen, die ganz normale Dinge erzählen, als wären wir nie weg gewesen.

Und wir werden abends am See sitzen, wo die Frösche ihr Konzert anstimmen, werden uns verzaubern lassen von ihrem alles füllenden gequake, werden bei einem Glas Wein die Herrschaft der Natur genießen.

Ein Computer? Ja, inzwischen reisen wir mit einem Laptop. Früher hatten wir weder Computer noch Telefon dort. Wenn wir anrufen wollten, standen wir manchmal eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, bis sie frei war. Damals hat mich das genervt, heute empfinde ich eine wundervolle Nostalgie bei dieser Erinnerung. Also: Ja, wir haben einen Computer, und Freunde von uns lassen uns sogar über ihr WLan ins Internet. Aber das brauchen wir vor allem, um Radio zu hören, und ich werde in diesen Wochen über Mail nicht erreichbar sein. Und ja: Seit es die Telefonzelle nicht mehr gibt, haben wir für den Notfall auch ein Handy, doch es gibt höchstens vier Menschen, die unsere Nummer haben, und sie wissen, dass sie uns nur im Notfall anrufen sollen. Der Alltag ist verbannt.

Morgen gegen 8 Uhr kommt ein Freund von uns. Wir werden unser Gepäck in sein Auto laden, und dann wird es endlich so weit sein. Ich fühle schon, wie der Stress von mir abfällt, auch wenn ich gleich noch eine Sendung produzieren muss. Schon morgen abend könnten wir über den Campingplatz gehen, die kleinen Grillfeuer riechen, Menschen dabei zuhören, wie sie spielen, plaudern und lachen, durch Wald und Feld streifen und das Leben genießen. Und darauf freue ich mich schon jetzt.

Die Musikplatte ist abgekabelt. Wir haben eine riesige Menge an Lebensmitteln eingekauft, weil wir ja kein Auto haben und der nächste Supermarkt rund 6 Kilometer entfernt ist. Alles Andere ist bereits verpackt. Für 4 Wochen wird das marburger Ohrfunkstudio schweigen, aber den Hörern wird es nur begrenzt auffallen, einiges haben wir ja für unsere Urlaubszeit vorproduziert. Alles ist getan, der Urlaub kann beginnen.

Ich wünsche Ihnen und euch eine tolle Zeit, bis wir uns wieder lesen!



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Ehe für alle: Schafft die verbotene Liebe ab!

Liebe ist die stärkste Empfindung die ein Mensch einem anderen Menschen gegenüber zu fühlen in der Lage ist, und sie ist unabhängig davon, welchem Geschlecht, welchem Volk, welcher Religion oder welcher Überzeugung die Partner angehören oder anhängen. Die Liebe steht über jeder Ideologie, und die katholischen Iren haben das verstanden. Herzlichen Glückwunsch.

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Heute ist Pfingsten: Wo bleibt der Geist? | KraftPosts

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, ein absolut lesenswerter, satirischer und doch ernster und wahrer Beitrag.

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Endlich: In Marburg gibt es einen Niederländischstammtisch, und ich bin irgendwie dabei

Dass ich die Niederlande als meine zweite Heimat betrachte, hat ja nun jeder hier schon mehrfach gelesen. Dumm war in den letzten Jahren nur, dass ich kaum die Gelegenheit hatte, niederländisch zu sprechen, sodass meine Vokabeln ziemlich einrosteten. Es gab nur zwei Gelegenheiten, dieser Sprache zu fröhnen: Einmal während meines jährlichen Urlaubs dort, und einmal mit meinem Freund und Radiokollegen Markus, der aber selbst auch deutscher ist. Wenn wir miteinander quatschen, wechseln wir oft innerhalb eines Gespräches mehrfach die Sprache, ganz spielerisch und nicht, weil uns eine Vokabel fehlt oder so. Trotzdem ist es etwas anderes, mit einem Muttersprachler oder einer Muttersprachlerin zu sprechen.

Und dann war da diese Mittwochsrunde im November 2014. Unser Gastgeber Franz-Josef Hanke stellte uns seine Praktikantin Vor. Diese junge Frau, so stellte sich heraus, hatte in den Niederlanden ein Jahr verbracht und sprach niederländisch. Und als ob das nicht genug wäre erzählte sie mir, sie habe mit einigen anderen Studentinnen einen Niederländischstammtisch in Marburg gegründet. Immer wieder seien auch Studenten und Studentinnen aus den Niederlanden dabei, die in Marburg deutsch studierten, oder zumindest ein oder zwei Semester hier verbrachten. Ich war baff und erfreut, aber leider dauerte es noch bis Anfang 2015, bis ich zum ersten mal an diesem Niederländischstammtisch teilnehmen konnte.

Jeden Donnerstag um 20 Uhr treffen wir uns im Caveau, einer kleinen Kneipe in der marburger Oberstadt, wo man uns einen Platz reserviert. Offenbar haben sie dort Erfahrung mit Sprachstammtischen, es gibt ein französisches Pendant zu unserer Veranstaltung. Dort sitzen wir dann in froher Rund und plaudern fröhlich auf niederländisch vor uns hin.

So hatte ich mir das zumindest vorgestellt, aber ganz so einfach ist es nicht. Es geht schon mit den Problemen los, die ich immer mit einer Gruppe sehender Menschen habe: Ich kann keinen Blickkontakt aufnehmen, kann mich nicht mit den Augen in ein Gespräch einschalten. Außerdem bin ich natürlich erst einmal für alle der Blinde, ohne dass sie das böse meinen. Wenn ich erzähle, dass ich Journalist bin, ist das etwas Besonderes, nicht etwas normales. Ich muss auch etwas klamm und schwerfällig wirken: Bis heute bin ich froh, wenn wir uns an einem Ort treffen, den wir alle kennen, und gemeinsam zum Caveau gehen, denn obwohl ich den Weg im Groben inzwischen kenne, komme ich bislang noch nicht allein dorthin. Das verstärkt sicher den Eindruck meiner Hilflosigkeit. Dabei müsste ich mir nur einfach mal einen Nachmittag Zeit nehmen und den Weg allein und langsam gehen, bis ich mir Anhaltspunkte erarbeitet habe. Und dann sitze ich zwischen den Anderen um einen mehr oder minder gemütlichen Kneipentisch. Ich habe schon oft mit einigen Leuten zusammengesessen, die niederländisch sprachen, und ich habe mich am Gespräch beteiligt. Aber mir ist ein gravierender Unterschied aufgefallen: Es gab so gut wie keine Nebengeräusche. Das ist in der Kneipe anders, und hier macht sich mein teilweise schlechteres Gehör bemerkbar. In der Muttersprache ist es leichter auszugleichen, als in einer fremden, oder sagen wir, anderen Sprache, selbst wenn man sie recht gut kennt. Einige achten schon darauf und sprechen mich zwischendurch an, aber der normale, frisch-fröhliche Austausch, den ich mir erhoffte, findet bislang nur statt, wenn ich mit einer oder zwei Personen allein spreche. Ich habe mir schon überlegt, die ganze Runde mal zum Kaffee einzuladen. In ruhiger, zwangloser Atmosphäre wäre es sicher einfacher.

Es gab Zeiten, da hätte ich wegen solcher Schwierigkeiten das Handtuch geworfen und wäre nicht mehr hingegangen. Davon bin ich heute weit entfernt, zumal ich ja durchaus merke, dass sie auf mich Rücksicht nehmen wollen. Manchmal ärgert es mich nur maßlos, dass das überhaupt notwendig ist.

Zwei, manchmal drei, Stunden sitzen wir in netter Runde zusammen. Die meisten TeilnehmerInnen sind StudentInnen, und sie berichten von ihrem Uni-Alltag, von ihren Reisen, von ihren Sprachen, die sie mögen und sprechen. Es ist ein schönes Klima. Ich bin bei weitem der Älteste in der Runde. Wenn ich sie nach niederländischen Liedermachern wie Robert Long, Frank Boeijen und Rob de Nijs frage, haben sie diese Namen „… vielleicht …“ schon mal gehört. Damals, zu meiner Zeit, als ich in den Niederlanden fast die Hälfte des Jahres verbrachte, waren das große Namen. Einige können aber mit moderneren Gruppen wie BLØF etwas anfangen. Wenn ich über damalige Politiker rede oder über bekannte Radioleute wie Frits Spits, könnten sie auch aus einem fremden Land stammen, denke ich manchmal. Die Niederlande von heute, und das ist auch spannend, sind nicht unbedingt mehr die Niederlande, die ich kannte. Wenn ich dort bin, spreche ich meist mit älteren Menschen, das hat sich so ergeben. Die Truppe in meinem Stammtisch ist jung und lebt hier und heute, und längst nicht nur in ihrer Heimat.

Es gefällt mir gut, dass wir uns den ganzen Abend über in niederländischer sprache unterhalten. Alle versuchen wir, was wir zu sagen haben in niederländisch zu sagen, weichen eigentlich nie auf das deutsche aus. Manchmal müssen dann Dinge umschrieben werden, wir helfen uns gegenseitig mit Worten aus. Dabei merke ich dann oft, dass ich immer noch viele Vokabeln und ihre Übersetzung kann, vor allem, dass diese Übersetzung die aus der Lebenswirklichkeit ist, nicht die aus dem Wörterbuch. Einmal war ein Niederländischdozent bei uns. Nachdem ich mich einige Minuten mit ihm unterhielt, meinte er: „Du verwendest das Füllwort „nou“ (so was wie „nun“ oder „naja“) intuitiv vollkommen richtig, du sprichst die Sprache, ohne dabei nachdenken zu müssen.“ Ein schönes Kompliment, wenn es auch nicht ganz zutrifft, ich muss immer mal wieder nach Vokabeln suchen.

Mir gefällt unser Donnerstagsstammtisch, ich wünschte nur, ich könnte alle besser verstehen und mich mehr einbringen, nicht vor allem der sein, den man mitnehmen und zum Bus bringen muss, und den man direkt ansprechen muss, wenn man was von ihm will. Ich bin einer von mehreren, die sich zu diesem Stammtisch treffen. Irgendetwas verbindet uns alle mit dem Land oder der Sprache, die wir da gemeinsam sprechen. So eine Konversationsgruppe böte auch Gelegenheit, uns gegenseitig unseren Alltag nahezubringen, und zwar auf niederländisch. Aber während viele der Anderen einen Teil des Uni-Alltags teilen, falle ich da völlig raus. Sicher: Ich habe schon mal vom Ohrfunk erzählt, oder dass ich ein politisches Blog betreibe, aber in der netten, aber lauten Atmosphäre fällt es mir häufiger schwer, richtig in ein Gespräch zu kommen. Dabei hätte ich einige Fragen: Wie empfinden sie Deutschland im Gegensatz zu den Niederlanden heute, warum wollen sie gerade hier her? Können sie eigentlich mit dem modernen Königtum in ihrer Heimat etwas anfangen, oder freuen sie sich nur über ein Volksfest am Königstag? Mich interessieren auch so fragen wie die Meinung meiner
GesprächspartnerInnen zur Sterbehilfe in den Niederlanden, zum Neoliberalismus, der dort auch stark ausgeprägt ist, seit die Regierung von den Liberalen geführt wird, zum modernen Europa und zur Frage des Rechtspopulismus. Oder: Warum besetzen in Amsterdam StudentInnen ihre Uni? Was geschieht da gerade? Alles Fragen, die ich interessant finde. – Nun: Es gibt ja noch viele Donnerstage, und vielleicht lade ich sie ja doch einfach mal zum Kaffee ein. Es liegt auch und vor allem an mir, mich mehr einzubringen, denn normalerweise bin ich nicht dafür bekannt, besonders still zu sein. Schön finde ich jedenfalls, dass es diesen Stammtisch gibt. Es ist ein kleiner Urlaub in der Woche.

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Betrachtungen nach der Bürgerschaftswahl in Bremen

Medien und Politik gebärden sich nach der Bürgerschaftswahl in Bremen wie in einem Tollhaus. Es sei, so liest und hört man allenthalben, ein erschreckend deutliches Signal von Bremen ausgegangen, vor allem durch die niedrige Wahlbeteiligung. Ich selbst habe das Gefühl, wir steuern auf amerikanische Verhältnisse zu.

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