Hart am Rande des Verfassungsbogens oder: Ich bin ein Linksradikaler, und das ist auch gut so

Ich bin linksradikal, und das ist auch gut so. – Für viele von Ihnen, die Sie in den letzten Jahren meine Texte gelesen und meine Rundfunkbeiträge gehört haben, könnte dieser Text hier schon zu Ende sein. Ja, Stimmt, werden Sie sagen und denken, dass dies aber ein kurzes Statement gewesen sei.

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Schlage nie! nie!! nie wieder!!! eine Zeitung auf!!!

Inzwischen ist geschehen, was ich niemals für möglich gehalten hätte: Ich habe keine Lust mehr, Nachrichten zu lesen. Jahre und Jahre habe ich mir gewünscht, wo und wann ich will umfassend informiert zu werden, und das Internet erfüllte mir diesen Wunsch. Aber jetzt vergeht mir die Freude daran.

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Hat der ukrainische Waffenstillstand eine Chance?

Den folgenden Beitrag habe ich bereits am 18. Februar für den Ohrfunk geschrieben; Leider vergaß ich, ihn auf diesem Blog zu veröffentlichen, was ich aus Dokumentationsgründen hiermit nachhole.

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Ende eines langen Jahres

Ich sitze hier und genieße die letzten zwei Stunden meines Geburtstages. Im Rheinland ist Altweiberfastnacht, und ich warte auf morgen. Denn morgen ist der Anfang vom Ende meines Jahres.

Mein Jahr 2014 hat 420 Tage, und es endet am 15. Februar 2015 vermutlich so gegen 18 Uhr. Das kommt euch seltsam vor? Nun ja: Von eurem Standpunkt aus kann ich es verstehen, und auch für mich ist es nicht völlig normal. Normalerweise haben meine Jahre ungefähr so viele Tage wie eure Jahre, aber manchmal kommt eben etwas dazwischen.

Seit fast 30 Jahren haben meine engsten Freunde und ich eine gemeinsame Hitparade. Ein interessantes Hobby, man lernt viel Musik aus allen Teilen der Welt kennen. Woche für Woche gibt jeder von uns, wir sind 8 oder 9 Leute, eine persönliche Top 10 ab, und daraus errechnet ein Computerprogramm, das einer unserer Freunde geschrieben hat, eine gesamtliste. Normalerweise treffen wir uns immer am dritten Advent zur Jahresauswertung und zum gemeinsamen Jahresausklang. Das dreißigste Jahresfest war also für Mitte Dezember 2014 geplant. Doch zwei Freunde von uns, die in Hamburg leben, erwarteten ein Kind, das dann einen Tag vor dem vierten Advent geboren wurde. Deshalb entschieden wir uns, das Jahresfest 2014 auf Mitte Februar 2015 zu verlegen. Aber für diesen verschworenen Kreis enger Freunde ist das Jahr nicht zu Ende, wenn das Jahresfest noch nicht stattgefunden hat. Deshalb ist mein Jahr diesmal länger. Für uns ist dieses Treffen der Höhepunkt des Jahres, an dem wir uns von unseren wichtigsten Erlebnissen berichten, miteinander trauern und genießen, miteinander weinen und lachen.

Schon früh beginnt die Planungsphase, wenn irgendjemand die Ausrichtung übernimmt. Wir legen fest, wo das Fest stattfindet, über eine gemeinsame Kasse werden dann die Einkäufe getätigt, denn 8 Leute wollen drei Tage lang versorgt werden, ein Hund ebenfalls, und man muss ja auch, wie jetzt in Hamburg, irgendwie hin und zurück kommen und übernachten. In unserer Mailingliste häufen sich die organisatorischen Mails, kleine Andeutungen über die Jahreshitparade gehen hin und her und machen neugierig. Was dann an diesen drei Tagen geschieht, habe ich in meinem Hauptblog vor 4 Jahren einmal so beschrieben:

„Am Freitag vor dem Fest stehen die Räder in unseren normalen Leben plötzlich still. Wer von uns in einem festen Arbeitsverhältnis lebt, hat sich längst für diesen Tag und den folgenden Montag Urlaub genommen, meistens jedenfalls. Gegen Abend versammeln wir uns endlich bei kleinen Knabbereien, um uns in aller Ruhe zu begrüßen und erste Erlebnisse auszutauschen. Im Hintergrund läuft Musik, die es nicht unter die Top 25 unserer Jahresliste geschafft hat. Bei dieser Gelegenheit setze ich die Bowle an: Pfirsiche, Zucker, Weinbrand, Spätlese. Am nächsten Tag wird sie aufgefüllt und vollendet werden. Aus Hamburg, Wuppertal und Marburg kommen wir zusammen, um unser persönliches Jahr gemeinsam zu beschließen.

Was dann an den kommenden zwei Tagen geschieht, beschreiben wir immer als „Weihnachten und Silvester an einem Tag“. Und so ist es auch. Am Samstagmorgen treffen wir uns schon früh, Um 9 Uhr erklingt das Lied „Arrival“ von ABBA, und danach die Toccata von Sky. Damit beginnt offiziell unsere Jahreshitparade. An diesem ersten Tag spielen wir die Plätze 25 bis 11, und jede und jeder hat die Gelegenheit, von den ersten drei Quartalen des Jahres zu erzählen. Da werden fröhliche Erinnerungen ausgetauscht, da wird auch hin und wieder über Trauriges geweint, man unterhält sich über kleine lustige Anekdoten, ebenso wie über große bedeutende Ereignisse. Zwischendrin machen einige einen Spaziergang mit dem Hund, Andere kümmern sich ums Essen, ich vervollständige die Bowle. Später erklingen Lieder, mal laut und schmetternd, mal leise und eindringlich, immer mit eigener Stimme gesungen. Manchmal haben sie etwas mit Weihnachten zu tun, manchmal aber auch nicht. Ein Lied wie „Süßer die Glocken nie klingen“ kann auch für Nichtchristen eine erhebende Erfahrung sein, wenn es in feierlicher Stimmung von einem kleinen, fürs Leben verschworenen Kreis lieber Menschen gesungen wird.

Meist endet der Hitparadenteil des Tages mit dem Lied „Martins ganz einsame Weihnachten“ von Dieter Krebs. Dann essen wir und trinken die Bowle, die ich gemacht habe. Der späte Hundespaziergang beendet den ersten Tag.

Und der zweite ist ganz ähnlich: Er beginnt oft mit „There’s a River“ von Steve Winwood, aber die Ausrichter können sich das natürlich aussuchen. Wieder spricht man über den Rest des Jahres, hält eine Gesamtrückschau ab, unterhält sich, teilt Freud und Leid und genießt die Top 10 des jahres. Was wohl in diesem Jahr unser großer Hit sein wird? Das Schöne an dieser Hitparade ist, dass Jeder alles wählen kann. Da findet man Klassik neben Hardrock, Schlager der siebziger und achtziger Jahre neben Musik aus Brasilien, Spanien, Afrika, den Niederlanden und vielen anderen Ländern. Diese musikalische Vielfalt gefällt uns an unserer eigenen Hitparade, denn wir öffnen uns gegenseitig Türen zu vielseitiger Musik, und in so manchem Fall dadurch auch zu anderen Kulturen und Lebensweisen.

Und mit einem Mal ist es geschehen. Der Platz 2 ist gespielt, wir haben das Jahr in Kurzform noch einmal durchlebt. Mit unserer tätigen Mithilfe haben die Ausrichter das Essen auf den Tisch gebracht, nachher den Abwasch erledigt und für gute Stimmung gesorgt. Dann beginnt der von uns so genannte „traditionelle Teil“ des Jahresfestes. Er ist immer gleich: Zuerst ertönt ein Teil der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, währenddessen gibt der Ausrichter den Jahressieger der Hitparade bekannt. Manchmal kann man ihn erraten, wenn man die Wochenlisten einigermaßen verfolgt hat. Aber es gibt eigentlich jedes Jahr Leute, die keine Ahnung haben, welches Lied es denn sein wird, und für die es eine Überraschung ist. Nach der Verkündung wird das Lied gespielt. Und während es erklingt stellen die Ausrichter auf dem Tisch, um den wir sitzen, die mit Likör gefüllten Gläser bereit. Sobald unser Platz 1 verklungen ist, wird das Lied „Happy new year“ von ABBA gespielt, und wir erheben uns, stoßen miteinander an und begrüßen das neue Jahr.

Ja, für uns beginnt in diesem Moment das neue Jahr. Weihnachten und Silvester waren in diesen zwei Tagen, und wenn wir vom 25. Dezember oder vom 31. Dezember sprechen, nennen wir es oft das „Kalenderweihnachten“ oder das „Kalendersilvester“. Ich für meinen Teil muss manchmal aufpassen, in Gesprächen mit anderen Menschen nicht zu behaupten, das neue Jahr habe schon angefangen. Das hat nichtts mit einem Spleen zu tun. Sondern das geschieht, weil ich die inttensive Erfahrung, die man mit Weihnachten und dem Jahreswechsel verbindet, tatsächlich bereits hinter mir habe, genau wie meine Freunde. Konsequenterweise dürfen ab der Woche nach der Jahreshitparade bei uns auch wieder Einzellisten eingereicht werden, die dann aber schon für das Folgejahr gelten, obwohl immer noch Dezember ist. Diese Tage um den dritten Advent sind für uns der Höhepunkt und Abschluss des Jahres.

Oft empfinden wir große Erleichterung und Freude in diesen Stunden, so gegen 18 Uhr am dritten Advent, wenn „Happy new Year“ verklungen ist. Wir unterhalten uns über unsere Ideen für das begonnene Jahr, wir singen gemeinsam ein Lied, dann läuft „Töne sind verklungen“ von Peter Maffay aus „Tabaluga und das leuchtende Schweigen“. Und mit der Toccata endet unser Jahresfest, wie es knapp 2 Tage zuvor begonnen hat.

Was immer uns in unserem Leben geschieht, dieses gemeinsame Wochenende gibt Kraft und Freude. Viele Jahre lang hat uns das Lied „Der Turm“ des vor 3 Jahren verstorbenen Ludwig Hirsch begleitet. Den Text dieses Liedes haben wir immer gern gehört, und ein wenig haben wir uns in ihm gefunden:

„Ich weiß noch genau, ich war vielleicht 5 Jahre alt, da hab ich mir von Mutter einen Strumpf über den Kopf gezogen, bin damit runter zur Milchfrau und hab gebrüllt: „Fruchtjogurt oder Leben“. Sie haben mich zur Strafe den ganzen Tag in mein Zimmer gesperrt, die Vorhänge zugezogen, die Glühbirne aus der Fassung geschraubt und mich mit der Dunkelheit und einer Fliege, die da irgendwo zwischen Vorhang und Fenster herumlärmte, allein gelassen. Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten, einen Turm, bis zum Himmel hoch. Und ich und meine Freunde, der Franz, der Jakob, der Thomas und auch die kleine Hilde, wir liefen durch die Straßen und riefen alle Kinder der Welt zusammen und luden sie ein, mit uns in den Turm zu ziehen. Ja und das taten sie dann auch. Und wir sprachen alle die gleiche Sprache, lebten frei und glücklich, bis zum Himmel hoch, und niemand konnte uns stören dabei, denn vor dem großen Eingangstor war eine gewaltige, feuer speiende Fliege postiert, die uns beschützte. Und ich weiß noch genau, plötzlich polterte mein Vater ins Zimmer mit seinen schwarzen, schweren Schuhen, die er immer trug. Er riss die Vorhänge auf, schraubte die Glühbirne in die Fassung, erschlug die Fliege und rief: „Ausgeträumt, mein Sohn, raus!“. Da fiel mein Turm in sich zusammen, und alle Kinder der Welt waren wieder wie auf einen Schlag über die ganze Erde verstreut, und keiner verstand mehr die Sprache des Anderen. Und ich ging runter auf die Straße, traf dort den Franz, den Jakob, den Thomas und die kleine Hilde und erzählte ihnen meine Traumgeschichte. Und an diesem Nachmittag beschloss der Franz, nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss, ganz einfach Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.““

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Verschwörungstheorie oder harmloser Überfall: Der Mann, der die Abendnachrichten platzen ließ

Jeder möchte einmal eine viertel Stunde des Ruhms genießen, sagen Sie. Jeder möchte einmal ganz groß in den Abendnachrichten erscheinen, auch wenn der Ruhm schnell verfliegt, sagen sie. Schuld seien die Medien, die aus jeder Tat eines verwirrten Einzeltäters gleich einen terroristischen Anschlag machten, sagen sie. – Und ich wünschte, sie hätten diesmal recht.

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Die Mittwochsrunde oder: Wo wir uns die Welt erklären

In alten Filmen, Hörspielen und Büchern gibt es, wenn sie langsam und nicht voller Action sind, hin und wieder ein Motiv von zwei oder drei alten Männern, die an einem Bierstand stehen, in einem Restaurant sitzen, sich auf einer Parkbank treffen. Dann sitzen sie da, schweigen lange, weil sie sich so gut kennen, und erklären sich irgendwann in langsamem Ton die Welt, sprechen über Gott, die Jugend, Philosophie, ihre Wehwehchen, die Liebe, das Wetter und den Tod. Manchmal lösen sie Kriminalfälle, manchmal beobachten sie als Statisten den Wandel in der Welt, den sie meistens vordergründig nicht verstehen und doch scharfsinnig verfolgen.

Obwohl meine Mittwochsrunde ganz anders ist, viel schneller, spritziger, manchmal auch kontroverser und anteilnehmender, vergleiche ich uns hin und wieder mit diesen drei Männern in alten Filmen, Hörspielen und Büchern. Vermutlich ist es wegen der gleichen Rituale. Brötchen stehen auf dem Tisch, für mich zwei Weißmehlbrötchen, die anderen essen Vollkorn, Butter, Käse und Aufschnitt haben ihren festen Platz. Kaffee kocht der Älteste von uns, es sei denn, unser Gastgeber hat seine Praktikanten eingeladen. So sitzen wir dann alle zwei Wochen Mittwochs um halb elf, immer eine halbe Stunde später als vereinbart, im gemütlichen Wohnzimmer von Franz-Josef Hanke und plaudern über die Welt. Das heißt: Eigentlich reden wir zunächst über Ereignisse der letzten Woche, und wenn Praktikanten dabei sind, werden die erst einmal ausgefragt, woher sie kommen, was sie studieren, und ob Franz-Josef sie nicht zu sehr schindet. Aber schnell wendet sich die Diskussion aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen zu, und manchmal führt uns Franz-Josef auch durch die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, nimmt uns mit auf eine Reise in den Kölner Karneval, oder lässt uns an der Frühzeit der hessischen Grünen teilhaben, auf dass wir einen Hauch dieser friedensbewegten Aufbruchjahre verspüren, die ich nur im Radio verfolgte.

Wir sind zu dritt: Dr. Eckart Fuchs, der Physiker, handwerker, Romantiker und Poet, der Stillste unter uns, der nur ab und zu sehr treffende Bemerkungen macht, den Kaffee kocht und immer weiß, hinter welcher Glastür sich der Zucker verbirgt, den er, genau wie ich, im Kaffee braucht. Dann natürlich Franz-Josef, unser Gastgeber, der Angelpunkt unserer Runde, um den sich alles dreht. Für jeden hat er einen Rat, und wenn jemand handfeste Hilfe benötigt, beim Autokauf, beim Liebeskummer oder bei politischer Lethargie, dann ist er dabei und teilt bedenkenlos Geld, Rat und Hoffnung. Er ist Journalist, Bürgerrechtler, Demokrat alter Schule, aufgegangen in der digitalen Gesellschaft, freundlich, weltoffen und geschichtsbewusst. Er redet gern, erzählt von Vergangenem und den Möglichkeiten für die Zukunft. Mir hat er beigebracht, was ich über Journalismus weiß, hat mich darin bestärkt, meine Talente zu nutzen, mich zu trauen, sie überhaupt zu erkennen und an sie zu glauben.

Seit Jahren sitzen wir alle zwei Wochen Mittwochs an diesem Platz, und es ist ein liebgewordenes Ritual. Manchmal geht es bei uns hoch her, wir sind uns nicht immer einig, aber wir nehmen immer das, was die Anderen sagen, dankbar auf und lernen daraus, erweitern unseren Horizont. Neulich kam ich auf die Idee, wir sollten die Ergebnisse unserer Tischgespräche zusammenfassen und, wenn es sich lohnt, als Blogbeiträge veröffentlichen. Franz-Josef mochte diese Idee und bald darauf erschienen zwei Artikel in seinem Blog. Mit dem einen bedankte er sich für unsere Gespräche, für unsere Freundschaft, was ich nur zurückgeben kann, und was mich sehr berührt hat, und mit dem Anderen besprach er unser letztes großes Thema, die digitale Evolution und ihr immenser Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Das klingt vielleicht etwas abgehoben, aber ich meine folgendes: Vor 20 Jahren sah ich zum ersten mal ein Handy, und heute singen schon Vögel Handytöne nach. Was macht das mit uns, immer vernetzt, immer erreichbar zu sein, immer und überall unsere Spuren zu hinterlassen, selbst wenn wir uns dem Internet verweigern? Was hat sich in unserem Bewusstsein geändert. Dieselben Leute, die vor 30 Jahren gegen die Volkszählung demonstrierten, schreiben heute ihre Daten auf Facebook. Die nächste Generation ist die Generation „wisch und weg“, oder so ähnlich.

Wir sprechen in dieser Mittwochsrunde darüber, was es mit uns macht, wie sehr ich mich lange gegen ein Handy sträubte, bis ich auch in unserem Urlaubsort in den Niederlanden keine Telefonzelle mehr fand und einsah, dass es notwendig war, im Notfall irgendwo anrufen zu können, dass wir andererseits gern vernetzt arbeiten und unsere Erkenntnisse und sicher auch unsere Daten austauschen, und dass wir nicht mehr ohne diese Möglichkeiten leben wollen. Ich erinnere mich daran, wie Franz-Josef vor 17 Jahren sagte: „Das Internet ist nicht alles, es ist nur ein Verbreitungsweg von vielen, und einer, der nicht mal viele Leute erreicht.“ Er sagte das als Journalist und stand dem Schnickschnack kritisch gegenüber. Kaum ein Jahr später gründeten wir den Arbeitskreis barrierefreies Internet, um die Zugänglichkeit von Internetseiten für Menschen mit Behinderung zu fördern. So schnell konnte es gehen.

Nein, wir sind sicher nicht die drei alten Männer aus den Büchern, Hörspielen und alten Fernsehfilmen. Wenn wir da Mittwochs beisammen sitzen, wenn die Brötchen vertilgt sind und wir die zweite Runde des starken Kaffees ausgeschenkt haben, und immer vorausgesetzt, wir müssen nicht an der Technik des Hausherrn arbeiten und haben Zeit zum Nachdenken, dann fühlen wir wohl alle, dass wir in zwei Epochen zuhause sind. Wir haben alle noch Briefe geschrieben und einmal im Monat mit unseren Freunden telefoniert, die Nachrichten im Radio oder auch mal im Fernsehen verfolgt, vertiefende Berichterstattung aus Tages- und Wochenzeitungen erhalten, die Busfahrpläne am Aushang an der Haltestelle gelesen, in der Telefonzelle gestanden und kurz unseren Verwandten mitgeteilt, dass wir gut im Urlaub angekommen sind und vieles mehr. Und gleichzeitig fühlen wir uns im Internetzeitalter angekommen und nutzen es. Wir wissen eben nur, dass das Internet nicht alles ist.

Gegen 12 Uhr verlassen wir Franz-Josef, meistens hören wir die Glocken der nahen Elisabethkirche, wenn wir hinaustreten. Ohne diese Treffen, ohne den Scharfsinn, das Wissen und die Anteilnahme meiner Freunde wäre mein Leben ärmer. Aber ich habe nicht nur viel gelernt in diesen Jahren. Ich habe auch Menschen getroffen, die Anteil an dem nehmen, was mich bewegt. Während wir uns unterhalten klingelt kein Handy, und wenn das Telefon sich meldet, ist Franz-Josef auch nicht begeistert und bescheidet den Anrufer meist freundlich aber bestimmt, er möge sich später noch einmal melden. So sind wir mit den Jahren alle echte Freunde geworden, auf diese unauffällige, unaufdringliche Weise, die aus einem kleinen Debattierclub mit interessanten Ansichten mit der Zeit mehr werden lässt, eben wahre Freunde.

Ob wir in 10 Jahren immer noch alle zwei Wochen Mittwochs zusammensitzen werden, weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Wie die Welt dann wohl aussieht? Und werden wir uns dann immer noch gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen können, um die Dinge zu bewältigen, die uns in dieser Welt begegnen? Ich für meinen Teil hoffe ja, es wird in dieser Zukunft immer noch ungesunde Weißmehlbrötchen geben, und natürlich Zucker für den Kaffee.

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Was ich nach der pariser Tragödie noch zu sagen hätte

In Frankreich folgen Geiselnahmen, Erpressungen, Ermordungen und Polizeijagden auf den Angriff auf die Satirezeitung Charlie Hebdo. Und noch während dies alles geschieht, macht sich die Politik auf, die grausamen Mordtaten für ihre Zwecke auszunutzen.

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Ein klares NEIN zu Pegida

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der sogenannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz PEGIDA. Dieses Gespenst unterwandert von Dresden aus die Mitte der Gesellschaft und zeigt, wie Dünn die Tünche des Humanismus und der Toleranz in Deutschland tatsächlich ist.

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Deutschland mischt sich schamlos in griechische Innenpolitik

Im Internet kursiert seit einigen Tagen ein Begriff namens Grexit. Dabei geht es um den möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone, also den „Greek Exit“. Von den Medien angestachelt und befeuert wird in diesem Zusammenhang eine Debatte geführt, die gar nicht auf der Tagesordnung steht und an Schamlosigkeit kaum zu überbieten ist.

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Meine Meinung zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in Paris

Und wieder einmal erleben wir einen feigen, brutalen, verabscheuungswürdigen Terroranschlag: Diesmal auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris. Knapp 4 Stunden nach der tat sind 12 Tote zu beklagen, darunter 2 Polizisten und 4 Zeichner des Blattes, einer davon der Chefredakteur. Die Täter sind auf der flucht, man geht von einem islamisch motivierten Terroranschlag aus. Ganz Frankreich trauert, die Welt sendet Solidaritätsadressen, und einige Zyniker werfen der Zeitschrift eine Mitschuld an dem Verbrechen vor.

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